Zwischen den Zeilen der Emanzipation

Bücher, die mein Weltbild nachhaltig geprägt haben

Von Ella Schweizerhof

Das besondere an Literatur ist, dass sie nicht nur unterhalten, sondern auch zum kritischen Denken anregen kann. Überzeugend geschriebene Texte bringen uns dazu, unsere Perspektiven zu hinterfragen und sie gegebenenfalls zu verändern.

Feministische Werke eröffnen neue Blickwinkel auf gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse und die eigene Position innerhalb dieser. Manche Bücher begleiten eine nur kurze Zeit, andere über viele Jahre. Die folgenden Bücher gehören für mich zu denen, die meinen Blick auf die Welt verändert und mich dazu gebracht haben, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, anstatt sie einfach hinzunehmen. 

1.  Anna Karenina

Anna Karenina ist ein Roman des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi. Er erschien zunächst zwischen 1875 und 1877 über mehrere Ausgaben in der Zeitschrift Russkij Westnik und wurde 1878 als Buch veröffentlicht. Heute zählt es zu den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur. 

Der Roman handelt unteranderem von der Titelfigur Anna Karenina. Sie ist Teil der höheren russischen Gesellschaft. Ich Ehemann, Alexej Karenin, ist ein hoher Beamter. Anna besitzt alles, was sich eine Frau ihrer Zeit wünschen könnte: Wohlstand, ein Haus, einen Ehemann und einen Sohn. Dennoch genügt ihr dieses Leben nicht. Sie verliebt sich in den Offizier Graf Wronski, der ursprünglich ihre Nichte Kitty heiraten sollte. Die beiden beginnen eine offensichtliche Affäre, aus der eine Tochter hervorgeht. 

Anna kämpft zunehmend mit psychischen Problemen, die vor allem durch ihre Angst genährt werden, ihren Sohn an den Ehemann zu verlieren. Trotzdem verlassen Anna und Wronski Russland und damit ihren Sohn. 

Als sie später zurückkehren, werden sie von der Gesellschaft verstoßen und ziehen sich aufs Land zurück. Während Wronski sich dort in seine Arbeit stürzt, kehren Annas inneren Konflikte zurück. Sie wird zunehmend eifersüchtiger und von starken Selbstzweifeln geplagt. 

Anna Karenina zeigt deutlich, dass Frauen zu jener Zeit noch nicht als eigenständige Individuen betrachtet wurden. Anna wird verurteilt, weil sie ihren Ehemann verlässt und eine außereheliche Erziehung eingeht. Ein Verhalten, dass bei Männern der damaligen Zeit durchaus üblich war. Wie bereits zu Beginn des Romans deutlich wird: Annas eigener Bruder betrügt seine Frau Dolly und ausgerechnet Anna selbst rät Dolly, ihn dennoch nicht zu verlassen.

Während ein Mann seine gesellschaftliche Stellung selbst aufbauen und festigen kann, gehört seine Ehefrau gewissermaßen zu seinem Inventar. Sie dient letztlich dazu, seinen Status zusätzlich aufzuwerten. 

Der Roman handelt von weiblicher Selbstbestimmung. Anna möchte ein eigenständiges Leben führen, indem sie ihr persönliches Glück über die Erwartungen der Gesellschaft stellt. Sie folgt ihrem Wunsch nach Liebe und Freiheit. Dass ihr kein glückliches Ende vergönnt ist, zeigt, dass ein solches Verhalten in einer Gesellschaft, die von traditionellen Geschlechterrollen geprägt ist nicht akzeptiert wird. Frauen die diesen Weg gingen starben mindestens den sozialen Tod. 

Trotz der strengen gesellschaftlichen Normen und regeln versucht Anna, ihren eigenen weg zu gehen und bricht mit Konventionen. Obwohl der Roman selbst kein feministisches Werk ist, bin ich der Meinung, dass Bücher, die gesellschaftliche Geschlechternormen hinterfragen immer wichtig sind. Während Anna Karenina das tut zeigt Tolstoi gleichzeitig eindrücklich, wie wenig nicht-konforme Verhaltensweisen in der Gesellschaft zu seiner Zeit akzeptiert bzw. wie sie aktiv unterdrückt wurden.   

2.  Unlearn Patriarchy

In diesem Sammelband, der 2022 erschienen und 2024 fortgesetzt wurde, schreiben FLINTA[1]-Personen über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Patriachart und ihre Perspektiven darauf.

Das Buch macht deutlich, dass das Patriachart aus zahlreichen unterschiedlichen und normalisierten gesellschaftlichen Strukturen besteht, die Hand in Hand gehen. Sie sind über Jahrhunderte entstanden und müssen neu gedacht werden, um das patriarchale System als Ganzes zu überwinden. 

In den verschiedenen Essays wird außerdem betont, dass diese Überwindung des Patriacharts nicht ausschließlich als Erfolg im Hinblick auf die Gleichstellung von Männern und Frauen verstanden werden darf. Es wird auf viele andere Menschen aufmerksam gemacht, die beispielsweise aufgrund ihrer Sexualität oder Herkunft diskriminiert werden. 

Die LeserInnen erhalten sowohl Einblick in bestehende Probleme, aber von den AutorInnen selbst auch Anregungen für mögliche Veränderungen. Besonders gut an dem Buch hat mir gefallen, dass es viele kleinere Probleme, die vor allem Frauen aus dem Alltag kennen, in größeren gesellschaftlichen Kontext setzt. Viele dieser Missstände in Literatur, Sprach, Medizin und Technik bringt man nicht auf Anhieb mit dem Patriachart in Verbindung. 

