literatur für leser:innen

ISSN 0343-1657 eISSN 2364-7183

Die internationale Zeitschrift „literatur für leser:innen“ (lfl, von 1978 bis 2021 „literatur für leser“) erscheint im Peter Lang Verlag.

Die Zeitschrift versammelt Beiträge, die sich auf die sprachlichen und historischen Eigentümlichkeiten literarischer Texte einlassen und die interpretierende Auseinandersetzung mit ihnen suchen. Den Gegenstand dieser Auseinandersetzung können deutschsprachige literarische Texte aus allen literaturgeschichtlichen Epochen ab dem 16. Jahrhundert bilden.

„literatur für leser:innen“ will außerdem dazu beitragen, die Beziehungen der deutschen Literatur zu den übrigen europäischen und außereuropäischen Kulturen zu erörtern. Komparatistisch ausgerichtete Aufsätze sind in dieser Hinsicht erwünscht.

Die Zeitschrift veröffentlicht sowohl einzelne Beiträge in Sammelheften als auch teils von den Herausgeber:innen, teils von Gasteditor:innen verantwortete Themenhefte und setzt eigenständige Schwerpunkte im literaturwissenschaftlichen Diskurs, die auch eine kulturwissenschaftliche Ausrichtung haben können.

lfl ist blind peer reviewed und ab 1990 bei der MLA International Bibliography verzeichnet (von 1990 bis 2021 als „literatur für leser“).

Jg. 44, H. 3 – Themenheft: Die überwältigende Katastrophe. Wahrnehmungskonstellationen destruktiver Naturereignisse im deutschen Realismus, hg. von Clemens Günther und Laura Isengard. Mit Beiträgen von Roman Widder, Laura Isengard, Oliver Völker, Felix Schallenberg

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Inhaltsverzeichnis

Clemens Günther/Laura Isengard
Editorial, S. 209

Roman Widder
Katastrophenimmunisierung im Chtuluzän: Adalbert Stifters Nachkommenschaften (1864), S. 215

Abstract
Abstract
Der Aufsatz greift den in der Stifter-Forschung erprobten Begriff der Katastrophenimpfung (Christian Begemann) auf, um ihn in Dialog mit neueren Theorien des Anthropozäns bzw. Chtuluzäns (Donna Haraway) zu setzen. Rekonstruiert wird zunächst Stifters schon in seinen frühesten Erzählungen Gestalt annehmende Inversion der idealistischen Erhabenheitsästhetik, deren immunitäre Struktur vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen
Geologie zu verorten ist. Am Beispiel seiner späten Erzählung Nachkommenschaften (1864) wird sodann demonstriert, dass die Impfung gegen klimatische Katastrophen bei Stifter nicht zuletzt durch die Suche nach neuen Formen der Verwandtschaft unternommen wird. Donna Haraways antiapokalyptische, posthumanistische Naturphilosophie bietet dabei ein überraschend geeignetes Passepartout für Stifters Texte, da sie das Problem des Klimawandels wie diese durch eine Vision nicht-biologischer Verwandtschaft beantwortet.

Laura Isengard
Katastrophe und Rettung bei Stifter und Raabe, S. 235

Abstract
Die folgenden Überlegungen befragen die beiden Branderzählungen Kazensilber von Adalbert Stifter und Frau Salome von Wilhelm Raabe auf spezifisch Poetiken der Katastrophe. Stifters Kazensilber fängt zwei katastrophale Ereignisse in Rettung auf. Dies gelingt über die Figur des braunen Mädchens, das innerhalb der realistischen Erzählung ebenso rätselhaft wie stumm bleibt. Die an keine transzendentale Instanz mehr gebundene Rettung markiert eine Leerstelle im Text, die zunächst durch die Zunahme des Erzähltempos kaschiert wird, schlussendlich jedoch aus der (Text-)Ordnung exkludiert werden muss. Demgegenüber verschiebt sich in Raabes Frau Salome die Katastrophe auf das erzählte Bildwerk und kann selbst nicht mehr in der Rettung aufgefangen werden. In Frau Salome kommt es nicht zu einer Auflösung des Kontingenten in der Zeit. Raabe etabliert eine Poetik des Katastrophischen,
die Lücken und Brüche offen ausstellt.

Oliver Völker
Linie – Priel – Strömung. Instabiles Katastrophenwissen und Ozeanographie inTheodor Storms Der Schimmelreiter, S. 251

Abstract
Der Aufsatz setzt sich mit dem Verhältnis von Festland und Meer in Storms Der Schimmelreiter auseinander. Die Forschung geht meist von einer topographischen Gegenüberstellung aus, die den im Zentrum der Novelle stehenden Konflikt zwischen Aufklärung und Irrationalität illustriert. Demnach verweist das durch Arbeit gestaltete Festland auf Prinzipien der kulturellen Ordnung, der Abbildbarkeit im Medium der Karte und auf eine realistische Poetik des Erzählens. Jenseits des Deichs erstreckt sich demgegenüber das Meer als ein lebensfeindliches Prinzip, das jede Ordnung des Raums unterspült und metonymisch für eine dem Menschen gegenübergestellte Natur einsteht. Der Beitrag arbeitet heraus, wie die vermeintlich getrennten Bereiche von Land und Meer durch eine Reihe an Verbindungswegen in Kontakt zueinander treten. Das Meer ist demnach kein negatives Prinzip der Leere, sondern weist
eine eigene Dynamik auf, die ich in den Begriffen des Spiels und der Strömung verdeutliche. Gestalt erlangen diese dynamischen Wasserkräfte besonders im Priel, der in Storms Novelle die Katastrophe bedingt, der die Hauptfiguren rund um Hauke Haien zum Opfer fallen.

Felix Schallenberg
Meeresgewalt. Zur Funktion von Flutkatastrophen in Wilhelm Jensens Posthuma und Vor der Elbmündung, S. 265

Abstract
Der Beitrag befragt die Erzähltexte Posthuma (1872) und Vor der Elbmündung (1903/1904) von Wilhelm Jensen in Hinblick auf literarische Funktionalisierungen von Flutkatastrophen. Während beide Texte oberflächlich als unterhaltsame Liebesgeschichten lesbar sind, verhandeln sie auf einer sekundären Bedeutungsebene übergreifende kulturelle Konflikte. Im Fokus steht im Speziellen, inwieweit sich anhand der ästhetischen Darstellung sowie des Umgangs der Figuren mit der Flutkatastrophe soziale, glaubensbezogene und geschlechtliche Differenzen eruieren lassen. Neben der Erarbeitung textanalytischer Befunde zum entsprechenden Literatursystem wirbt der Beitrag außerdem dafür, einen bisher stark vernachlässigten Autor in den Forschungsdiskurs zum literarischen Realismus
zu integrieren.

