Vitrinenausstellung BSKW:

Kunstgeschichte in mit Elisabeth Schwarz-Weiss

Die Dissertation „Franz Marc. Ein Versuch zur Deutung expressionistischer Stilphänomene und ihrer Voraussetzungen“, mit der Elisabeth Weiss 1933 an der Goethe-Universität im Fach Kunstgeschichte promoviert wurde, war Ausgangspunkt einer Recherche im Rahmen des Hauptseminars „Institutsgeschichte(n). Die Lehrsammlung des Kunstgeschichtlichen Instituts im Kontext von Geschichte und Gegenwart.“

Zwei Aspekte waren Gegenstand des Interesses: Einerseits das zeitgenössische Thema der Arbeit (bis dahin und noch für lange Zeit eine absolute Ausnahme) und andererseits die politische Zäsur um 1933, in der die Arbeit fiel. Dazu kam das Ansinnen, die Bedingungen aufzuzeigen, in denen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts studierten und arbeiteten. Der Lebenslauf am Ende der Dissertation, in dem Weiss von ihren Lehrtätigkeiten am städtischen Kindergärtnerinnen-Seminar und den städtischen Haushaltsschulen berichtet, ist in dieser Hinsicht bereits aussagekräftig, was sich durch die Einsichtnahme ihrer Studienakte im Universitätsarchiv zusätzlich vertiefen ließ. Weitere Funde folgten in der Städel-Bibliothek, wo sich der größtenteils handgezeichnete Abbildungsteil der Dissertation fand sowie im Frobenius-Institut, wo sich Spuren der späteren Tätigkeit von Weiss ausfindig machen ließen. Eine Überraschung stellte ihre Verbindung zu einem prominenten Frankfurter Künstlerpaar dar…

Impressum

Kunstgeschichte in mit Elisabeth Schwarz-Weiss. Eine Vitrinenausstellung im Rahmen der Lehrveranstaltung: „Institutsgeschichte(n). Die Lehrsammlung des Kunstgeschichtlichen Instituts im Kontext von Geschichte und Gegenwart“, durchgeführt von Thomas Helbig, Sommersemester 2026, Bibliothek Sprach- und Kulturwissenschaften, Goethe-Universität, Campus Westend, Rostocker Straße 2, 60323 Frankfurt/M.

Dank: Laura Buchholz und Amelie Heidrich (SHK Mediathek), Elena Ganzlin und Michael Mohr (Städelbibliothek), Richard Kuba, Jennifer Markwirth und Ursula Paul (Frobenius-Institut), Marijana Grabovac (Uniarchiv), Julia Kratz (Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg) und Marielle Singer-Bayrle.

Text: Thomas Helbig.

Gestaltung: Giulia Chessa, Corinna Eller-Stapp, Thomas Helbig.

Stationen

  1. Studienzeit und Promotion

Unsere Absicht, der Person hinter der Dissertation von 1933 ein Gesicht zu geben, führte zur Studienakte im Uniarchiv, die zwei Ausweiskarten enthält. Zusätzlich finden sich Briefe, in denen Elisabeth Weiss (1905-1964) um finanzielle Beihilfen bzw. den Erlass der Studiengebühren bittet. Die Dissertation ist ein ehrgeiziges Unternehmen. Weiss besucht Museen, private Sammlungen und führt Gespräche mit Marie Marc-Schnür, der ersten Ehefrau von Marc. Ihr Doktorvater, →Hans Jantzen, setzte sich für sie ein.

Fraglich ist, wie sich Weiss zum NS positionierte. Ihre mündliche Prüfung, die im November 1933 erfolgte, fiel in die Zeit nach der Machtübernahme und ihre Arbeit behandelt einen Künstler, der kurz darauf als „entartet“ diffamiert wurde. Während Jantzen sich öffentlich zum Nationalsozialismus bekannte, prognostiziert Weiss den Rückfall der Kunstgeschichte ins Völkische, verbunden mit der Unvereinbarkeit mit einem internationalen Stilphänomen wie es der Expressionismus war.

Zitat:

„Durch die letzte Entwicklung aber erscheint allem, was der Expressionismus war und sein konnte, nun auch äußerlich jede Basis entzogen. Die Gesinnung und Haltung des Expressionismus war international, er gehörte zuerst der Welt […].“
(Elisabeth Weiss, 1933).

