Das Bockenheimer Depot – Ein Frankfurter Hipster stellt sich vor

Schreibe einen Kommentar
Bockenheimer Depot

_____________________________________________________________________________________

# EINLEITUNG
Oder wie eine Pferdebahn zur Bühne wurde
Zwischen hochglanzpolierten Wolkenkratzern und Bankenphilosophie sind sie in der Stadt verteilt und erscheinen mir wie ein kleiner Flashback der Vergangenheit, jedoch irgendwie auf modernste Art und Weise. DEPOTS. Indem sie sich dem kapitalistischen Credo der modernen Skyline-Architektur in einem zeitlosen Retrochick selbstbewusst stellen, kontrastieren sie die moderne Stadtkulisse mit einem Hauch Nostalgie – Nach bester Hipster-Manier eben. Doch was verbirgt sich dahinter? Dieser Beitrag sucht nach Antworten, stets mit dem Fokus auf das Bockenheimer Depot.

069 & das Bockenheimer Depot
Metropolen definieren sich durch ihre Wandlungsfähigkeit. Ausdrucksform ihrer transformierenden Kraft ist die Differenz von Selbst- und Fremdinszenierung, die Ökonomie von gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Beziehungen ihrer Bewohner. Für die Selbstdarstellung bedürfen Metropolen der Anerkennung von außen. Angesichts der zunehmenden Bedeutung attraktiver Stadtbilder wenden sich immer mehr Stadtplaner, Marketingexperten und Politiker an Auftrittsexperten, die Architektur und Atmosphäre szenografisch zu vermitteln wissen.Welche Reibungen ergeben sich zwischen „Hirn, Hand und Herz“ – wie Fritz Langs programmatische Formel für die Inszenierung „Metropolis“ lautete, bzw. zwischen Eventmarketing und Stadtfunktionalität? Und wie funktioniert bzw. wirkt das Bockenheimer Depot? Es ist Teil Frankfurter szenografischer Strategie und Technik der Inszenierung des urbanen Raums und trägt zur szenologischen Reflexion der Stadt als Ereignis bei.Aus unterschiedlichen Perspektiven, von Geschichte und Architektur, Urbanistik, Kunst bzw. Theater, zeigen die nächsten Beiträge Inszenierung des urbanen Raums durch das Bockenheimer Depot auf und tragen zur szenologischen Reflexion der Stadt als Ereignis bei.

Straßenbahn des Typs A vor dem Depot, um 1900
Bildautor unbekannt

Bockenheimer Depot, 2017
Foto: Natalia Gette

#VON DER PFERDEBAHN…
Eine historische Retrospektive
Beim Flanieren auf der Bockenheimer Warte fällt es direkt in den Blick: Das Bockenheimer Depot. Imposant präsentiert es sich auf einem großen, immer belebten Platz zwischen dem Uni Campus Bockenheim, der Universitätsbibliothek und der Leipziger Straße. Und das schon seit 1900. Damals zwar noch eine Wagenhalle aus Holz, die als Betriebshalle der damaligen Pferdebahn diente. Einige Jahre später jedoch wieder abgerissen, da sie nicht für die elektrischen Triebwagen der Straßenbahn geeignet war. Die Pferdebahn wurde ersetzt durch das heutige Gebäude und erweitert durch eine hölzerne Halle für die Straßenbahnhauptwerkstatt.

…. ZUR BÜHNE
Die Multifunktionsfähigkeit des Depots
Es folgte ein Brand im Opernhaus im Jahre 1987, worauf sich das Schauspiel eine neue Spielstätte suchte. Hierzu eignete sich das Bockenheimer Depot perfekt. Es bot den benötigten Raum für die Theateraufführungen, Kapazität für Massen an Theaterbesuchern und eine zentrale Lage und schnelle Anbindung mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Für knapp 14 Millionen DM wurde es 1988 renoviert und in ein Theater umgebaut und mit einem längsseitigen Anbau aus Stahl ergänzt. Vor der neuen Spielstätte wurde ein großer Platz freigelegt. Die Wiedereröffnung der Oper folgte im Jahre 1991. Seither werden im Bockenheimer Depot Aufführungen der Oper FFM gezeigt, sowie u.a. Gastaufführungen der Tanztruppe „The Forsythe Company“, die ihren Einzug 1999 hatte.

# WALTER BENJAMIN
Weil er (fast) immer eine gute Theorie parat hat 
In seinem berühmten Aufsatz über das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, dessen Quintessenz in einer Ästhetik des 1936 neuen Mediums Film und dessen Fähigkeit zur Mobilisierung der Massen liegt, hat Walter Benjamin auch einige treffende Aussagen zur Architektur gemacht. Die Gesetze der Wahrnehmung von Architektur sind für ihn deshalb lehrreich, weil sie auf ähnlichen Bedingungen wie denen des Films beruhen. So ist Architektur für ihn der Prototyp eines Kunstwerks, „dessen Rezeption in der Zerstreuung und durch das Kollektivum erfolgt.“ Zudem werden Bauten auf doppelte Art rezipiert, nämlich durch Gebrauch und durch Wahrnehmung: taktisch und optisch. Dabei, so stellt Benjamin fest, verläuft die taktische Rezeption nicht durch Aufmerksamkeit, sondern durch Gewohnheit. Und mit der optischen Rezeption von Architektur verhalte es sich nicht anders: auch sie finden „viel weniger in einem angespannten Aufmerken als in einem beiläufigen Bemerken statt.“

Benjamins „Kunstwerk-Aufsatz“ und seine Gedanken darin lassen sich gut am Beispiel des Theaterbaus weiterführen. Denn stellt man sich die Frage, ob denn die Architektur des Zuschauerraumes einer Oper, eines Theaters oder gar Kinos betrachtet wird, so müsste man beinahe eine Null-Rezeption feststellen, denn die taktische und optische Aufmerksamkeit wird ganz vom Geschehen auf der Bühne oder der Leinwand absorbiert, die Architektur verschwindet hierbei beinahe ganz im Nichtwahrgenommenen. Aber wäre dem jedoch tatsächlich so, so fehle dem Architekturhistoriker jede Argumentationsbasis, zu begründen, warum es überhaupt eine Entwicklungsgeschichte des Theaterbaus gebe.

