Jg. 47, H. 2 – Themenheft: Dualla Misipo: Der Junge aus Duala. Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf ein frühes Werk der Schwarzen deutschen Literatur, Hg. v. Sandra Folie und Gianna Zocco. Mit Beiträgen von Giresse Teikeu, Sandra Folie, Marlen Rieffel und Gianna Zocco

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Inhaltsverzeichnis

Sandra Folie / Gianna Zocco
Der Junge aus Duala zur Einführung: Entstehung, Genre, ästhetische Verfahren, S. 85

Abstract
Der Junge aus Duala ist ein Roman, der in Schule, Universität und Literaturgeschichte kaum präsent und derzeit nicht im Buchhandel erhältlich ist. Er markiert eine Lücke im Kanon – sowohl im deutschsprachigen Raum, wo die Auseinandersetzung mit Schwarzer Literatur noch oft als Aufgabe einer sogenannten Auslandsgermanistik betrachtet wird, als auch innerhalb der Black German Studies, die sich vor allem in den USA etabliert haben. Dort setzt die Beschäftigung mit Schwarzer deutschsprachiger Literatur zumeist erst mit Farbe bekennen (1986), dem Gründungstext der afrodeutschen Bewegung, und mit den Gedichten May Ayims ein. Wie die Literatur- wissenschaftlerin Jeannette Oholi betont, bieten „Wissenslücken“ im Kanon jedoch auch eine Chance: Sie regen dazu an, „über Wertungs- und Kanonisierungsprozesse in den Wissenschaften nachzudenken, darüber zu diskutieren und (gemeinsam) aktiv zu werden, diese zu schließen“.  Diese Perspektive ist auch für unser Themenheft leitend: Wir möchten dazu beitragen, das „Verständnis Schwarzer deutscher Literatur [zu] erweitern und [zu] ‚verkomplizieren‘“, indem wir uns mit Dualla Misipos zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren entstandenem Roman einem frühen Werk dieser Literatur widmen.

Giresse Teikeu
Koloniale Migration und Integration in der „zweiten Heimat“: Dritte Räume im Jungen aus Duala, S. 109

Abstract
Dieser Beitrag widmet sich der Erkundung dritter Räume in Dualla Misipos Roman Der Junge aus Duala. Im Fokus steht deren ambivalente Rolle im Integrationsprozess des kamerunischen Protagonisten Ekwe Njembele in seiner ‚zweiten Heimat‘ Deutschland. Sport, Musik und Liebe bzw. die damit verbundenen dritten bzw. hybriden Räume ‚Sportplatz‘, ‚Klublokal‘ und ‚Musikzimmer‘ unterstützen seine Integration, offenbaren gleichzeitig aber auch den Rassismus, die Diskriminierung und die Vorurteile, die die Wahrnehmung des (ehemals) Kolonisierten durch die Kolonisierenden während und auch noch nach der Kolonialzeit prägten. Durch die Analyse der konkreten Räume und damit verbundenen Figurenkonstellationen im Roman kann gezeigt werden, wie ihre literarische Gestaltung als eine Strategie der Entlarvung der damaligen ‚Rassenideologie‘ und der von ihr geschaffenen hierarchisierenden Gegensätze (Kolonie/‚Mutterland‘, Schwarz/weiß, Primitivität/Zivilisation usw.) sowie der Betonung des ‚Dazwischens‘ und der Ambivalenz fungiert.

Sandra Folie
Dualla Misipos Zeichnungen zwischen Illustration und Intervention: Postkoloniale Bildkritik im Jungen aus Duala, S. 125

