Archiv der Kategorie: Hölderlin-Vortrag

Hölderlin-Vortrag mit Jonas Tinius

Jonas Tinius / Berlin

‚Deep Hanging Out‘: Über anthropologische Feldforschung und zeitgenössische Kunst

Mit dem Ausdruck „Deep Hanging Out“ betitelte der amerikanische Anthropologe Clifford Geertz (1926-2006) einst einen Artikel in der New York Review of Books (1998). So augenzwinkernd und unwissenschaftlich die Bezeichnung des ‚tiefgründigen Herumhängens‘ klingen mag, so weitreichend war die damit verbundene Kritik an der damaligen Praxis der Kultur- und Sozialanthropologie. Dem etablierten Dispositiv des wissenschaftlichen Ethnografen, der gekonnt in fremde Kulturen eintaucht, dort lange lebt und diese objektiv beschreibt, setzt das ‚deep hanging out‘ die Subjektivität, Unplanbarkeit und Kontingenz anthropologischer Beschreibung entgegen. Feldforschung findet eben nicht mehr im Dschungel und im Zelt und mit der überheblichen Rhetorik des Wissenschaftlers statt, wie es Renato Rosaldo kritisierte, sondern in Bars und Straßenecken, Museen und Vernissagen, mit anderen Menschen und nicht nur über sie.

Clifford Geertz will mit dem Begriff des ‚deep hanging out‘ die notwendige Dezentrierung der Autorität des Anthropologen unterstreichen, dessen Einblicke immer partiell bleiben müssen. Geertz spricht gar von einer Fundamentalkritik der epistemischen Illusion und Arroganz anthropologischer Objektivität. Aber inwiefern erlaubt das neugierige ‚Herumhängen‘ und die Reflexion neuer anthropologische Forschungsansätze ein anderes Schreiben, Sprechen und Denken über zeitgenössische Kunst und Theater? Welche Einblicke ermöglichen diese originellen Formen der ergebnisoffenen, flexiblen und langfristigen Forschung? Lassen sich solche Methoden auch in theaterwissenschaftliche oder kuratorische Forschung einbinden und wenn ja, wozu kann dies führen?

Ausgehend von langjähriger anthropologischer Forschung mit Stadttheatern, freien darstellenden Theaterkollektiven und KuratorInnen zeitgenössischer Kunst in Deutschland stellt dieser Vortrag die Besonderheiten ethnografischer Methoden zur Diskussion. Dabei geht es auch um die Frage, inwiefern solche erweiterten Methoden neue künstlerische und theoretische Verflechtungen von künstlerischer Praxis, Theaterwissenschaft und Anthropologie provozieren können.

Jonas Tiniusist nach einem Studium in Münster sowie einer Promotion in Sozialanthropologie am King’s College, University of Cambridge (UK) seit Juni 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin im Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage (CARMAH).Zu seinen Veröffentlichungen zählen: Anthropology, Theatre, and Development: The Transformative Potential of Performance (Mit-Hg. 2015); Micro-utopias: anthropological perspectives on art, creativity, and relationality (Mit-Hg. 2016); „Prekarität und Ästhetisierung: Reflexionen zu postfordistischer Arbeit in der freien Theaterszene“,  in:  Ove Sutter und Valeska Flor (Hg.): Ästhetisierung der Arbeit. Kulturanalysen des kognitiven Kapitalismus(2017).

