Das Leben zwischen den Paragraphen

Ein Bericht über das Jurastudium in Deutschland von einer Jurastudentin aus dem 4. Semester 

Die erste Frage, die Jurastudierenden in Deutschland gestellt wird, ist meist: 

,,Ist das nicht total trocken und nur Auswendiglernen ?”

Dann antwortet jeder Jurastudent meist: 

,,Es kommt darauf an…”

Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man das Studium selbst sieht und wie es nach außen dargestellt wird. Ich möchte in diesem Beitrag das Jurastudium in Deutschland ein wenig beleuchten und etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Zusätzlich werde ich einige  Vor- und Nachteile des Studiums erläutern. 

Das Studium der Rechtswissenschaft: Medizin, Theologie und Philosophie gibt es bereits seit der Antike. Bereits in Goethes Werk ,,Faust” spielt die Juristerei eine Rolle. Der erste Satz in Goethes Faust I ist ein Monolog von Faust: 

Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Das BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) entstand beispielsweise bereits 1900 und entwickelt sich seitdem mit unserer Gesellschaft ständig weiter. 

Der Weg zum Volljuristen

Das Studium dauert durchschnittlich fünfeinhalb Jahre bis zum ersten Staatsexamen. Es lässt sich dabei in das Grundstudium, den Schwerpunkt und die Examensvorbereitung gliedern. 

  1. Station: Grundstudium 

Dauer: circa 3 Jahre 

Inhalt: Umfangreiche Kenntnisse in den drei großen Rechtsgebieten: 

  • Zivilrecht (Rechtsverhältnisse zwischen Bürgern)
  • Öffentliches Recht (Staatliches Handeln und die Beziehung zu den Bürgern) 
  • Strafrecht (Sanktionierung von Staat gegen den Bürger)
  • Grundlagen des Rechts (Die geschichtliche,  oder philosophische und theoretische Entwicklung des Rechts) 

Endleistung: Zwischenprüfung (Der Umfang der Leistungen ist dabei universitätsspezifisch) 

                      und Fortgeschrittenenklausuren

  • Station: Schwerpunktstudium 

Dauer : circa 1 bis 2 Jahre 

Inhalt: Verschiedene Seminare und Kolloquien in einem frei gewählten Rechtsgebiet (zum Beispiel: vertiefende Seminare in Arbeitsrecht, Familienrecht und Erbrecht)

Besonderheiten: Zeitpunkt des Schwerpunkts ist in Hessen optional und kann entweder vor oder nach dem ersten Examen erfolgen

  • Station. Vorbereitung auf das erste Staatsexamen 

Dauer: circa 1 Jahr

Inhalt: Besuch eines Repetitoriums, in dem der Stoff des gesamten Grundstudiums wiederholt wird. 

Besonderheiten: Repetitorien können auf freiwilliger Basis besucht werden. Dabei kann man frei wählen. Es kann ein kostenpflichtiger Kurs mit einem festen Monatsbeitrag besucht werden. Dabei werden dem Unterricht auch Lernunterlagen bereitgestellt.

 Ebenso kann man auch das kostenlose Repetitorium der Universität besuchen. 

  • Station: Erstes Staatsexamen 

Inhalt: Sechs Klausuren mit einer Dauer von fünf Stunden. Nach Bestehen dieser folgt eine mündliche Prüfung, in der die Kenntnisse der drei großen Rechtsgebiete abgefragt werden.

Besonderheiten: Grundsätzlich hat man nur zwei Versuche. Meldet man sich jedoch vor Ende des 8. Semesters zum ersten Examen an, so bekommt man einen extra Versuch.

Besteht man diese ebenso, darf man sich Diplomjurist nennen. 

Leider ist es damit nicht gestattet, Mandanten vor Gericht zu vertreten, was für viele sehr ernüchternd wirkt. 

  • Station: Referendariat und 2. Staatsexamen 

Dauer: 2 Jahre 

Inhalt: Verschiedene Stationen bei Gericht, Behörden und Kanzleien 

Endleistung: 2. Staatsexamen 

Hat man diesen Weg gemeistert, erhält der Referendar den Titel des Volljuristen. Der ganze Weg dauert somit circa acht Jahre. 

https://www.jurinsight.de/jura-studium/jura-studium-dauer

Anklage

Neben der Länge der Ausbildung kommen noch einige harte Fakten und Vorurteile dazu. Das erste Examen dient als Eintrittskarte in die Juristen-Welt und ist daher von großer Bedeutung. Diese Bedeutung zeigt sich bereits im Grundstudium, in dem Praktika absolviert werden müssen. Besonders Großkanzleien fordern dabei einen guten Notenschnitt. Aber wann ist man denn gut in Jura? 

Und wieder einmal: Es kommt darauf an…

Die Notenskala geht von 0 bis 18 Punkten, wobei 18 die beste Punktzahl ist. Bei einem Durchschnitt von 9 Punkten in den Examen erhält man ein Prädikat, was als Auszeichnung zu verstehen ist und einem alle Türen in der Welt der Juristen öffnet. 9 Punkte entspricht in Schulnoten einer 3, also befriedigend. Das mag für manche einfach klingen, jedoch wissen viele nicht, warum ein guter Schnitt so schwierig zu erreichen ist. Viele wissen dabei nicht, dass alle Klausuren von Studierenden korrigiert werden, die dafür leider sehr schlecht bezahlt werden. Demnach sind die Noten häufig subjektiv und es kommt häufig zu Remonstrationen, in denen die Note von den Studenten angefochten wird. Das Examen wird jedoch ausschließlich von Professoren oder Volljuristen korrigiert. Diese subjektive Notenvergabe und der hohe Druck, eine gute Note zu erreichen, führt häufig zu einem Konkurrenzkampf unter den Studierenden. Es gibt dazu viele Geschichten,  beispielsweise von versteckten Büchern, von Seiten, die aus Büchern herausgerissen werden oder Hausarbeiten, die von anderen gelöscht werden. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass gar nichts davon stimmt, aber vieles wird überspitzter dargestellt als es in Wirklichkeit ist. 