Eine der wichtigsten und schwierigsten Bauaufgaben des Theaterbaus ist es, Inneres und Äußeres so in Einklang zu bringen, dass sich beides gegenseitig erklärt und den Inhalt offenlegt. Entwicklungsgeschichtlich kam das Theater erst sehr spät zu seinem „Haus“. In der Antike sind die halbrunden Zuschauerräume meist, der Topographie folgend, an einen Bergrücken geschmiegt und auch die Szene und andere Bühnenaufbauten kehren dem Äußeren den Rücken zu. Die sich sehr zurücknehmende Architektur der Fassaden gibt nicht zu erkennen, zu welchen Aufgaben sie geschaffen ist. Bauten wie das Kolosseum in Rom und andere Amphitheater lassen zwar durch ihre zahlreichen rundbogigen Öffnungen und Treppen eine hohe Funktionalität erkennen, doch dass hinter diesen säulenverzierten Fassade Schauspiele und andere öffentliche Darbietungen stattfanden, das musste man wissen, man sah es nicht – weder offenkundig noch beiläufig.

Soviel zu einem kleinen Exkurs in der Architektur- bzw. Theaterbaugeschichte. Das Depot und seine Reduktion auf einfachste stereometrische Grundformen, lässt gleichermaßen nicht darauf schließen, eine Bühne im Inneren zu präsentieren. Einzig die Aufschrift, die bei Nacht leuchtet, und die Werbetafel vor dem Depot lassen darauf zurückführen. Durch diese sprechenden Qualitäten bzw. Mitteln präsentiert sich das Theater von innen und außen. Im alten Rom waren es die Inschriften, Stauten der Musen oder von Dichtern, die die Vorläufer von Plakaten und Leuchtwerbung darstellten und dafür sorgten, dass der Theaterbegeisterte den Ort des geselligen Vergnügens fand.

Bockenheimer Depot, 2017
Foto: Natalia Gette

#ARCHITEKTUR
Und warum das Depot sich als Raum für die Bühne eignet
„Aus trägen Steinen baut die Leidenschaft ein Theater […] “
– Le Corbusier.

In seiner Theaterfunktion bricht das Bockenheimer Depot mit der klassischen „Guckkastenbühne“ und betonierten Opernsälen. Stattdessen bietet es Räume mit flexiblem Auditorium und einem rohbauähnlichen Touch. Wie der englische Regisseur Peter Brook in seinem Buch „Der leere Raum“ schrieb: „Am Theater gibt es keine organisatorische Frage, die nicht gleich eine künstlerische ist“, gleichermaßen lässt sich das auch auf die Architektur übertragen, in diesem Fall auf das Depot und seine Multifunktionalität. Kernstück des Depots ist die 1900 errichtete ehemalige Wagenhalle, eine dreischiffige Halle aus unverputztem gelben Ziegelmauerwerk mit roten Gesimsen und Zierbändern. Die Giebelseite ist durch vier Pfeiler und einen gemauerten Bogen mit einem halbrunden Fenster gegliedert. Bemerkenswert ist die hölzerne Dachkonstruktion aus halbkreisförmigen Bogenbindern, die auf den französischen Renaissance-Baumeister Philibert Delorme zurückgeht und in dieser Form nur noch in wenigen erhaltenen Bauten vorkommt, u. a. im Kuppelsaal der TU Wien. Das Mittelschiff ist 12 Meter hoch, die beiden Seitenschiffe jeweils 5,40 Meter. Die Halle überspannt eine Fläche von 75 mal 30 Metern und bietet bei Theaterveranstaltungen etwa 400 Sitzplätze oder bis zu 1.000 Stehplätze.
Das Depot ist ein Kulturdenkmal aufgrund des Hessischen Denkmalschutzes.

Bockenheimer Depot 1979.
Institut für Stadtgeschichte Foto: Meier-Ude

Bockenheimer Depot 2017
Foto: Natalia Gette

_____________________________________________________________________________________________

# LITERATURVERZEICHNIS

# Dieter Höltge, Günter H. Köhler: Straßen- und Stadtbahnen in Deutschland. 2. Auflage. 1: Hessen. EK-Verlag, Freiburg 1992.

# Horst Michelke, Claude Jeanmaire: 100 Jahre Frankfurter Straßenbahnen: 1872–1899 – 1972. 1. Auflage. Verlag Eisenbahn, Villigen AG, bei Brugg/Schweiz 1972.

# AW Architektur + Wettbewerbe, Theaterhäuser, Krämer Verlag, Stuttgart 2006.

# Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. deutsche Fassung 1939, in: ders., Gesammelte Schriften. Band I, Suhrkamp Verlag, Berlin 1980.

# Kenneth Powell: Stadt im Umbau. Städtebau zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Deutsche Verlags-Anstalt DVA, München 2010.

# Raf Bohn, Heiner Wilharm (Hg.): Inszenierung der Stadt, Urbanität als Ergebnis. transcript Verlag, Bielefeld, 2011.

# Peter Brook: Der leere Raum. Alexander Verlag; Auflage: 10., Aufl., Berlin, 2009.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.