„Durch die mit der Gründung des Dritten Reiches ermöglichte straffe Formung des gesamten Volkes im Geiste eines neuen schöpferischen Ganzheitsgedankens ist auch für die deutsche Kunst wieder ein tragender Grund geschaffen. […] Der in seinem Volkstum wurzelnde Künstler von heute wird sich bewähren, wenn er im Geiste des Hitlerwortes schafft: ‚Die Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission.‘“
(Hans Jantzen, Geist und Schicksal der deutschen Kunst, Köln 1935)

Exponate:

  • Elisabeth Weiss, Porträt, SW-Fotografie, entn. aus: Seniorenfeier: Alf und Thomas Bayrle, hrsg. v. Jörg Daur, Ausst.kat, Museum Wiesbaden, Köln 2016, Digitaldruck.
  • Brief von Elisabeth Weiss an den Rektor, 12. Dezember 1932, UAF Abt. 604 Nr. 5447, Digitaldruck (Transkription T.H.).
  • Hans Jantzen, Antrag zur Gewährung einer Beihilfe, 19. Juni 1932, UAF Abt. 604 Nr. 5447, Digitaldruck (Transkription T.H.).
  • Walter Platzhoff, Gutachten über Hans Jantzen, 6. März 1935, UAF Abt. 134 Nr. 245, Digitaldruck (Transkription T.H.).
  • Hans Jantzen, Geist und Schicksal der deutschen Kunst, Köln 1935, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Dauerleihgabe Städelbibliothek, M 03/73/25 8°.
  • Ausweiskarte Elisabeth Weiss, UAF Abt. 604 Nr. 5447, Digitaldruck.
  • Elisabeth Weiss, Ehrenwörtliche Erklärung, UAF Abt. 604 Nr. 5447, Digitaldruck.
  • Dissertation von Elisabeth Weiß, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Bibliothek Sprach- und Kulturwissenschaften (BSKW), M 03/LI 56450 W429 (Inhalt und Lebenslauf in Kopie).
  • Deckblatt Abbildungen zur Dissertation (eigens zusammengestellte Mappe mit 70 Abbildungen), Städel-Museum, Bibliothek, M85/80 4º, Digitaldruck.
  1. Franz Marc in Farbe

Unser besonderes Augenmerk lag außerdem auf der beiläufigen Bemerkung zu Beginn der Dissertation, wo Weiss schreibt, dass sie Abbildungsmaterial am Institut hinterlegt habe, das zur Begutachtung ihrer Studie hinzugezogen werden konnte. Glücklicherweise konnte die Mappe mit rund 70 Abbildungstafeln in der Städel-Bibliothek aufgefunden werden. Da sich Weiss in ihrer Studie mit der Bedeutung von Farbe im Werk von Franz Marc (1880-1916) beschäftigte, sind zahlreiche, der von ihr verwendeten Abbildungen, eigenhändig angefertigte Farbreproduktionen nach Werken von Marc, die nach eigener Anschauung entstanden. Das erklärt auch den unikalen Charakter des Abbildungsteils, der nur in Frankfurt vorliegt. In einer Zeit, in der das Fach überwiegend „in Schwarz-Weiss“ unterrichtet wurde, wenn der Zugriff auf das Original nicht gegeben war, demonstriert diese Vorgehensweise eine bemerkenswerte Ausnahme, die zugleich vom Selbstbwusstsein der Verfasserin zeugt.

Zitate:

„[…] daß Franz Marc, bei dem ‚Eselfries‘ […], direkt eine Übertragung des ägyptischen Reliefs in Malerei versucht hat. Es ist nicht genau festzustellen, wann er das Kalksteinrelief der Eselherde gesehen und studiert hat. Sicher ist nur, daß er es gekannt hat, denn die Uebereinstimmung erstreckt sich bis auf die Maße“.
(Elisabeth Weiss, 1933)

„Dem festen Gefüge der Tierleiber entspricht ein klares Ultramarin. […] In der Fläche ist das Blau häufig mit Weiß aufgehellt […] und gelegentlich scheint ein helleres Gelb durch […]. Noch mehr als bei den früheren Werken, […]  wird das Gewicht zugunsten des Geistigen verlagert, des Geistigen, das durch Bewegung, Rhythmisierung der Einzelformen und des Ganzen auf Kosten der „natürlichen“ Formen und Farben zum Ausdruck gebracht werden soll“.
(Elisabeth Weiss, 1933)