Hölderlin-Vortrag mit Jeanne Bindernagel

Wer sich selbst verstehen, zeigen und wertschätzen will, der braucht ein Gegenüber zur Spiegelung. Ein Gegenüber, dessen Fremdheit sich liebevoll in den Blick nehmen lässt, dessen
Opposition aber bitte immer in Referenz auf einen so bestätigten kulturellen Referenzrahmen in Erscheinung treten und so in Zaum gehalten werden soll. Das Paradebeispiel der Gegenwart hierfür ist der (männliche) migrantische Körper: Durch die Konsumgüter der Popkultur und besonders der Musik – von Kanye West bis Haftbefehl – wird er für seine non-konforme Rohheit, für seine oppositionelle Kraft gegenüber einer westlichen Kultur der verstandesmäßigen Mäßigung und Selbstbeschränkung gefeiert. Überraschenderweise wiederholt sich in dieser gegenwärtigen Praxis eine Spielart der Opernästhetik des 19. Jahrhunderts, welche die eigene Kultur durch die Inszenierung ihres Lieblingssujets, des exotischen Fremden, überhöhen, reinigen und erneuern will. Dem Anderen als Fremden eine Bühne zu geben, dies zeigen die Beispiele beider Epochen, bedeutet in der Regel seine Romantisierung, ein gut gemeinter und darin nicht weniger gewaltsamer Akt.
Wie könnte eine Bühnenpraxis aussehen, die solche Entgegensetzungen in Prozessen der Verkörperung produktiv unterwandert und andere Körperpolitiken möglich macht? Mit einem Fokus auf die figuralen Körper (Deleuze) in der Musik, wird der Vortrag Modelle vorstellen, die sich der Inszenierung dieser so beliebten kulturellen Entgegensetzung intelligent widersetzen. Dabei lautet der aus wissenschaftlicher und dramaturgischer Praxis abgeleitete Vorschlag, die eigenen Prämissen in der Arbeit am Körper in den Blick zu nehmen samt deren blinder Flecken, Begehren und Inszenierungsweisen. Alexander Kluges Phantasma von der Oper des 19. Jahrhunderts als gesellschaftlichem Kraftwerk kann dabei Hilfestellung sein.
Jeanne Bindernagel
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene Museum und am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig.

Hölderlin Vortrage mit Krassmira Kruschkova

Anhand mehrerer Choreographien des 21. Jahrhunderts sollen Probleme des Zusammenkommens, d.h. der Zusammenkunft und der Übereinkunft, der Simultaneität und der Akkumulation in Tanz und Performance untersucht und mit Bezug auf die philosophische Problematik der Gemeinschaft diskutiert werden.
Kollaborationszusammenhänge werden dabei als temporäre Konstruktionen begriffen, die das Differente in künstlerischen  Arbeitsprozessen zusammenzuhalten und Anderes bzw. Andere willkommen zu heißen vermögen. Dabei ist in der paradoxen Interferenz von Parallelwelten die Uneinlösbarkeit von Gemeinschaftskonzepten ihr konstitutives Moment.
Zugleich soll die Theorieaffinität der zeitgenössischen choreographischen Praxis untersucht werden. Angewandte Theorie weicht – in präziser Unschärfe – auf, was harte akademische Lehre wäre. Die heute ästhetisch wie politisch relevante Herausforderung besteht darin, das Oppositionsdenken Praxis/Theorie sowie Zugehörigkeit/Unzugehörigkeit ins Differenzdenken zu überführen.
Krassimira Kruschkova
ist Theater-, Tanz- und Performancetheoretikerin. Sie lehrt an der Universität für angewandte Kunst und an der Akademie der bildenden Künste in Wien und leitete von 2003 bis 2017 das Theorie- und Medienzentrum am Tanzquartier Wien.