Ein Beispiel dafür sind rassistische Strukturen im Gesundheitswesen. Dass Frauen dort häufig benachteiligt werden, ist mittlerweile weithin bekannt. Es wird deutlich weniger an und mit dem weiblichen Körper geforscht als an männlichen. Auch die Illustrationen in Schulbüchern, auf denen überwiegend weiße[2] Menschen, insbesondere Männer, dargestellt werden, bleiben oft unbemerkt. Zum selben strukturellen Problem gehört ein lebensgefährliches Phänomen: die Racial Empathy Gap. Dabei geht weißes medizinisches Personal– häufig unbewusst, weil diese Annahmen strukturell verankert sind – davon aus, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe weniger Schmerz empfinden als weiße Menschen[3].

Ähnliche Probleme zeigen sich auch im Bereich der Technologie, beispielsweise bei gesichtserkennender KI. Weiße männliche Gesichter werden nahezu hundertprozentig korrekt erkannt, während Gesichter nicht-weißer weiblicher Menschen lediglich mit einer Genauigkeit von etwa 69 Prozent identifiziert werden[4].

All dies hängt damit zusammen, dass unsere Gesellschaft bis heute nach dem weißen, cis-geschlechtlichen Mann als Norm ausgerichtet ist[5]. Diese Strukturen sind über Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende entstanden und verfestigt worden. Die Texte des Buches tragen dazu bei, diese Mechanismen sichtbar zu machen und können vielleicht dazu anregen, sie Schritt für Schritt abzubauen.

Beim Lesen wird deutlich, wie allgegenwärtig patriarchale Strukturen auch heute noch sind und wie tief sie unser Leben beeinflussen, obwohl viele Menschen behaupten, eine Gleichberechtigung sei längst erreicht.

3.  Beklaute Frauen

Mein absoluter Favorit ist Beklaute Frauen. Dieses Buch hat mich wirklich wütend gemacht. Anders als Unlearn Patriarchy handelt es sich hierbei nicht um einen Sammelband von Essay enthält keine persönlichen Erfahrungsberichte. Das Buch erschien 2024 und wurde von Leonie Schöler geschrieben. Es erzählt die Geschichten von Frauen, die heute weitgehend unbekannt sind. Eigentlich waren sie das schon immer und vermutlich wird ein großer Teil von ihnen auch in Zukunft unbekannt bleiben. Manche kennt man höchstens als „die Ehefrau von …“, andere wurden vollständig aus der Geschichte gelöscht.

Schölers Buch handelt von Frauen, die in den vergangenen zweihundert Jahren Seite an Seite mit berühmten Männern gearbeitet haben. Wobei „Seite an Seite“ eigentlich schon eine Übertreibung ist. In der öffentlichen Wahrnehmung standen sie stets mindestens einen Schritt hinter den Männern oder blieben vollkommen unsichtbar, während sie hinter verschlossenen Türen oft entscheidend zu deren Erfolg beitrugen.

Das Erschreckendste an diesen Geschichten ist für mich die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen teilweise aus der Geschichte gelöscht wurden. Gleichzeitig frage ich mich, wie viele Frauen wir bis heute gar nicht kennen, obwohl sie unser Leben durch ihre Ideen, ihre Forschung oder ihre Kunst bereichert haben. Ihnen kann heute oft nicht mehr die Anerkennung zuteilwerden, die sie verdient hätten, weil ein Mann den Ruhm für ihre Leistungen erhielt.

Schöler geht außerdem auf Frauen ein, die unter männlichen Pseudonymen veröffentlichten. Sie beschreibt, dass viele Autorinnen aufgrund des weit verbreiteten Sexismus ihrer Zeit nicht wagten, unter ihrem eigenen Namen zu publizieren. Ein Grund, der bis heute nachwirkt, besteht außerdem darin, dass Bücher von Frauen überwiegend von Frauen gelesen werden, während Bücher männlicher Autoren von allen gelesen werden. 

Die drei vorgestellten Bücher unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihres Genres, sondern auch in ihrer Entstehungszeit, ihrer Darstellungsweise und dem Grad persönlicher Erfahrungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie zeigen, wie das Patriarchat das Leben von Frauen erschwert. Sie machen auf gesellschaftliche Ungleichheiten aufmerksam und regen zu kritischer Reflexion an. Mich haben sie dazu gebracht, gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie immer auch zu hinterfragen.

Welche Bücher haben euch geprägt? Welche von ihnen könnt ihr immer wieder auf neue lesen. 


[1] Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre-, Trans- und Agenderpersonen

[2] Ich möchte hier darauf aufmerksam machen, dass ich die Ausdrücke aus dem Buch verwende

[3] Mandy Mangler und Gonza Ngoumou (2024): unlearn medizin. In: Roig, Emilia/Zykunov, Alexandra/Horch, Silvie (2024): Unlearn Patriarchy #2 (S.262-286). Berlin: Ullstein Verlag.  

[4] Kenza Ait Si Abbou (2022): unlearn technologie. In: Jaspers, Lisa/Ryland, Naomi/Horch, Silvie (2022): Unlearn Patriarchy (S.252-270). Berlin: Ullstein Verlag.

[5] Hier kann ich ebenfalls das Buch Bitches, IT-Girls (2025) von Rebekka Endler empfehlen, indem unteranderem darauf eingegangen wird, wie die Vorstellung des „ideale“ Körpers entstanden ist

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