Jg. 44, H. 2 – Themenheft: Verbriefte Frühromantik, weiblich gewendet, hg. von Frederike Middelhoff. Mit Beiträgen von Nicholas Saul, Alexander Knopf, Yvonne Al-Taie, Cosima Jungk, Antonia Villinger und Claudia Bamberg

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Inhaltverzeichnis

Frederike Middelhoff
Editorial: Verbriefte Frühromantik, weiblich gewendet. Korrespondentinnen im Gespräch
mit Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg
, S. 105-111

Nicholas Saul
„Die Frau des gebildeten Standes, ist der Ungebildete“. Zum Verhältnis von Weiblichkeit
und Sprache im Briefwechsel zwischen Friedrich von Hardenbergs und Caroline Schlegel
, S. 113-123

Abstract
Die Frühromantiker haben sich in der unmittelbar postrevolutionären Epoche redlich um die Gleichstellung der Frau bemüht, speziell um die Autonomie und Leistungskraft der Frau als gleichberechtigter Akteurin in der Sphäre der Öffentlichkeit. Im Folgenden wird unter diesem Blickpunkt die utopische Korrespondenz zwischen Friedrich von Hardenberg und Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling untersucht. Nach einer kurzen Darstellung der Zusammenarbeit Caroline Schlegels mit den Brüdern Schlegel wird im Kontext der bevorstehenden, noch geheimen Verlobung Hardenbergs mit Julie von Charpentier Hardenbergs vitalistisch-kreativ orientierte Rhetorik in den Briefen zum Thema Utopie in Ehe und Staat analysiert und in Bezug zu Judith Butlers Gender-Theorie gesetzt.

Alexander Knopf
Am Rande des Gesprächs. Untersuchungen zur epistolaren Kommunikation im Schlegel-Kreis (Friedrich Schlegel, Caroline Schlegel, Friedrich von Hardenberg/Novalis, Dorothea Veit), S. 125-139

Abstract
Der Beitrag untersucht an einer Auswahl von Briefen aus dem Schlegel-Kreis, inwiefern die von Luhmann untersuchte Codierung von Intimität (Liebe) sich auf andere soziale Beziehungen übertragen lässt. Unterstellt wird dabei, dass die unwahrscheinliche Kommunikation, der laut Luhmann im Fall der Liebe ein symbolisch generiertes Kommunikationsmedium zum Erfolg verhelfen soll, gerade für die Frühromantiker:innen ein allgemeines Problem darstellte. Auf dieses Problem wurde mit der Entwicklung komplexer kommunikativer Strategien reagiert. Das zeigt sich an Briefen – als Zeugnissen höchstpersönlicher, aber nicht zwangsläufig intimer Kommunikation – besonders deutlich. Die rhetorischen, stilistischen, theoretischen und metasprachlichen Merkmale, die in diesem Aufsatz zusammengetragen und systematisch differenziert werden, geben zu erkennen, dass sich in diesen Briefen ein Metadiskurs herausbildet, der die Funktion hat, Kommunikationsschwellen sichtbar zu machen. Insofern liefert der Beitrag Anhaltspunkte für die Existenz eines Codes, der – diesseits des Sonderfalls Liebe – auch andere höchstpersönliche Beziehungen (freundschaftlich, verwandtschaftlich etc.) determiniert und reguliert.

Yvonne Al-Taie
Der Brief als soziales Medium. Körperlichkeit, gegenwärtiges Erleben
und epistolare Vermittlung in den Briefen des Grüninger Kreises an Novalis
, S. 141-159

Abstract
Der Beitrag liest die Briefe der Korrespondentinnen des Grüninger Kreises – Jeannette Danscour, Friederike von Mandelsloh, Caroline von Kühn, Sophie von Kühn – an Friedrich von Hardenberg aus einer praxeologischen Perspektive und fragt danach, wie sich diskursive, soziale und materiale Praktiken in den Briefen spiegeln, die sich als Versuche körperlich-räumlicher Distanzüberwindung darbieten. Drei Aspekte werden dabei unterschieden und näher untersucht: Die Situierung des Schreibens in der Bezugnahme auf Schreiborte und Schreibgegenwarten (1), Formen und Funktionen kollaborativen Schreibens (2) und die Simulation körperlicher Nähe in Gesten der Stellvertretung und durch materielle Briefbeigaben (3). Dabei erweist sich der Brief als soziales Medium, das Konfigurationen verbaler und non-verbaler Distanzkommunikation ausbildet, die sich unter technisch veränderten Vorzeichen in ähnlicher Weise in den Sozialen Medien der digitalen Gegenwart wiederfinden.

Cosima Jungk
„Fühlen ist gewiß mehr als Sehen“ – Formen und Funktionen der Intimität in den Briefen
von Friedrich Schlegel und Dorothea Veit an Karoline Paulus und Rahel Levin
, S. 161-175

Abstract
Am Beispiel der Korrespondenzen Friedrich Schlegels und Dorothea Veits mit Karoline Paulus werden Formen und Funktionen der Intimität in der Briefkommunikation untersucht. Friedrich Schlegel umwarb Karoline Paulus mit Billets, die er als intellektuelle Spielform und Türöffner nutzte. Dorothea Veit fand in Karoline Paulus gleichzeitig eine Vertraute. Die Dreiecksbeziehung erhielt neben der emotionalen, auch gleichzeitig eine taktische Bedeutung. Für das Paar stand gesellschaftlicher Anschluss in Jena im Mittelpunkt. Friedrich Schlegels frühe Briefe an Rahel Levin haben einen deutlich anderen Charakter. Während es Schlegel in seinen Schreiben an Karoline Paulus auch um ein Spiel mit der körperlichen Anziehung ging, ersetzte Rahel Levin als kluge und selbstbewusste Briefpartnerin die
mittlerweile entfremdete Schwägerin Karoline Schlegel. Deutlich werden unterschiedliche Formen und Funktionen epistolar inszenierter Intimität, die Aufschluss über die Komplexität der Regulierung von Nähe und Distanz liefern.

Antonia Villinger
Dorothea Schlegel als Reiseliteratin. Briefe aus Italien im Mai 1818 an Friedrich Schlegel, S. 177-192

Abstract
Von ihrer Reise nach und durch Italien berichtet Dorothea Schlegel dem in Frankfurt verbleibenden Friedrich Schlegel in verschiedenen Briefen im Mai 1818. In den Briefen aus Mailand beschreibt sie ausführlich ihre Eindrücke
und Erlebnisse; dabei nimmt Napoleons Einfluss auf die Landschaft, Kultur und Architektur Italiens eine besondere Stellung ein. Italien wird von Schlegel zwar als romantischer Sehnsuchtsort präsentiert, dient aber auch als Aushandlungsort, um die eigene politische, religiöse und gesellschaftliche Position zu reevaluieren und zu festigen. In den Briefen entwickelt Schlegel ihre eigene Perspektive auf Italien, die im Rahmen des Artikels im Anschluss an Forschungsbeiträge zur Gattung der Reiseliteratur als Reisebriefe perspektiviert werden. Die Art und Weise, wie sie
sich das Land über eine Verbindung von Kunst, Religion, Identität, Herkunft und Politik erschreibt, rückt Dorothea Schlegel in der Rolle einer Reiseschriftstellerin in den Blick.

