Auslandserfahrung mal andersherum – Interview mit einem ERASMUS-Studierenden aus Kopenhagen

Niels Tage Lang Jensen studiert normalerweise Deutsch und Politikwissenschaft (auf Lehramt) an der Universität Kopenhagen, aber im Wintersemester 2025/26 war er hier in Frankfurt an der Goethe-Universität als ERASMUS-Student zu Gast. Einige unserer Dänisch-Studierenden haben Niels bereits auf unserer Exkursion nach Kopenhagen im Juni 2025 getroffen und ihn während seiner Zeit in Frankfurt in ihre Freizeitaktivitäten eingebunden und sind mit ihm auf dem Campus essen gegangen.

Im Laufe des Wintersemesters besuchte Niels zweimal den Dänisch III-Kurs, um während einer Konversationsstunde auf dem sogenannten „Heißen Stuhl“ zu sitzen und die Fragen der Studierenden zu beantworten. Hier möchten wir nun einen Auszug aus den Interviews mit euch teilen.

Dänisch-III-Kursteilnehmende: Warum hast du dir ausgerechnet Frankfurt als Standort für deinen ERASMUS-Aufenthalt ausgesucht?

Niels: Deutsch ist mein Hauptfach und somit war klar, dass Deutschland mein Austauschland werden würde. Wir konnten zwischen Berlin, Frankfurt am Main, Göttingen, Hamburg und Heidelberg wählen. Da ich bereits nach meinem Abitur länger in Berlin gewohnt habe, wollte ich einmal was Neues ausprobieren. Hamburg liegt für mich zu nahe an Dänemark und in Heidelberg waren die Plätze alle schon vergeben. Außerdem sollte die Uni in einer Stadt mit einem Bundesligaverein sein, daher schied Göttingen auch aus. Das waren meine Gründe dafür, mich schlussendlich für Frankfurt zu entscheiden.

Was ist deiner Meinung nach der größte Unterschied zwischen dem Studieren in Dänemark und Deutschland?

Tatsächlich war ich überrascht, dass der Abstand zwischen Studierenden und Dozierenden in Deutschland nicht so groß ist wie erwartet. Abgesehen davon, dass man sich in Deutschland meist siezt und in Dänemark alle duzt, ähneln sich die Umgangsformen doch stark.

Während in Kopenhagen die Fredagsbar („Freitagsbar“: Tradition dänischer Studierender, sich am Freitagnachmittag im Institut, oft bei einem Bier, zu treffen.) dazu dient, mit anderen Studierenden in Kontakt zu treten, habe ich hier in Frankfurt vor allem durch den Hochschulsport Leute kennengelernt. Ich war beispielsweise im Laufverein. Kurz gesagt: Bier in Kopenhagen und Sport in Frankfurt. Lach!

Was wirst du am meisten an Frankfurt vermissen, wenn du zurück in Kopenhagen bist?

Dass ich nicht mehr täglich Deutsch sprechen werde, und natürlich euch liebe Menschen! Außerdem werde ich die mehr südländische Kultur, die milderen Temperaturen, deutsche Supermärkte – ich liebe REWE! – deutsches Bier und die Fußballkultur vermissen. Ich war bei Bundesligaspielen von Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin und Mainz 05 und liebe die festliche Stimmung im Stadion, das Bier und die Würstchen und die vielen unterschiedlichen Menschen, die genauso fußballverrückt sind wie ich. In Dänemark gibt es bei Spielen der Superliga (höchste Spielklasse im dänischen Fußball) nicht so ein großes Publikum, außerdem geschieht nicht so viel abgesehen vom Spiel selbst.

Was war dein Lieblingsmoment oder dein Lieblingstag in Frankfurt?

Oh, das ist schwierig! Es waren so viele. Am Anfang war ich sehr aufgeregt, wenn ich im Unterricht etwas auf Deutsch sagen wollte, daher war der Moment, als ich etwas gesagt habe, das verstanden und ernst genommen wurde, einfach großartig. Der größte Erfolgsmoment war aber wahrscheinlich, als ich ein Referat auf Deutsch gehalten habe. Und die schönsten Tage waren wahrscheinlich die, als ich mit auf Partys war, die Besuche von Ebbelwoi-Kneipen und Touren in die Umgebung, wie zum Beispiel in den Taunus.

Wie würdest du die Zeit in Frankfurt beschreiben?

Ich würde sagen, dass es eine gute, lehrreiche, spannende und interessante Zeit war. Es war schön, Neues in Deutschland zu entdecken und auch neue Menschen kennenzulernen. Ich kann jetzt auch besser allein sein. Am Anfang war es angsteinflößend und ich hatte auch ein bisschen Heimweh, aber ich habe mich weiterentwickelt und werde stärker nach Hause zurückkehren. Jetzt habe ich kein Problem mehr damit, fremde Leute anzusprechen.

Was hast du hier gelernt, das du versuchen wirst, auch zuhause umzusetzen?

Die Leute waren so offen und haben mich aufgenommen. Sie haben das Gespräch auf Deutsch fortgesetzt und sind nicht direkt ins Englische gewechselt, wenn sie gemerkt haben, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Das möchte ich auch versuchen, wenn Leute aus dem Ausland Dänisch mit mir in Kopenhagen sprechen.