Exponate:

Elisabeth Weiss, Abbildungen zur Dissertation (eigens zusammengestellte Mappe mit 70 Abbildungen), Städel-Museum, Bibliothek, M85/80 4º:

  • Franz Marc, Eselfries, 1911, Öl auf Leinwand, 150 x 81 cm, Franz-Marc-Museum, Kochel, SW-Fotografie (Abb. 50), Digitaldruck.
  • Ägyptisches Relief, Eselherde, um 2700-2600 v. Chr, Kalkstein, 0,25 x 0,44 cm, Rijksmuseum van Oudheden, Leiden, SW-Fotografie (Abb. 51), Digitaldruck.
  • Franz Marc, Turm der blauen Pferde, 1913, Öl auf Leinwand, 200 x 130 cm, ehem. Nationalgalerie Berlin, heute verschollen, SW-Fotografie (Abb. 55) und handkolorierte Zeichnung (Abb. 55a) aus dem Bildteil zur Dissertation von E. Weiss, Städel-Museum, Bibliothek, M85/80 4º, Digitaldruck.
  • Handkolorierte Zeichnung (Abb. 61) nach: Franz Marc, Liegender Hund im Schnee, 1911, Öl auf Leinwand, 84,5 x 105,5 cm, Städelmuseum, Frankfurt a.M., Digitaldruck.
  • Franz Marc, Rote Rehe II, 1912, 70 x 100 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, SW-Fotografie (Abb. 37) und handkolorierte Zeichnung (Abb. 37a), Digitaldruck.
  • Franz Marc, Die weisse Katze (Kater auf gelbem Kissen), 1912, Öl auf Pappe, 60 x 49 cm, Kunstmuseum Moritzburg, Halle, SW-Fotografie (Abb. 45) und handkolorierte Zeichnung (Abb. 45a), Digitaldruck.
  • Ausstellung „Entartete Kunst“ im Galeriegebäude am Münchener Hofgarten, 1937, Foto: Arthur Grimm (im Hintergrund Franz Marcs Turm der blauen Pferde), Digitaldruck.
  • Monika Wagner, Kunstgeschichte in Schwarz-Weiss. Reproduktionstechnik und Methode, Göttingen 2022, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Bibliothek Sprach- und Kulturwissenschaften (BSKW), 03/LH 60420 W132.
  1. Auf Expedition

Nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete Weiss für das von Leo Frobenius (1873-1938) gegründete Forschungsinstitut für Kulturmorphologie zur Erforschung prähistorischer Felsbilder Afrikas, das ab 1925 in Frankfurt verankert wurde (heute: Frobenius-Institut). Auf den Expeditionen brachte sie sich nebst ihrer wissenschaftlichen Expertise auch mit ihren zeichnerischen Fähigkeiten ein. Dort lernte sie den Maler und Grafiker Alf Bayrle (1900-1982) kennen, der die Expedition begleitete und den sie 1937 heiratete. Hatte sie in ihrer Dissertation Spuren der künstlerischen Adaption nach Werken der ägyptischen Antike bei Franz Marc nachgewiesen, so hatte Weiss nun unmittelbar mit Werken des Altertums Kontakt. Auch dem Themenkreis künstlerischer Tierdarstellungen blieb sie somit verbunden.

Nach ihrer Tätigkeit für das Frobenius-Institut und der Übersiedlung nach Berlin 1937, verliert sich die Spur ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Allein es fand sich eine kleine Publikation aus dem Jahr 1938 mit einer Sammlung von Familienspielen, mit der sie an Erfahrungen aus ihrem Beruf als Jugendleiterin anknüpfte, den sie bereits zur Finanzierung ihres Studiums ausgeübt hatte. Das Büchlein enthält Illustration und es könnte vermutet werden, dass diese ebenfalls von Weiss angefertigt wurden. Das handkolorierte Titelbild des antiquarisch erworbenen Exemplars spricht von der individuellen Nutzungsgeschichte des Buches und seinem partizipativen Ansinnen. Es finden sich auch handschriftliche Notizen zu Wortspielen, die von der Verwendung des Buches zeugen.