Claudia Bamberg
Mein „Sorgenkind“ – mein „geliebter Bruder“: Friedrich Schlegel in den Briefen der Schwestern Charlotte und Henriette Ernst sowie der Mutter Johanna Christiane Erdmuthe Schlegel, S. 193-208

Abstract
Die Korrespondenzen aus dem weiblichen familiären Umfeld der Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel sind bislang kaum beachtet worden; gemeint sind die Briefe der Schwestern Charlotte (1759–1826) und Henriette (1761–1801) Schlegel sowie der Mutter Johanna Christiane Erdmuthe Schlegel (1735–1811) an August Wilhelm Schlegel. Die 168 Schreiben, die überwiegend erstmals in der Digitalen Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels veröffentlicht wurden, kommentieren vielstimmig den persönlichen und künstlerischen Entwicklungsgang
Friedrich Schlegels und eröffnen so auch neue Perspektiven auf die Konstitution der Frühromantik sowie Friedrich und Dorothea Schlegels Entwicklung nach der Konversion 1808. Im Folgenden werden diese Briefe im Hinblick auf die Thematisierung Friedrich Schlegels – die von der Auseinandersetzung mit Dorothea Schlegel nicht zu trennen ist, denn von beiden entwerfen die Briefe Psychogramme – sowie im Hinblick auf ihre Funktion innerhalb des Familienbriefnetzwerks und auf Ihre Kontexte untersucht, die auch Praktiken der (Früh-)Romantik berühren.

Jg. 44, H. 1 – Themenheft: Poetische Taxonomien. Literarische (Un-)Ordnungen der Natur, hg. von Felix Lempp, Antje Schmidt und Jule Thiemann. Mit Beiträgen von Ludwig Fischer, Laura Isengard, Andrea Schütte, Anna Staab und Yvonne Pauly

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Inhaltsverzeichnis

Felix Lempp / Antje Schmidt / Jule Thiemann
Poetische Taxonomien. Eine Einführung mit Christian Morgenstern, S. 1-10

Ludwig Fischer
Poesie des Benennens. Über den Gebrauch von Namen und Zuschreibungen
in Nature Writing
, S. 11-30

Abstract
Wer über Natur – genauer: von seinen Naturwahrnehmungen schreiben will, muss die wahrgenommenen ‚Dinge‘ benennen. Zutreffend benennen. Für sehr viele Naturerscheinungen, denen wir begegnen können, halten die verschiedenen Sprachen und Kulturen Namen bereit, die hunderte oder tausende von Jahren alt sind. Aber nicht nur die Taxonomie operiert mit neuen ‚Kunstnamen‘. Wenn man von der naturwissenschaftlichen Taxonomie absieht, gerät man auch im Hochdeutschen in ein Wirrwarr alter und junger, gültiger oder bezweifelter Benennungen.
Noch unübersichtlicher wird es für das ‚richtige Benennen‘, wenn man die dialektalen Namen einbezieht. Für die Brennnessel haben die Sprachwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen im deutschen Sprachraum vor gut 80 Jahren über 1100 Namen gesammelt. Wie geht mit einem solchen Befund um, wer NaturLiteratur
schreibt? Was ergibt ein genauer Blick auf Texte eines New Nature Writing? Über literarästhetische Strategien des Benennens, mit Beispielen.

Laura Isengard
„Dinge[ ], die niemand kennt.“ – Adalbert Stifters Kazensilber (1853) und die Kunst der Unterscheidung, S. 31-48

Abstract
Vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels von der klassischen Naturgeschichte zu deutlich dynamisierten Wissensordnungen von Biologie und Lebenswissenschaften profiliert der folgende Beitrag Adalbert Stifters Erzählung
Kazensilber (1853) vor dem diskursiven Hintergrund der Taxonomie als statischem Ordnungssystem der Natur. Ausgehend von der rätselhaften Gestalt des braunen Mädchens soll der Text auf klassifikatorische Unschärfen und Mehrdeutigkeiten befragt werden, auf jenes von Marion Poschmann der Dichtung zugeschriebene subversive Potential einer genuin poetischen Taxonomie. Das Mädchen erweist sich nicht nur als zweifache Retterin, indem es einen das Oberflächliche transzendierenden Naturzugang in die Erzählung einführt. Dieses wird zugleich selbst zum Objekt umfassender Klassifikations- und Integrationsbemühungen. Während Stifters Text zwar ein Bewusstsein für die eigene restriktive und exkludierende Verfahrensweise beweist, ringt auch die Wahrnehmungs- und Sprachordnung der Erzählung letztlich um den Anspruch unbedingter Eindeutigkeit.

Andrea Schütte
Das Pflanzenreich ordnen. Paul Scheerbart im Botanischen Garten, S. 49-66

Abstract
Die Taxonomie vor 1800 ordnet botanisches Wissen auf der Grundlage von Ähnlichkeiten in der äußeren Form und des inneren Aufbaus von Pflanzen in beschreibenden Tableaus. Die Zunahme der bekannten Pflanzen und das Beobachten von Ähnlichkeiten über große räumliche und zeitliche Differenzen hinweg macht es nötig, das botanische Ordnungssystem zu erweitern: Pflanzengeografische und pflanzengeschichtliche Erkenntnisse ermöglichen im Jahrhundert die Konstruktion neuer Ähnlichkeitsbezüge und Abstammungsverhältnisse, die die systematisch beschriebenen Pflanzen in geografische Kontexte und historische Entwicklungslinien stellt. Dieses Wissen um botanische Ordnungsmodelle materialisiert sich in den historischen Botanischen Gärten, an deren Anlage sich oft dieser Teil der Wissenschaftsgeschichte ablesen lässt. Der Dichter Paul Scheerbart, Besucher des Botanischen Gartens in Berlin-Dahlem, deutet in Flora Mohr. Eine Glasblumennovelle (1912) einen Gang durch einen Botanischen Garten an. Indem er botanische Ordnungsmodelle zitiert und zugleich konterkariert, öffnet sich sein Text einerseits für eine wissenschaftsgeschichtliche Lesart und stellt andererseits die Frage, welche Rolle Poiesis/Kunst für die Organisation der Natur spielt.