Khalid Amine – Die Neu-Erfindung der Tradition im marokkanischen Theater

Auf die Al Halqa-Aufführungen in Marokko, um einen Erzähler oder Sänger herum auf den Plätzen gebildeten Versammlungen, hatten die rapiden Veränderungen seit der Kolonialzeit (1912-1956) tiefgreifende Auswirkungen. Ihre Neuerfindung im gegenwärtigen marokkanischen Theater ist durch komplexe kulturelle und ideologische Strömungen der heutigen Öffentlichkeit geprägt. Im Zuge der Verpflanzung der Techniken und der zirkulären Erscheinungsform der Al Halqa in Theaterhäuser werden existierende Dramaturgien revidiert oder genauer: neu geschrieben. Der traditionelle Erzähler wird zum Agenten der kulturellen und politischen Mobilisierung. In der Entwicklung von Tayeb Saddikis Sidi Abder-rahman Al-Majdoub (1967) zu Naima Zitans Dialy (2012) zeigt sich eine Obsession mit der Al Halqa als einem tief verankerten Performance-Paradigma in Marokko, das fortwährend umgestaltet und erneuert wird. Beginnend mit Saddiki hat die Wiederherstellung von Al Halqa dazu geführt, dass die Theaterpraxis nach der Unabhängigkeit von einem spezifischen marokkanischen Geist geprägt wurde. In Dialy werden die Strategien des Rahmens und Erzählens der Al Halqa ins Spiel gebracht, um patriarchalische Strukturen und die soziale Reproduktion von Ungleichheiten der Geschlechter über die Generationen hinweg infrage zu stellen. Angesichts der sich ausbreitenden islamischen Orthodoxie und der Gewalt gegen Frauen ist diese künstlerische Intervention an der Zeit. Keine andere Aufführung hat vergleichbare Gegenreaktionen in den marokkanischen Medien hervorgerufen. Vortrag in englischer Sprache.
Khalid Amine ist Professor für Performance Studies an der Abdelmalek Essaadi University in Tétouan, Marokko, sowie Gründungspräsident des internationalen Zentrums für Performance Studies (ICPS) in Tanger. 2007 gewann er den Helsinki-Preis der IFTR. Von 2008-10 war er Research Fellow an der FU Berlin. Zahlreiche Publikationen, u.a.: Beyond Brecht (1996), Moroccan Theatre Between East and West (2000), Dramatic Art and the Myth of Origins: Fields of Silence (2007), The Theatres of Morocco, Algeria and Tunisia: Performance Traditions of the Maghreb (2012) und The Art of Dialogue: East–West (Hg. 2014).

Heike Roms – Ereignis und Evidenz: Eine Historio-Dramaturgie der Performance

Rekonstruktionen und Reenactments vergangener Werke, Installationen von medialen Artefakten und anderen Spuren, Oral History-Zeugnisse als Material für Tanzproduktionen und spielerisch umgesetzte Archivbildungen: Die Performance-Kunst ist derzeit stark von Strategien der künstlerischen Selbsthistorisierung geprägt. Diese wirken verstärkt auch auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte: Forscher bedienen sich zunehmend performativer Verfahren, die der künstlerischen und kuratorischen Praxis entlehnt sind, um sich der Geschichte vor allem der Performance-Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre zu nähern. Wie dargelegt werden soll, sind solche Verfahren nicht als historiografisch (also als mit dem Schreiben von Geschichte befasst) anzusehen, sondern als historio-dramaturgisch, als Weisen der performativen Hervorbringung, Inszenierung und medialen Vermittlung von geschichtlicher Evidenz. Ein solches Modell einer Historio-Dramaturgie bezieht sich auf drei Quellen: Auf Hayden Whites Vorschlag einer «Historiophoty» (1988), d.h. einer lmischen Darstellung der Geschichte analog zur schriftlichen Historiografie; auf Modelle des Ethnographen als «Ethnodramaturgen», als eine Art Produzent kultureller Szenarien, wie sie von Viktor Turner (1979) und Johannes Fabian (1999) entwickelt wurden; und auf neue Auffassungen von Dramaturgie als Praxis einer szenischen Forschung und Wissensbildung.

Ulrike Haß – Aischyleische Kosmologie. Zur Frage des Horizonts im Prometheus-Fragment

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Prometheus zum Sinn- bild des Menschen stilisiert, der gegen die Tyrannis der Vatergötter rebelliert und als freies Wesen durch Irrtümer hindurch zu seiner Selbstverwirklichung und Vollendung voranschreitet. Diese anthropozentrische Sichtweise beruht auf erheblichen Verkürzungen des aischyleischen Fragments, das entsprechend seiner Antipoden zwei Legenden aufweist: die anthropologische Erzählung des Prometheus und die Theogonie des Zeus. Beide sind ein- gebettet in die Erzählung einer Kosmologie, die keine Leh- re wiedergibt, sondern eine kosmische Topologie entfaltet, die in sich völlig ratlos ist. Inmitten dieser Kosmologie gerät Prometheus zu einem Ereignis, das seinen Horizont de nitiv nicht in einer zu sich selbst voranschreitenden Menschheit hat.