Welche dänischen Dinge vermisst du am meisten?

Die Süßigkeiten-Mischung „Matador Mix“ und kanelgifler. (Diese Aussage zu den Zimtgebäckstückchen veranlasste die Dänisch-Studierenden zu der Bemerkung, dass man diese auch bei REWE, Tegut oder Ikea kaufen kann. Da hätten sie mal früher drüber reden sollen.) Oder „Go-go Taquitos“ von 7-Eleven (Taquitos sind frittierte Tortillaröllchen mit verschiedener Füllung, die man to go im Supermarkt 7-Eleven bekommt), die einfach saulecker schmecken, wenn man nachts auf dem Heimweg ist. Ich vermisse auch die Fredagsbar an der Uni und die Kaffeebar der Studierenden, die von Freiwilligen betrieben wird. Und natürlich den Strand und das Meer. Es ist so schön, am Strand laufen zu gehen.

Was sind deine Lieblingsorte in Frankfurt bzw. in Deutschland?

Ich liebe es, entlang des Mains spazieren zu gehen, und die Berger Straße in Bornheim erinnert mich an Notting Hill. Ansonsten mag ich den Feldberg im Taunus, München, die Zugspitze und die Alpen allgemein.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Ich denke, dass diese drei Erlebnisse sich den Titel „Schlimmstes Erlebnis“ verdient haben: 

Ich habe für eine Nacht in einem Hostel in Berlin in einem Acht-Personen-Zimmer geschlafen und sollte, weil ich als Letzter angekommen war, ein Doppelbett mit einem Schweden teilen, der auf Drogen war und auf Schwedisch murmelte: „Was soll ich mit der Person machen, die neben mir liegt?“ Ich glaube, in dieser Nacht habe ich nur 20 Minuten geschlafen. 

Mein zweites negatives Erlebnis war die erste Sitzung in einem Seminar an der Uni, wo der Dozent fragte, was wir über die Weimarer Republik wissen. Ich erzählte, was ich aus der Schule wusste, und er antwortete, dass es ihn nicht interessiere, was man in Dänemark darüber lernt. Ich war ein bisschen schockiert, aber ich habe den Kurs nicht aufgegeben, und am Ende bin ich froh darüber gewesen. Ich glaube, dass der Dozent es nur ein bisschen unglücklich formuliert hat. Wahrscheinlich wollte er einfach wissen, was man in Deutschland darüber weiß.

Ein weiteres schlimmes Erlebnis hatte ich im Bahnhofsviertel in Frankfurt, als mich ein Obdachloser mit einem Tritt in die Luft an der Schulter getroffen hat. Ein Passant sagte hilfsbereit zu mir, ich solle einfach weitergehen.

Welche Stereotypen über Deutschland kannst du nun bestätigen?

„Bier und Wurst“ auf jeden Fall! Die Dänen sagen immer „Ordnung muss sein“, wenn sie über Deutschland reden, aber ich finde, das stimmt nicht. Wenn man nur an die vielen Verspätungen der Deutschen Bahn denkt, zum Beispiel. Überrascht hingegen hat mich, wie offen und aufgeschlossen die Deutschen sind.

Hast du dich in der Zeit, wo du in Frankfurt gewohnt hast, verändert?

Mein Deutsch ist auf jeden Fall besser geworden. Da ich mit fünf anderen Jungs zusammenwohne, habe ich gelernt, hinter anderen aufzuräumen.

Zum Schluss nun drei schnelle Fragen:

Was sind deine Lieblingsorte in Kopenhagen?

  • Frederiksberg Have (die größte, im englischen Stil gehaltene Grünfläche im Westen Kopenhagens)
  • Søndermarken (ebenfalls ein Park, der südlich an Frederiksberg Have grenzt)
  • BaneGården (Street Food-Areal mit Sitzbereichen im Freien)
  • Kødbyen (früher das Fleischereiviertel Kopenhagens in Vesterbro, heute angesagtes Viertel mit Kunst, Gastronomie und Nachtleben)
  • Amager Strandpark (größter Strand Kopenhagens, der sich auf der künstlich errichteten Insel Amager südöstlich von Kopenhagen befindet; geschütztes Naherholungsgebiet)

Wo machst du in Dänemark am liebsten Urlaub?

Im Ferienhaus auf den Inseln Fanø und Bornholm.

Wer sind deine dänischen Lieblingsmusiker?

Rasmus Seebach, Andreas Odbjerg, Minds of 99, Gilli, Lamin und Kim Larsen.

Nachdem Niels bereitwillig und offenherzig alle Fragen der Studierenden beantwortet hat, haben sie die Rollen getauscht, und Niels konnte seinerseits Fragen stellen.

Für unseren Dänisch-Unterricht war es eine große Bereicherung, im Laufe des Semesters aktiv Dänisch mit Niels reden zu können. Besonders gilt das für die beiden Studierenden, die gerade ihren ERASMUS-Aufenthalt in Kopenhagen planen, und nun bereits einen Freund dort haben, der weiß, wie es ist, neu an einer Uni, in einer Stadt und in einem Land zu sein.

Das Interview führte der Dänisch III-Kurs.

Übersetzt von Verena Reichel.

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