Anna Staab
Ordnungen im Nebel: Alexander Giesches Inszenierung von Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän am Schauspielhaus Zürich (2020), S. 67-86

Abstract
Der Beitrag diskutiert poetische Taxonomien als Klassifizierungsformen, die die allen Taxonomien inhärente Spannung zwischen empirischer Beobachtung und fiktiver Klassifikation selbst unter Beobachtung setzen. Am Beispiel der von ihrem Regisseur Alexander Giesche als visual poem bezeichneten Inszenierung von Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän am Schauspielhaus Zürich wird gezeigt, wie auf dieser Beobachterebene Ordnungen kollabieren und neue Ordnungsversuche auftreten, in denen nicht Materialität, Beständigkeit und Kohärenz, sondern Virtualität, Flüchtigkeit und Fragmentiertheit Wirklichkeitsbezug erlauben. Weil diese in der Inszenierung vorwiegend in nichtsprachlicher Form auftreten, wird zudem deutlich, dass poetische Taxonomien nicht notwendigerweise die Form von Nomenklaturen oder überhaupt sprachlichen Ordnungen voraussetzen oder annehmen.

Yvonne Pauly
Philologische Taxonomien: Literaturwissenschaftliche (Un-)Ordnungen zeitgenössischer Naturlyrik. Ein Werkstattbericht, S. 87-103

Abstract
Die hier resümierte Veranstaltungsreihe, die im Sommer 2022 im Rahmen des Schülerlabors Geisteswissenschaften an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfand, unternahm den Versuch, etablierte literaturwissenschaftliche Praktiken durch Verfremdung ihrer Selbstverständlichkeit zu entkleiden und so der Reflexion zugänglich zu machen. Im Zentrum stand eine Übung, bei der die Teilnehmer:innen, Deutsch-Leistungskurse der 11. Jahrgangsstufe, mit „philologischen Taxonomien“ experimentierten: Nach dem Muster einer Sammlung naturkundlicher Präparate ordneten und klassifizierten sie ein Korpus zeitgenössischer deutschsprachiger Naturgedichte auf Tafeln, wobei die 35 Texte durch Kärtchen mit Autor:innennamen und Titel repräsentiert wurden. Auf diese Weise für das taxonomische Paradigma sensibilisiert, konnten sie Marion
Poschmanns Gedichtpaar der deutsche Nadelbaum/der deutsche Laubbaum, das auf dem poetischen Spiel mit diesem Paradigma beruht, umso kompetenter erschließen.

Jg. 43, H. 3 – Themenheft „Thomas Manns transatlantische Autorschaft“, hg. von Tobias Boes und Kai Sina. Mit Beiträgen von Roman Seebeck, Veronika Fuechtner, Todd Kontje, Maryann Piel, Paulo Soethe, Morten Høi Jensen und Nikolai Blaumer

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Tobias Boes (Notre Dame) / Kai Sina (Münster)
Editorial, S. 175-180

Roman Seebeck (Münster)
Verkörperung des Intermediären. Überlegungen zu Thomas Manns amerikanischer Vortragskunst, S. 181-188

Abstract
Thomas Mann wurde in den Vereinigten Staaten innerhalb kürzester Zeit zum gefeierten public intellectual. Einzen trales und bisher kaum untersuchtes Element des Amerikaner-Werdens des Autors war sein Engagement als Redner auf dem lecture circuit, einer institutionell und gesellschaftlich fundierten genuinen amerikanischen Vortragskultur. In meinem Beitrag argumentiere ich, dass Thomas Manns Agieren auf den Vortragsbühnen des Landes einerseits als Medium des Autors zur kulturellen Annäherung an die Vereinigten Staaten diente und andererseits entschieden dazu beitrug, dass Thomas Mann zu einer gewichtigen Stimme im transatlantischen Diskurs der Kriegsjahre werden konnte.

Veronika Fuechtner (Hanover, USA)
Die Welten der Manns, S. 189-196

Abstract
„Die Welten der Manns“ zeichnet die öffentliche Faszination für die Familienbiografie der Manns und ihre politische Relevanz über die Jahrzehnte hinweg nach. Die Manns selbst bastelten schon an einer Familienfiktion, die ihr Leben und ihre Literatur als exemplarisch deutsch positionieren sollte. Doch die vielen Migrationen in dieser Familienbiografie, und auch die Weise, in der die Manns im Ausland gelesen werden, zeigen, wie sehr diese Familie auch in anderen Heimaten und Sprachen lebte und schrieb und ihnen letztlich auch heute noch zugehört.

Todd Kontje (San Diego)
Joseph in America, S. 197-204

Abstract
This short essay focuses on the most “American” of Mann’s novels in the larger context of his fictional universe. Joseph der Ernährer offers an oblique response to Nazi Germany refracted through the lens of ancient Egypt, but it also reflects Mann’s ongoing engagement with the meaning of America. Mann creates a comic counterpart to historical tragedy, granting humanity a vision of redemption in an utterly debased world. The laudable cosmopolitanism of Mann’s world view unfortunately goes hand in hand with a less admirable tendency to project racial difference and sexual desires onto “dark” continents in his literary works.

Maryann Piel (Chicago)
Celebrity and the Cultural Nation. Thomas Mann’s Lotte in Weimar, S. 205-212

Abstract
Mann’s 1939 Goethe novel, Lotte in Weimar, is a valuable text through which to understand the role of celebrity in the literary and political landscape of the early 20th century. I explore the ways in which an engagement with the field of Celebrity Studies makes possible a reading of Mann’s Goethe as a palimpsest of the historical celebrity author, Mann, a 20th century celebrity author, and Hitler, Germany’s most famous politician in the media age. Mann’s own experiences in the spotlight, especially those gathered in his exile years, inform the social and familial relationships at the center of the novel. Furthermore, Mann takes an ironic stance towards the “Goethe Mythos,” thereby undermining the validity of the cult of genius and inviting a reading that recognizes its shared features with the cult of modern celebrity that made possible Hitler’s rise to power.

Paulo Soethe (Curitiba)
Der Zauberer im Netz. Literatur und Leben in der brasilianischen Rezeption des Zauberberg, S. 213-220

Abstract
Der Beitrag befasst sich mit der neueren Rezeption von Thomas Manns Der Zauberberg in seinem ‚Mutterland‘ Brasilien. Der familiengeschichtliche Hintergrund wird kurz dargelegt, aktuelle Daten zur Zirkulation und Rezeption der brasilianischen Übersetzung des Romans in der Neuausgabe von 2016 werden besprochen. Der Sichtbarmachung von individuellen Leseerfahrungen und der Entstehung literarischer Diskurse in den Sozialnetzwerken schenkt der Text besondere Aufmerksamkeit: Das Beispiel aus Brasilien macht erstens deutlich, dass der mittlerweile hundert Jahre alt werdende Roman von Thomas Mann gerade jetzt unter vielen, auch jüngeren Leserinnen und Lesern großen Anklang findet, und zweitens, dass durch Digitalisierung und neue Herangehensweisen wie die Netnography auch zum Werk des ‚Zauberers‘ ein neues, ergiebiges Areal der international und interdisziplinär ausgerichteten Forschung entsteht.