Neben dem Konkurrenzkampf ist die Stoffmenge auch schwer zu fassen. Denn ja, es muss einiges auswendig gelernt werden. Jedoch muss dieses Wissen auch in Fällen angewandt und das Problembewusstsein geschult werden. Der Druck wird einem besonders in der Klausurenphase bewusst, da man sich geistig vor Auge führt, dass die Note durchaus Konsequenzen für die Zukunft  hat.

Verteidigung

Wegen der harten Fakten entsteht immer eine allgemeine Zurückhaltung, was das Studium angeht. Ebenso wegen der ganzen Stigmata rund um Jura. Hier möchte ich gerne auf etwas zurückgreifen, was einer meiner Professoren im ersten Semester gesagt hat: 

“Dieses Studium ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Also suchen Sie sich eine gute Staffel und laufen Sie zusammen und nicht gegeneinander.” 

Die Gemeinschaft, die entsteht, wenn man Kommilitonen findet, ist, ebenso wie die harten Fakten, ein wichtiger Teil des Studiums. Diese Gemeinschaft hilft einem durch so manche Hausarbeit-Phase oder bei einem Durchhänger.

Zusätzlich eröffnet das Studium eine Menge an Arbeitsmöglichkeiten. Nicht jeder muss vor Gericht stehen. Die Arbeit bei Behörden, Unternehmen, in der Lehre oder der Forschung ist ebenso eine Option. 

Der Beruf des Juristen ist zukunftssicher. Es gibt zwar bereits KI,  die juristische Problemstellungen beleuchten und beantworten kann, jedoch wird sie niemals die Kunst hinter der Juristerei vollumfänglich erfassen können. Innerhalb des Studiums werden wir häufig mit gängigen Problemen und Argumenten konfrontiert. Diese können unterschiedlich ausgelegt werden und es können dabei verschiedene Lösungen entstehen, die korrekt sind. Diese Auslegung der Argumente und das Vortragen dieser wird Bestand haben. 

Manche Themengebiete können durchaus trocken wirken und die Lust am Weiterlernen bremsen. Sobald man allerdings sein Interessengebiet gefunden hat und versteht, dass das Rechtssystem ein zusammenhängendes Netzwerk ist und man den trockenen Teil durchaus gebrauchen kann, entsteht immer wieder ein neuer Blickwinkel. 

Ein weiterer Vorteil ist, dass das Studium sowohl für rationale als auch emotionale beziehungsweise kreativ denkende Menschen geeignet ist. Die Gutachten folgen einem bestimmten Schema, was einer Gleichung aus der Mathematik ähnelt. Man sollte jedoch nicht die Kunst der Rhetorik vergessen, die bei der Bearbeitung eines Falls durchaus über die Note entscheiden kann. Es gibt viele verschiedene Wege, Dinge zu lösen, was unbefriedigend, aber auch spannend sein kann, wenn man die Lösung in das tägliche Leben überträgt. 

Mitbringen sollte man gute Deutschkenntnisse in Wort und Schrift, Geduld, Durchhaltevermögen und abstraktes Denken. 

Schlussplädoyer 

Zum Ende hin möchte ich festhalten, dass ich das Studium natürlich aus einem subjektiven Blickwinkel beschreibe. Das Studium ist an jeder Universität unterschiedlich aufgebaut. Ich kann sagen, dass sich das Studium in Frankfurt am Main lohnt, da es einem viele Praktikumsmöglichkeiten, wie ein Gerichtspraktikum, bietet und aufgrund der Lage eine breite Masse an Arbeitsplätzen bereithält. Es gibt Tage, an denen ich das Studium verfluche, wenn ich mal wieder an einem sonnigen Tag in der Bibliothek gefangen bin. Jedoch fordert mich das Studium heraus, sowohl im Rahmen des Wissens als auch menschlich. Es lehrt Disziplin, Durchhaltevermögen, Gemeinschaft und den Umgang mit Niederlagen.Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich es bereue, Jura zu studieren, würde ich nicht mit: 

“Es kommt darauf an…” antworten, sondern mit einem klaren und sicheren:

“ Nein.”

Meinen Appell am Ende möchte ich kurz halten: 

Lasst euch nicht von etwas einschüchtern, nur weil es viele Vorurteile gibt. Ihr seid fähig alles zu erreichen, wenn ihr euch selbst treu bleibt und weiterhin neugierig und wissbegierig bleibt. Dream big. 

Eine Antwort auf „Das Leben zwischen den Paragraphen“

  1. So toll zusammengefasst!! Man hört immer nur die negativen Seiten des Jura-Studiums in Deutschland. Finde es deswegen umso schöner, dass auch mal die positiven Seiten gezeigt werden (und es auch mal jemanden gibt, der offen sagt, dass er das Studium nicht bereut) :))

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