Abstract
Zeichnungen sind im Jungen aus Duala auffallend präsent. Eine Besonderheit der Ausgabe des Verlags Kraus Re- print von 1973 liegt in der autorbestimmten Selbstillustrierung: Nicht nur stammen die 15 abgedruckten Zeichnungen von Dualla Misipo selbst; er verantwortete, da es sich um einen unveränderten Nachdruck seines Typoskripts handelte, auch das Layout. Vor diesem Hintergrund lässt sich sein Roman produktiv mit Ansätzen der neueren Intermedialitätsforschung und der Visual Studies lesen, die subversive Potenziale von Text-Bild-Beziehungen herausarbeiten. Einige seiner Zeichnungen entfalten eine irritierende Wirkung, da sie über ihre illustrative Funktion hinaus kolonial-rassistische Bildtraditionen verfremden und sich aneignen. Ziel des Beitrags ist es, diese postkolo- niale Bildkritik sichtbar zu machen, indem ausgewählte Zeichnungen in ihrer Relation zum Text analysiert und mit Bildmaterial aus ethnologischen Werken, Reiseberichten, Zeitungen und Filmen kontrastiert werden.

Marlen Rieffel
Die Soundscapes in Der Junge aus Duala: Literarische Repräsentationen kolonialer Gewalt und ästhetische Strategien des Widerstands, S. 151

Abstract
Literatur ist, auch wenn das Medium selbst nicht klingt, voller Klang. Besonders deutlich zeigt sich das in Dualla Misipos Der Junge aus Duala, einem der wenigen deutschsprachigen literarischen Werke, das die Soundscapes des deutschen Kolonialismus aus Schwarzer Perspektive einfängt bzw. rekonstruiert. Der vorliegende Beitrag legt den Fokus auf eben jene Soundscapes – klingende Umwelten – in Misipos Roman. Es wird beleuchtet, auf welche Weise die dargestellte deutsche koloniale Herrschaft in Kamerun auf Klang als Machtinstrument zurückgreift bzw. mit welchen Soundscapes die Erfahrung der Kolonialmigration nach Deutschland verbunden wird. Dabei fungieren Klangbeschreibungen und Höreindrücke nicht nur als Mittel zur Repräsentation kolonialer Gewalt. Vielmehr lassen sie sich auch als Form ästhetischen Widerstands fassen, die in Anlehnung an bell hooks oppositionellen Blick als oppositionelles Gehör bezeichnet wird.

Gianna Zocco
Von kolonialen Beutegeschichten, traurigen Löwen und einem Papagei namens Lorchen: Tiere im Jungen aus Duala, S. 169

Abstract
Im Jungen aus Duala spielen Tiere – sowohl als fiktionale Lebewesen wie auch als semiotische Zeichen – eine wichtige Rolle. Der Beitrag ordnet diese Tierbezüge in Kontexte rund um das kolonisierte Tier, den deutschen Kolonialismus in Kamerun und (post)koloniale Alterität ein. Methodologisch angelehnt an die Cultural literary animal studies stehen drei zentrale Formationen im Vordergrund: erstens die im Roman geleistete Reflexion kolonialer Blick- und Machtverhältnisse in Szenen über das Jagen, Sammeln und Ausstellen von Tieren; zweitens die inter- textuell reiche Darstellung von Löwe und Elefant im Frankfurter Zoo; und drittens die Figur des von Kamerun nach Deutschland mitreisenden Papageis, der einerseits als tierischer Akteur mit spezifischen Erfahrungen dargestellt wird und andererseits anthropomorph gelesen werden kann. Insgesamt ergänzen die Tierbezüge im Jungen aus Duala das vordergründige Narrativ der postkolonialen Erfolgsgeschichte und der Wiedergewinnung von agency in der Diaspora um eine tragischere Dimension und bringen schwer artikulierbare Erfahrungen der Entwürdigung und des Kontrollverlusts zur Sprache.