Morten Høi Jensen (Brooklyn, New York)
The Question of Why. Der Zauberberg and the Meaning of Life. An Essay, S. 221-226

Abstract
This essay examines why ordinary readers, even a hundred years after its publication, are still drawn to Der Zauberberg not just for its formal appeal, but also for its revelatory potential, its promise of holding deep significance. The “novel of ideas” has been repeatedly discredited throughout the twentieth century, and Thomas Mann has sometimes been discredited as a fusty practitioner of the genre. Yet something about Der Zauberberg seems to transcend the limitations of this form.

Nikolai Blaumer (Berlin)
Selbstprüfung. Versuch über Thomas Mann und eine vergessene politische Tugend, S. 227-231

Abstract
Seit seiner Hinwendung zur Demokratie kultivierte Thomas Mann eine politische Tugend, die gerade für einen Intellektuellen seiner Generation alles andere als selbstverständlich war. Er scheute sich nicht, sein eigenes Denken fortwährend kritisch zu prüfen und Positionen auch öffentlich zu korrigieren. Jene bemerkenswerte Qualität Thomas Manns ist lange übersehen worden. Sie sollte gerade angesichts der politischen ‚Zeitenwende‘ unserer Tage Vorbild sein.

Jg. 43, H. 2 – Themenheft „Praktiken der Kanonisierung“, hg. von Martina Wernli. Mit Beiträgen von Oliver Völker, Maren Scheurer, Peter C. Pohl, Martina Wernli, Natalie Moser, Sandra Vlasta

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Martina Wernli (Frankfurt a. M./Deutschland)
Editorial, S. 87-88

Oliver Völker (Frankfurt a. M./Deutschland)
„Auskehricht“: Figuren des Globalen und des Randständigen in Johann Carl Wezels Belphegor und Jonathan Swifts Gulliver’s Travels, S. 89-102

Abstract
Kurz nach seiner Veröffentlichung verschwand Johann Carl Wezels Roman Belphegor (1776) aus der öffentlichen Wahrnehmung und dem etablierten Feld der deutschen Literatur. Bisherige Lektüren haben dafür dessen Misanthropie und Skeptizismus angeführt. In diesem Artikel lenke ich den Blick hingegen auf die Bedeutung von Marginalisierten und Entrechteten für den Roman selbst, indem ich dessen Darstellung des atlantischen Sklavenhandels und somit seine Situiertheit in den Widersprüchen der Spätaufklärung hervorhebe. Die monotone Zeit- und Raumstruktur des Romans, so die These, macht den Handel und die Zirkulation von in Dinge verwandelten Menschen abbildbar, die im Schatten von normativen Modellen des Kosmopolitismus und universeller Rechte stehen. Aus dieser Perspektive wird Belphegor im Kontext der europäischen Kolonialgeschichte lesbar, was durch einen abschließenden Bezug zu Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726) verdeutlicht wird.

Maren Scheurer (Frankfurt a.M./Deutschland)
„Ruhmdurst“: Weibliche Künstlerschaft in Helene Böhlaus Der Rangierbahnhof, S. 103 -116

Abstract
Das Motiv des „Ruhmdurstes“ der jungen Malerin Olga Kovalski in Helene Böhlaus Der Rangierbahnhof (1896) dient diesem Artikel als Ausgangspunkt, um wichtige Prämissen des Kanonbegriffs aus der Sicht des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu beleuchten. Böhlaus Roman nimmt nicht nur die Kritik an genderspezifischen Ausschlussprozessen vorweg und thematisiert die Strukturen, die Frauen insbesondere aus der ästhetischen Avantgarde und dem Zugang zu künstlerischer Wahrheit ausklammerten, sondern formuliert auch ein relationales Gegenmodell, in dem sich das Streben der Protagonistin ausdrücklich an andere Künstlerinnen richtet. Im Kontext des zeitgenössischen Ruhmdiskurses zeigt sich das utopische Potential des Romans: Statt einer reinen Wettbewerbslogik fordert er Kunst für Frauen, die sie als Rezipientinnen wie als Künstlerinnen ermächtigt und die Dynamiken der Kanonisierung hinterfragt.

Peter C. Pohl (Innsbruck/Österreich)
Praktiken mit K-. Ein terminologischer Vorschlag zur Kanonforschung am Beispiel von Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Romanen, S. 117-132

Abstract
Gerhard Henschels autofiktionaler Romanzyklus um Martin Schlosser stellt ein besonders geeignetes Objekt für die kulturwissenschaftliche Kanonforschung dar. Die neun Romane erzählen die Geschichte Martin Schlossers von seiner Geburt bis zu seiner Etablierung als Satiriker und Schriftsteller, wobei sie nicht nur das deutsche literarische Feld in der Art von Literaturbetriebsromanen skizzieren und karikieren; sie verwenden auch literarische Verfahren, die den Präferenzen Schlossers entsprechen – und von Autoren wie Walter Kempowski stammen. Der Beitrag orientiert sich an Pierre Bourdieus Kultursoziologie und Andreas Reckwitz’ Studien zur Akademikerklasse und entwickelt anhand von Henschels Romanen einen terminologischen Vorschlag für die Kanonforschung. Er differenziert vier Praktiken aus ethologischen, kultursoziologischen, literaturwissenschaftlichen, theologischen Provenienzen – Kooperieren, Kuratieren, Kritisieren, Konsekrieren – und zeigt, dass sie Bestandteile kultureller Präferenzbildung und damit auch des Kanonisierens sind.

Martina Wernli (Frankfurt a. M./Deutschland)
Und wer liest Adelheid Duvanel? Zu Mehrfachmarginalisierungen und Kanonisierungsfragen am Beispiel einer wiederzuentdeckenden Autorin, S. 133-146

Abstract
Adelheid Duvanel (1936–1996) gilt vielen noch als ‚Geheimtipp‘. Nachdem ihre Texte größtenteils vergriffen waren, erschien 2021 ein Band mit den gesammelten Erzählungen, weitere Editionen sind geplant. An diesem Band, den Rezensionen und der Editionslage können Prozesse der Kanonisierungen verfolgt werden, Prozesse, die sich gerade in einer Umbruchssituation befinden. Der Beitrag nimmt die Lektüre eines Tagebucheintrages der Autorin vor, um Einblick in das poetische Potenzial von Duvanels Schaffen zu geben. Psychiatrieerfahrung, weibliche Autorschaft sowie lokale versus internationale Rezeption sind Aspekte, die der Beitrag als mögliche Gründe für den Verbleib in einem Schwellenraum der Kanonisierung diskutiert.