Die Kosmologie des Aischylos räumt den materiellen Kräften einen aktiven Part ein. Sie haben am Werden der Welt teil. Sie verlangen eine andere Aufmerksamkeit dafür, wie das «Menschliche» und seine «Gegenspieler» unter- schieden oder überhaupt begri en werden könnten. Das Fragment des Aischylos führt uns mit Io oder dem Vogel- Mädchen-Chor der Okeaniden Träger dieser anderen Aufmerksamkeit vor, die Grenzgestalten des Weiblichen bilden. In ihrem Horizont zeigt sich das Menschliche als etwas, das sich unter heterogenen, belebten und vermeint- lich unbelebten Kräften und Geschöpfen vor ndet. Falls
es sich positioniert, geschieht dies unter anderen, weniger inmitten als am Rand.

Lina Majdalanie – Appendix

Einen Leichnam einäschern zu lassen ist im Libanon wegen religiöser Bestimmungen unmöglich. In Appendix berichtet Lina Majdalanie von ihrem radikalen Entschluss, das Gesetz zu umgehen und ihren Körper dennoch dem Feuer zuzuführen: Sie will sich nach und nach all ihre Organe entfernen und die Gliedmaßen amputieren lassen und sie als Kunstobjekte verkaufen. Die Konsequenz, mit der die Performerin diese Gedanken verfolgt und dabei den Blick auf jene Gewalt, die Religion und Staatsmacht auf den Körper des Individuums ausüben, fasziniert und schockiert. Wie in ihren vielen Kooperationen mit Rabih Mroué verschwimmen auch hier die Grenzen zwischen persönlichem Leben, Kunst und Politik. Die Aufführung von Appendix ist zugleich Lina Majdalanies Antrittsvorlesung zu ihrer Friedrich Hölderlin Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt.
In Französisch mit Deutschen und Englischen Übertiteln.

Laura Cull – Performance Thinks: Theatre, Philosophy & the Nonhuman

Der Vortrag verortet das neue aufgekommene Feld der ‚Performance Philosophy‘ im Kontext der anglo-amerikanischen (analytischen), der sogenannten Kontinentalphilosophie des Theaters und des ‚philosophical turn‘ in der Theaterwissenschaft und den Performance Studies. Was ist dort Performance, was Philosophie? Mit jeder Antwort auf diese Fragen ist eine andere Art des Ausschlusses und der Auswahl verbunden mit Blick darauf, was als „Gedanke“ gilt und wie die Grenzen zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-menschlichen gezogen werden. ‚Performance Philosophy‘ soll ihrer Idee nach nicht als eine Philosophie der Performance verstanden werden, sondern vielmehr als eine experimentelle Praxis, die von der Annahme ausgeht, dass eine Performance denkt und dies nicht nur insofern, als man sie auf eine bewusste Reflexion oder eine intentionale Handlung ihrer menschlichen TeilnehmerInnen zurückführen kann. Dieses Axiom wird unter Rückgriff auf François Laruelles „non-philosophy“ untersucht werden. Laruelle plädiert für einen Bruch mit einer Philosophie, die sich im Voraus als ‚wahre‘ Philosophie definiert, um diese dann auf angeblich nicht denkende, nicht philosophische Objekte (wie das Theater oder die Performance) anzuwenden. Stattdessen schlägt Laruelle eine Praxis des Denkens vor, die sich durch das, was sie zu denken versucht, definiert — auf eine Weise, welche anerkennt, dass das Objekt selber denkt.