Exponate:

Bilder aus Expeditionen des Frobenius-Instituts, Frankfurt am Main:

  • Alf Bayrle, Springender Bison und großer Tierkopf, Polychrome Malerei (Altamira), Aquarell, 126 x 92 cm, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FBA-D2 02658, Digitaldruck.
  • Alf Bayrle und Elisabeth Weiss(?) in Altamira, 1936, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 17-KB31-17, Foto: Martin Lippmann, Digitaldruck.
  • Oued Itel-Naima. Weiss malt sich, Algerien, 1934/35, Fotografie, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 12-KB41-36, Digitaldruck.
  • Alf Bayrle beim Zeichnen, 1934/35, Äthiopien, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 13-KB12-38, Digitaldruck.
  • Agheila: Weiss, Libyen, 1934/35, Fotografie, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 12-KB34-05, Digitaldruck.
  • Tougghourt: Achsenbruch, Algerien 1934/35, Fotografie, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 12-0856, Digitaldruck.
  • Kairo: Weiss beim Kartenzeichnen, Ägypten 1934/35, Fotografie, Frobenius-Institut, Frankfurt/M., FoA 12-0443, Digitaldruck.
  • Karl-Heinz Kohl, Richard Kuba, Hélène Ivanoff (Hg.), Kunst der Vorzeit, Felsbilder der Frobenius-Expedition, München 2021, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Bibliothek Sprach- und Kulturwissenschaften (BSKW), 03/LO 90856 K79.
  • Frobenius: Die Kunst des Forschens, hrsg. v. Großkinsky, Manfred; Sander, Birgit; Kuba Richard und Gisela Stappert, Ausst.kat, Museum Giersch, Frankfurt/M., Petersberg 2019.
  • Elisabeth Bayrle, Spiele um den Familientisch, Hefte für Mutter und Kind, für Krippen, Kindergärten und Horte in Stadt und Land, hrsg. V. Luise Besser und Johanna Boeckers (= Spiel und Feier, H. 3), Langensalza 1938, Privatarchiv: Thomas Helbig (Titelseite und Beispielseite in Kopie).
  1. Familie Bayrle

Aus der Ehe zwischen Elisabeth und Alf Bayrle gingen drei Söhne hervor. Der älteste Sohn, Thomas Bayrle (*1937), ist ein prominenter Frankfurter Künstler geworden, der zwischen 1975 und 2007 als Professor an der Städelschule unterrichtete. 2016 initiierte Bayrle die Ausstellung „Seniorenfeier“, in der er eigene Werke zusammen mit Werken seines Vaters präsentierte. Entsprechend zeigt das Titelbild des Katalogs die Montage eines Gemäldes von Alf Bayrle und einer Grafik von Thomas Bayrle. Letzterer heiratete 1961 die Künstlerin Helke Bayrle (geb. Rochelmeyer, 1941-2022), die von 1992 bis 2016 ein umfangreiches Videoarchiv der Ausstellungen und Veranstaltungen des Frankfurter Portikus anlegte (http://www.portikusunderconstruction.de/). Die Schirn richtete mit Fröhlich sein! zuletzt eine große Ausstellung für Thomas Bayrle aus.

Exponate:

  • Alf und Elisabeth Bayrle mit dem gemeinsamen Sohn Thomas, aufgenommen in Berlin, ent. aus: Dieter Ronte, Alf Bayrle – Ausstellung zum 120 Geburtstag, Kurfürstliches Gärtnerhaus Bonn, 2020, https://www.youtube.com/watch?v=mDlQ7zSWTlg, Screenshot.
  • Helke Bayrle, Portikus Under Construction, 1992-2016, Frankfurt/M. 2017, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Zentralbibliothek, Q 90.984.62.
  • Seniorenfeier: Alf und Thomas Bayrle, hrsg. v. Jörg Daur, Ausst.kat, Museum Wiesbaden, Köln 2016.
  • Thomas Bayrle in der Schirn, Flyer zur Ausstellung Fröhlich Sein!, Frankfurt am Main, 2026.
  • Alf und Elisabeth Bayrle, um 1937, ent. aus: Dieter Ronte, Alf Bayrle – Ausstellung zum 120 Geburtstag, Kurfürstliches Gärtnerhaus Bonn, 2020, https://www.youtube.com/watch?v=mDlQ7zSWTlg, Screenshot.