Natalie Moser (Potsdam/Deutschland)
Kitsch oder Kanon? Zur reflexiven Funktion weiblicher Skripte in Emma Braslavskys Zukunftstexten, S. 147-162

Abstract
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit den Interferenzen der Konzepte Genre, Gender und Kanon in Near Future-Texten von Emma Braslavsky. Im Zentrum der Untersuchung stehen ihr Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten (2019) und ihre verfilmte Erzählung Ich bin dein Mensch. Ein Liebeslied (2019). Gezeigt werden soll, dass Weiblichkeit in diesen Texten u.a. mittels einer programmierenden Hubot als Hauptfigur als subversives Skript inszeniert wird. Zum einen werden anhand weiblicher Skripte textintern heteronormative Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster sowie Wertungsdiskurse (z.B. in der Form des Kitsch-Vorwurfes) und Ausschlussmechanismen u.a. im Literaturbetrieb sichtbar gemacht. Anknüpfend an die Tradition der feministischen Science-Fiction wird zum anderen ein bestehende Dualismen wie Natur vs. Kultur, Natur vs. Technik oder Mensch vs. Maschine unterwanderndes, mit kanonischen Narrationen, Diskursen und Figuren spielendes Erzählen von der nahen Zukunft etabliert.

Sandra Vlasta (Genua/Italien)
Dürfen Schwarze Blumen malen? (Sharon Dodua Otoo). Heterogenität im Kanon und/trotz Literaturpreise(n), S. 163-174

Abstract
Literaturpreise werden von der (literarischen) Öffentlichkeit als klassisches Kanonisierungsinstrument aufgefasst, das Aufmerksamkeit schafft und mitbestimmt, welche Bücher und Autor:innen in den Kanon aufgenommen werden. Genau diese Möglichkeit wurde in den letzten Jahrzehnten von Preisen wie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis eingesetzt, um möglichen Ausschlüssen von eingewanderten Autor:innen entgegenzuwirken und einen breiteren Kanon zu propagieren. Literaturpreise wie der Deutsche oder der Österreichische Buchpreis verbreitern den Kanon allerdings nur bedingt. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Schnittstelle von und den Wechselwirkungen zwischen Literaturpreisen, Kanon(bildung) und der Heterogenität im Literaturbetrieb der Gegenwart. Der Zusammenhang zwischen Literaturpreisen und Aufmerksamkeit wird erläutert sowie die Gratwanderung zwischen Preisen für marginalisierte Gruppen und der gleichzeitigen Gefahr der Schubladisierung, gegen die sich nicht zuletzt die Autor:innen wehren.

Jg. 43, H. 1 – Sammelheft – Mit Beiträgen von Felix Lempp, Antje Schmid, Jule Thiemann, Jörg Petersen, Justin Mohler, Carsten Jakobi sowie einer Vorstellung des neuen Herausgeber:innen-Teams der Zeitschrift und einer Retrospektive auf die Geschichte von lfl von Bernhard Spies

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In eigener Sache, S. 1
Vorstellung des neuen lfl Herausgeber:innen-Teams, S. 3-11
Unser Selbstverständnis, S. 11

Bernhard Spies (Mainz/Deutschland)
Warum und wozu es literatur für leser:innen gab und immer noch gibt. Ein Blick in die Historie eines literaturwissenschaftlichen Periodikums, S. 13-16.

Felix Lempp/Antje Schmidt/Jule Thiemann (Hamburg/Deutschland)
Un/Geordnete Begegnungen zwischen Pflanzen, Menschen und Tieren in Lyrik und Prosa der Gegenwart, S. 17-37.

Abstract
Der Beitrag umreißt an Beispielen aus den Schriften Carl von Linnés und Michel Foucaults theoretische Konzeptualisierungen taxonomischer Klassifikationen zwischen Ordnungsanspruch und systeminhärenten Widersprüchen und konturiert so die spezifisch poetischen Potenziale der Taxonomie als literarischer Form und Verfahrensweise. Ausgehend von diesen Vorüberlegungen beschreibt er sodann am Beispiel von Lola Randls Roman Der große Garten (2019) und Mara-Daria Cojocarus Lyrikband Buch der Bestimmungen (2021) die Spezifika einer Poetik der Taxonomie: Durch Aneignung und Subversion naturwissenschaftlicher Schreibformen inszenieren poetische Taxonomien in der Gegenwartsliteratur am Rand der Ordnungen und im Kollabieren etablierter Kategorien enthierarchisierte Begegnungen zwischen Pflanze, Mensch und Tier.

Jörg Petersen (Hamburg/Deutschland)
„Ergebt euch doch, ergebt euch einander“. Thomas Harlans Hiob-Rezeption, S. 39-56.

Abstract
In der Vielzahl der literarischen Bearbeitungen des Hiob-Themas, die vor allem nach dem Holocaust Konjunktur haben, ist die Thomas Harlans besonders originell. Gleichwohl hat sie in der Literaturwissenschaft keine Beachtung gefunden. Die vorliegende Untersuchung versucht, das nachzuholen. Dazu richtet sie sich nicht nur auf den zentralen Hiob-Text in Harlans Prosaband, sondern auch auf Harlans beide Romane, in denen Hiob ebenfalls, wenn auch nicht so ausführlich wie im Prosaband thematisiert wird. Es zeigt sich mit Blick auf die Jahrhunderte währende und bis in die Gegenwart sich erstreckende und an Hiob entzündende theologische und philosophische Theodizee-Debatte, dass Harlans Hiob-Figur den Hiob der Bibel unter performativem Aspekt in neuem Licht erscheinen lässt.

Justin Mohler (Manchester/New Hampshire, US)
Contagious Becomings: Carmen Stephan’s Mal Aria, S. 57-71.

Abstract
Abstract
Carmen Stephan’s debut novel, Mal Aria (2012), is notable not least of all for its surprising narrator: the much-maligned mosquito. Given our shared history, this perspective could easily devolve into misanthropy. However, the narrator’s relationship with Carmen, her malaria-stricken victim, is in fact deeply ambiguous. Although gifted with the power of self-reflection, she struggles in vain to save Carmen as doctors repeatedly fail to recognize the disease ravaging her body. This article argues that the physicians’ failure, read through the lens of Deleuze and Guattari’s notion of becoming-animal, stems from the blind application of their expertise and subsequent refusal to engage meaningfully with the world on which that knowledge is predicated. Entranced by a hierarchical epistemology based
on chimeric individuality and thus unable to unite theory with an openness to the world, they are rendered at best ineffectual, and at worst, complicit in Carmen’s eventual death.