Jg. 45 – H. 1-2 – Themenheft: Kunst in E.T.A. Hoffmann – E.T.A. Hoffmann in der Kunst. Intermediale Aspekte seines Werkes und Wirkens, hg. von Ricarda Schmidt und Sheila Dickson. Mit Beiträgen von Ricarda Schmidt, Frederike Middelhoff, Laura Vordermayer, Christian Quintes, Polly Dickson, Monika Schmitz-Emans und Sheila Dickson

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Inhaltsverzeichnis

Ricarda Schmidt
Einleitung, S. 1

Ricarda Schmidt
Von Callot bis Kolbe. Zur Heterogenität von E.T.A. Hoffmanns ästhetischen Bezugspunkten in der visuellen Kunst, S. 13

Abstract
Der Aufsatz untersucht Hoffmanns literarischen Bezug auf unterschiedliche historische Maler und Grafiker: Jacques Callot, Johann Erdmann Hummel, Raphael, Salvator Rosa und Carl Wilhelm Kolbe. Es wird gezeigt, dass die Rezeption dieser Künstler sich in Hoffmanns Werk überlagert. Daraus ist zu schließen, dass Hoffmann in ihnen diverse Facetten seines eigenen künstlerischen Temperaments reflektiert: nämlich Sehnsucht nach Transzendenz, Harmonie, Einfachheit (Raphael); Faszination von der Fülle des Lebens, der Struktur im scheinbaren Chaos, dem Fantastischen und Komischen (Callot); die Erhabenheit der Natur als Szenerie für Unheimliches und Bedrohliches (Rosa). Diese ästhetischen Tendenzen gehen in Hoffmanns literarischem Schaffen eine Symbiose ein, die in verschiedenen Werken jeweils unterschiedlich gewichtet sind. Hummel und Kolbe dagegen wirkten nicht primär in ihrer eigenen Ästhetik auf Hoffmann, sondern dienten ihm zum Medium, um seine Kunsterfahrung auf ihre Werke zu projizieren.

Frederike Middelhoff
Hoffmann und die Kunst (nach) der Natur, S. 25

Abstract
Der Beitrag untersucht Hoffmanns literarische Auseinandersetzungen mit den ästhetischen Modellierungen und impliziten Naturkonzepten der Landschaftsmalerei um 1800. Hoffmann, so die Grundannahme des Artikels, arbeitet sich in verschiedenen Texten an den Möglichkeiten und Grenzen einer künstlerischen Ästhetik ab, die ‚Natur‘ nicht nur abbilden, sondern romantisch transformieren und als genuin ‚lebendig‘ bzw. selbst schöpferisch tätig vor Augen stellen will, sich aber gleichzeitig von einer allegorischen Idealisierung oder naiven Abbildungslogik des Landschaftlichen zu distanzieren versucht. In seinen Erzählungen lotet Hoffmann die unterschiedlichen Maximen und Verfahren der Landschaftskunst aus, indem er seine Figuren die Kunst, ‚nach der Natur‘ zu malen, kommentieren oder sie selbst Landschaften via Sprache oder Malerei inszenieren lässt. Auf diese Weise werden in Hoffmanns Erzähltexten klassizistische und romantische Ideale der Landschaftskunst voneinander abgegrenzt.

Laura Vordermayer
Karikatur als Kunstgenre und Darstellungstechnik: E.T.A. Hoffmanns zeichnerische und literarische Karikaturen, S. 43

Abstract
August Wilhelm Schlegel beschreibt die Karikatur in seiner Kunstlehre (1884) als „Spiel“, in dem sich die „Unbändigkeit der Phantasie […] Luft macht“. Die zentrale Dynamik der Karikatur besteht in einem Zusammenspiel von Wiedererkennbarkeit und Fiktionalität, das E.T.A. Hoffmann auf vielfältige Weise fruchtbar macht und das sich je nach Medium unterschiedlich gestaltet. In meinem Beitrag untersuche ich sowohl zeichnerische als auch literarische Karikaturen, wobei ich im Besonderen auf die Texte Das steinerne Herz (1817) und Die Brautwahl (1819) eingehe. In der medienübergreifenden Analyse wird deutlich, welches Potential ein geschärfter Karikaturbegriff auch für die Textinterpretation haben kann.