Carsten Jakobi (Mainz/Deutschland)
„Einem Blutbade entgiengen sie, um in ein andres zu gerathen“ – Zirkuläres Erzählen in Voltaires Candide und in Johann Carl Wezels Belphegor, S. 73-86.

Abstract
Abstract
Johann Carl Wezel, einer der wichtigsten Autoren der deutschen Spätaufklärung, legte 1776 mit seinem Belphegor einen Roman vor, der in der zeitgenössischen und der späteren Rezeption als ‚deutscher Candide‘ bezeichnet und verstanden wurde. Der Aufsatz geht der Frage nach, inwiefern die von Wezel formulierte Kritik über Voltaires Skepsis am Vernunftidealismus hinausgeht und welcher erzählerischen Formen er dazu entwickelt. Die Bedeutung Wezels im deutschen und europäischen literarischen Kontext soll so unter einer erzähltheoretischen Perspektive transparent gemacht werden: Die doppelte Zirkularität (der Ereignis- und der ideelle Zirkel) stiftetet als Modus der Kritik eine weitgehend traditionslos gebliebene satirische Form der Sinnverweigerung.

JG. 42, H. 3 – Themenheft „‚Musse pfeiffe inne Wind.‘ Gerhard Henschel zum 60. Geburtstag“ – Mit Beiträgen von Ingo Cornils, Gerhard Henschel, Andreas Solbach, Manuel Förderer, Peter C. Pohl und Kay Wolfinger

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Ingo Cornils (Leeds/Vereinigtes Königreich)
Editorial, S. 189-194

Gerhard Henschel (Hamburg/Deutschland)
Aus dem Schelmenroman: Vorabdruck einer Passage, die im Frühling 1994 spielt, S. 195-198

Andreas Solbach (Mainz/Deutschland)
Keine vita nova: Gegenwartscollage als Vergangenheitsbewältigung in Gerhard Henschels Jugendroman, S. 199-214

Abstract
Der Artikel versucht, mit Hilfe einer genauen und ausführlichen narratologischen Analyse die Umsetzung der vielfältigen Entwürfe eines ‚neuen Lebens‘ in den 1970er Jahren bei Henschel zu diskutieren. Dabei wird deutlich, dassden andauernden ideologischen Diskursen der deutschen Geschichte seit der Jahrhundertwende zwar eine stark subjektive negative Kritik entgegengestellt wird, die sich aber, dem noch sehr jugendlichen Alter des homodiegetischen Helden, aber auch den gesellschaftlichen Möglichkeiten der Zeit entsprechend, nur teilweise durchsetzen kann.

Manuel Förderer (Münster/Deutschland)
„A creature void of form“. Zur Bedeutung von Bob Dylan in Gerhard Henschels Schlosser-Romanen, S. 215-230

Abstract
Der Aufsatz zeichnet anhand dreier thematischer Komplexe nach, welche Rolle Texte und Musik Bob Dylans innerhalb des autobiographischen Romanprojekts um Martin Schlosser spielen. Zunächst wird untersucht, wie Dylans Lyrics die erzählten Spannungen zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie sie sich exemplarisch im Verhältnis des Erzählers zu seiner Familie zeigen, motivisch rahmen; sodann wird aufgezeigt, wie durch den Zugriff auf Dylans Texte thematische Einheiten innerhalb der Romane konstituiert und somit teils disparate Passagen verknüpft werden. Abschließend rücken Adaptions- und Übersetzungspraktiken, derer sich der Erzähler in Bezug auf Dylans Songtexte bedient, in den Blick, wobei an entsprechenden Stellen auch weitere Texte Henschels berücksichtigt werden sollen. Der Aufsatz dokumentiert eine gleichfalls passgenaue wie vielschichtige Montagepraxis innerhalb
der Schlosser-Romane und erarbeitet grundlegende Einsichten in die intertextuelle Verfahrensweise Henschels.

Peter Pohl (Innsbruck/Österreich)
Der west-östliche Bildungsroman der Gegenwart. Ein Vergleich von Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (2012) und Gerhard Henschels Bildungsroman (2014), S. 231-248

Abstract
Gerhard Henschels autofiktionaler Romanzyklus um Martin Schlosser weist neben diversen anderen Texten auch einen Bildungsroman auf; allerdings stellt sich die Frage, inwieweit der Titel auch als Gattungsbezeichnung ernst zu nehmen ist. Die Gründe, die dagegen sprechen, sind zahlreich und gewichtig. Der vorliegende Aufsatz versucht nicht erst, diese Gründe zu entfalten, sondern verfolgt einen anderen Weg: Ausgehend von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und einer Gattungsdiskussion und -neubestimmung des Bildungsromans liest er Henschels Text als einen Bildungsroman der Gegenwart und fundiert seine Lektüre im Vergleich mit einem anderen zeitgenössischen Text, der sich zwar auch Bildungsroman nennt, gleichfalls aber am ehesten noch als Genre-Parodie für die Bildungsromanforschung brauchbar scheint: Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. Bildungsroman. Das Ziel ist es, einerseits die Bildungsromanforschung an die Gegenwart heranzuführen, andererseits die Notwendigkeit des Genres für die Reflexion der gesamtdeutschen Gegenwart mit ihren ästhetisch-medial-kulturellen Spezifika aufzuzeigen. Dabei fällt auf: Wie der Bildungsroman Goethes bildet(e) sich die deutsche Gegenwart weder nur integrativ und harmonisch noch nur desintegrativ und disharmonisch.

Kay Wolfinger (München/Deutschland)
Gerhard Henschel in der Schreibschule von Walter Kempowski – Auszug aus den Notizen, S. 249-262

Abstract
Der Beitrag macht auf die Nähe Gerhard Henschels zum Schriftsteller Walter Kempowski aufmerksam und durchkämmt die jeweiligen Werke auf wechselseitige Spuren. Zudem arbeitet er mit Fundstücken und Interviewmaterial und will sowohl die Henschel-Forschung inspirieren als auch der Kempowski-Forschung neue Impulse geben: Die von Kempowski veranstalteten Literaturseminare in Nartum, die auch in den Martin-Schlosser-Romanen Henschels ihren Niederschlag gefunden haben, sind ein noch unbeleuchtetes Forschungsthema.