Christian Quintes
„Jüngling, aus dir hätte viel werden können“. Künstlerfiguren und Kunsttheorie in E.T.A. Hoffmanns Werk, S. 61

Abstract
E.T.A. Hoffmann entwirft, so meine zentrale These, eine dreistufige Theorie der Produktion von Kunst, welche erstmals im Ritter Gluck erläutert und in der Jesuiterkirche in G. erneut herangezogen sowie in anderen Werken Hoffmanns nutzbar gemacht wird, um zu verdeutlichen, wie wahrhafte Kunst entsteht. Die drei Stufen der Theorie, erstens Erwerb grundlegender künstlerischer Fähigkeiten, zweitens träumerischer Spannungszustand (in Anlehnung an das Traumverständnis der romantischen Anthropologie) und drittens künstlerische Erhebung, nehmen dabei
indirekt Bezug auf Schellings Ästhetiktheorie, die er im System des transzendentalen Idealismus formulierte. Ich verdeutliche, quasi im Sinne eines wissenspoetischen Ansatzes, wie das frühromantische Wissen über Ästhetik sich bei Hoffmann literarisch niederschlägt und gehe abschließend darauf ein, wie dieser sich innerhalb der romantischen Genie-Debatte positioniert.

Polly Dickson
Hoffmann’s Signature Doodles, S. 77

Abstract
As scholars familiar with his manuscripts and drawings will know, E.T.A. Hoffmann had the idiosyncratic and rather charming habit of signing off some of his informal letters not with a signature in the conventional sense, but with a spontaneous self-portrait: a doodle. The aim of this article is to examine such forms by framing them within the context of a broader question about Hoffmann’s doodles and drawings. Specifically, it places his ‘signature doodles’ at the centre of a graphic conversation between the contingencies of the medium and an impulse towards meaningful form. It is in that sense that they open up a space for new reflections on the author’s relationship to writing and drawing, registering a vision of the author not as an authorizing or authoritative entity, held above and separate from the work, but rather as a peculiar entanglement of self and work, whose identity is defined and confirmed from within the act of composition.

Monika Schmitz-Emans
Gezeichnetes Theater, gezeichnete Imaginationen: Comics und Graphic Novels zu Texten E.T.A. Hoffmanns, S. 93

Abstracts
Texte von E.T.A. Hoffmann dienten oft als Vorlage zu Comics und Graphic Novels. Der Beitrag stellt verschiedene Beispiele vor: mehrere grafisch-narrative Adaptionen zum Sandmann, aber auch zu Das öde Haus, Das Fräulein von Scuderi, Nußknacker und Mausekönig. Hinsichtlich ihrer Text- und Bildregie jeweils eigene Wege gehend, bieten die Comics und Graphic Novels Beispiele für das breite Spektrum möglicher visuell-grafischer Interpretationen der Texte. Leitend sind dabei mehrere Fragen: Wie wird die Fabel re-inszeniert; welche grafischen und textgrafischen Inszenierungsmittel erscheinen als besonders charakteristisch? Inwiefern kommen Hoffmanns Texte einer visuellen Inszenierung entgegen? Welche Rolle spielt die bei Hoffmann elaborierte Motivik rund um Sehprozesse, Augen, Blicke und Bilder für die Gestaltung von Graphic Novels? Inwiefern gehen Impulse von Hoffmanns Poetik des
lebendigen Bildes und des Theaters aus? Inwiefern visualisieren die Bilderzählungen ein Spiel der Imagination?

Sheila Dickson
Stephan Klenner-Otto’s E.T.A. Hoffmann Illustrations, S. 113

Abstract
With his illustrations for E.T.A. Hoffmann’s Rat Krespel and Der Sandmann, the German artist Stephan Klenner-Otto enters into a creative dialogue which combines the writer’s fantastic juxtapositions of the everyday and the supernatural with the artist’s surrealist intertwining of the realistic, the quirky and the grotesque. The latter’s selfirony amplifies the former’s satire, expressing the kinship that forms the basis of Klenner-Otto’s engagement with Hoffmann and his characters. From this 21st-century vantage point, the illustrator redefines the youthful hero and the beautiful heroine as middle aged and unprepossessing, the eccentric artist as disturbingly non-human, and the threatening ‘supernatural’ figure as a baleful member of the ‘real’ world. Klenner-Otto pays homage to Hoffmann through the intensely personal interpretation of his tales.