JG. 42, H. 2 – Themenheft „Gegenwartsautor:innen“, hg. v. Brigitte Prutti – Mit Beiträgen von Karin Bauer, Simone Pfleger, Julia K. Gruber, Olivia Albiero, Heidi Schlipphacke

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Brigitte Prutti (Seattle/USA)
Editorial: Gegenwartsautor:innen

Karin Bauer (Montreal/Kanada)
‚Jede Schicht ein Kunstwerk‘. Postmemoriale Autofiktion und Autorschaft in Herta Müllers Atemschaukel (2009) , S. 107-122

Abstract
Die literarische Wertschätzung des „Gulag-Romans“ ist meist gebunden an autobiografische und überwiegend männlich kodierte Prosa, die als Ausdruck und Garantie von persönlicher und historischer Authentizität (miss)verstanden wird. Anhand von Herta Müllers als „parfümiert“ kritisierten Roman Atemschaukel argumentiert dieser Beitrag, dass der Wahrheitsgehalt des postmemorialen Lagerromans nicht in der vermeintlichen Authentizität persönlicher Erinnerung liegen kann, sondern dass es in Atemschaukel vielmehr darum geht, narrative Möglichkeiten auszuloten, durch die das Leiden in einer existentiellen Ausnahmesituation vermittelt werden kann. Müllers Begriffe der Autofiktion und erfundenen Erinnerung sind desweilen im Sinne Ruth Klügers „anders geschliffene Gläser“, die eine ästhetische Wende in der deutschsprachigen Erinnerungsliteratur (Michael Braun) signalisieren. Der Beitrag liest die auf verschiedenen erzählerischen Ebenen veranschaulichte Verknüpfung von Arbeit und Kunst als einen selbstreflexiven, transgenerationalen und gegen-monumentalen Dialog über Autorschaft.

Simone Pfleger (Edmonton/Canada)
Becoming Disposable: Bodies In-Sync and Out-Of-Sync with Method Time in Juli Zeh’s Corpus Delicti (2009), S. 123-138

Abstract
This article analyzes Juli Zeh’s Corpus Delicti: Ein Prozess (2009) to show how the novel explores the ways in which social, cultural, and political structures control, monitor, and regulate the protagonists’ bodies and construction of their subjectivities. My discussions of Corpus Delicti foregrounds the possibility that performative acts which at times render the protagonist Mia Holl precariously illegible within the dominant socio-cultural system, while at other times she may still reside within the system. By doing and undoing a state of belonging and disposability, the character cannot be situated completely and permanently „inside“ or „outside“ the system. In this vein, Mia challenges the prevalent tendency of some readers to valorize resistance by embracing those instances when she registers as belonging to the dominant system. Moreover, distinct formal aspects of Zeh’s text prompt readers to pause and potentially re-read passages, encouraging them to interrogate critically their own desire for both a linear narrative and an optimistic resolution with a happy ending.

Julia K. Gruber (Cookeville/USA)
So wie, wie wenn, als ob: Literarische Tiere und Tierliche Tropen in Eva Menasses Tiere für Fortgeschrittene (2017), S. 139-158

Abstract
Angelehnt an Theorieansätze von John Berger und Jacques Derrida sowie unter Berücksichtigung der Literary Animal Studies, untersucht dieser Beitrag Eva Menasses Erzählband Tiere für Fortgeschrittene (2017). Dabei steht Menasses Spiel mit tierlichen Tropen, d.h. Vergleichen, Metaphern, Allegorien und Ironie und wie sie „Fabelhaftes“ schreibt, im Zentrum der Analyse. In Tiere für Fortgeschrittene wird das Verhalten, das Leiden und das Geschick von Tieren auf die in den Geschichten beschriebenen Menschen bezogen. Als Leserin wird man so aufgefordert, das tierliche und das menschliche Verhalten in Beziehung zueinander zu setzen. Der Essay zeigt auf, welche Art Interaktion zwischen Tieren und Menschen bzw. zwischen Autorin und Leserin zustande kommt, wenn Menasse auf diese Weise Tierinformationen mit Geschichten über Menschen verbindet. Zuletzt wird der Erzählband als Beispiel für interspezielle Kunst diskutiert.

Olivia Albiero (San Francisco/USA)
Fluid Writing: Identity, Gender and Migration in Sasha Marianna Salzmann’s Ausser sich (2017), S. 159-174

Abstract
This article offers a reading of Sasha Marianna Salzmann’s Ausser sich which focuses on the „fluidity“ of the novel as thematic and narrative aspect in relation to questions of identity, gender and migration. My reading shows how Salzmann has crafted a narrative that unfolds at the intersections of multiple transitions in the protagonist’s life. In Ausser sich, the reader follows Ali’s family’s migration from post-Soviet Russia to Germany; Ali’s own search for their past and twin brother in Istanbul; and the gender transition that the protagonist undergoes. My analysis highlights how these thematic aspects are reflected in the form of the novel, its queer narrative voice, and the use of multiple languages. Guided by ideas taken from queer and feminist narrative theory and informed by the concept of „fluidity“ explored within a sociological, postcolonial and postmigrant context, I show how Salzmann’s „fluid writing“ resists binary classifications to account for the shifts described.

Heidi Schlipphacke (Chicago/USA)
Lesbian Camp and the Queer Archive: Angela Steidele’s Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II. (2015), S. 175-188

Abstract
Angela Steidele’s 2015 epistolary novel Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II presents a queer archive via partially fictional letters from and about Ludwig II and the cross-dressing lesbian Catharina Margaretha Linck, who lived more than 100 years before the Bavarian king. Steidele’s novel highlights the marriage of materiality and fantasy within the queer archive, engaging a mode of Camp aesthetics that always points to the gap between the material/real and fantasy. What is more, it is lesbian Camp, an undertheorized concept, that shapes and structures Steidele’s novel, even those portions concerned with the homosexually inclined King Ludwig. The unrepresentability of lesbian desire surfaces in the novel as textual gaps that connote both a joke and loss, underscoring the affective complexity of the queer archive.

Jg. 42, H. 1 – Mit Beiträgen von Simela Deliandidou, Gerhard Sauder, Klaus Haberkamm, Ludwig Völker, Dieter Liewerscheidt, Markus Fauser

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Simela Delianidou (Thessaloniki)
Das räumliche Wissen der Literatur über Armut: Hans Fallada Kleiner Mann – was nun?, S. 1-28

Gerhard Sauder (St. Ingbert)
Bergengruen vergessen!?, S. 29-52

Klaus Haberkamm und Ludwig Völker (Münster)
Der Rechte, der Mittlere und der Linke. Zur parabolischen Rechts-Links-Dichotomie in Herbert von Hoerners Erzählung Die letzte Kugel (1937), S. 53-76

Dieter Liewerscheidt (Mönchengladbach)
„Phase II“ oder Benns Wende zur späten Lyrik, S. 77-88

Markus Fauser (Vechta)
„Aus der Haut fahren und in jede beliebige andere hinein“ – Barocke Lyrik bei H. C. Artmann, S. 89-101