OpenCourse 2011

Zukunft des Lernens

Zeit für neue Methoden??

Publiziert am von Claudia Bremer

Angeregt durch den Halbzeit-Beitrag von Joachim Wedekind und den Diskussionstrang (Social Media für Lehr- und Lernprozesse – die falsche Frage?) den Karlheinz Pape initiert hat, würde ich gern hier die Kurzform meines Kommentars aus Wedekinds Blog hier nochmals posten, und damit noch stärker den Aspekt aufgreifen, der uns über das WIE jenseits der technischen Möglichkeiten jenseits der Medien zurück auf die Lernformen und Methoden bringt: WIE wir Unterricht, Lehr-/Lernszenarien gestalten.

Mir scheinen da vor allem in der Erwachsenenbildung Offenheit für neue, teilnehmerzentrierte Lehr/Lernformen zu liegen (nicht im Sinne des Wünschenswerten, sondern im Sinne des Realisierbaren) im Vergleich zu Hochschule und Schule (und freue mich hier- auch gerne und vor allem über andere Erfahrungen im Rahmen von Kommentaren und Diskussionsbeiträgen).

Nicht, dass ich sie in der Hochschule und Schule nicht wünsche und den Bedarf nicht sehe, ganz im Gegenteil, nur scheint es sich meiner Erfahrung nach zur Zeit leichter in der Erwachsenenbildung realisieren zu lassen, wo auch bei den Teilnehmenden Offenheit für neue Lernformen existiert, nicht zuletzt auch aufgrund eines meiner Erfahrung nach leichter herstellbaren Interesses am Peer, am Mitlernenden, oftmals der freieren Themenwahl und eine leichtere Herstellbarkeit von direkten Bezügen zur Alltags-/Berufs- und Lebenspraxis – auch wenn das natürlich nicht gilt, wenn die Teilnehmenden von Chef geschickt wurden und keine Motivation haben, wie Daniel Spielmann in seinem Kommantar in Papes Blog schreibt).

In der Hochschullehre erleben wir oft zeitrationale Studierende im Sinne von „Was muss ich für einen Credit tun?“ (vgl. auch Rolf Schulmeister: „Studieren als Schnäppchenjagd – Die Lehre vom ‚guten Schnitt’“) Und das ist ja auch gut so, es ist eine Kompetenz, die später oder gleichzeitig in der Arbeitswelt von Ihnen verlangt werden. Eine These (die ich auch in der Session mit Schulmeister vertrat): so lange unser Belohnungssystem so ausgerichtet ist, „lohnen“ sich andere Lernformen mit hoher Vernetzung für Studierende nicht (außer es gelingt, sie zu inspirieren und zu begeistern und die Studierenden jenseits der Workload-Kalkulation zu motivieren)

Vorgestern hielt ich einen Vortrag vor LehrerInnen, Unternehmern und Dozierenden aus der Erwachsenenbildung. Einer der letzteren sagte, dass es doch in den Schulen und Unis kaum noch Frontalunterricht gäbe. Worauf die anderen, meist LehrerInnen, ganz überrascht waren, dies bestritten und bestätigten, dass dies doch doch noch die häufigste Unterrichtsform sei.
Hier in Hessen sehe ich zugleich viele Ansätze für selbstorganisiertes, selbstgesteuertes Lernen. Ich würde die gerne einladen, die dies umsetzen, hier ihre Erfahrungen einzubringen. Was wir beobachten: Dort wo es stattfindet, sind es Pilotschulen, Pilotprojekte, aber ja, die Schüler und Schülerinnen sind hochgradig motiviert und erleben viel Lernmotivation und –zuwachs, nur ist es da schwierig, wo es eine Insel bleibt und nur eine Lehrperson an einer Schule es umsetzt, während rechts und links herkömmlich, „konsumförderender“ Frontalunterricht stattfindet.

Ich möchte hier jetzt weniger nur einzelne positive Erfahrungsberichte sammeln, die es sicher gibt, sondern vielmehr die Frage stellen: sind neue Lern-/Lehrformen in Schule und Hochschule unbedingt erforderlich? Wenn ja, wieso und wozu? Und zweitens: was bewirkt diese Veränderungsprozesse, wo finden Veränderungen statt und wenn ja, was befördert diese?

Danke Joachim für den positiven Halbzeitimpuls!

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4 Responses to Zeit für neue Methoden??

  1. Lieber Jochen,
    ich kann nur über die Erwachsenenbildung sprechen (hier vor allem berufliche Wiedereingliederung) – dort kommt es in erster Linie auf 2 Faktoren an, die neue Lernmethoden fördern oder behindern:
    A) die Zusammensetzung der TN-Gruppen sowie die einzelnen TN-Charaktäre und ihre Bereitschaft zum Lernen
    B) die Struktur der Bildungsträger bzw. der Maßnahmen.

    Ich habe gerade begonnen, einen Kurs zu leiten, in dessen Konzept besondere Merkmale zum Tragen kommen.
    1.) Fast 50 Prozent Praxisanteil direkt in einem Betrieb. Wesentlich besser für das Training als berufspraktischer Unterricht beim Bildungsträger.
    2.) Kontinuierliche Begleitung durch einen Coach, der detailliert auf die TN-Bedürfnisse eingehen kann, ihre Prozesse fördert und individuelle Beratung gewährleistet.

    Ein Sonderfall allerdings. Üblicherweise ist der Maßnahmeträger zwar verpflichet, irgendwie eine bestimmte Vermittlungsquote zu erreichen (also dass die TN wieder in Arbeit kommen) – aber es wird kein Wert darauf gelegt, dass die TN auch psychosozial intensiv betreut werden. Nach dem Motto: Hauptsache fachtheoretische Kompetenzen vermitteln. Betreuung durch einen gut ausgebildeten Coach – egal.

    Die TN stehen also in der Regel eher unter dem Druck, den vorgegebenen Stoff, also die Fachtheorie zu lernen. Sie werden aber mit allen Fragen zu persönlichen Hemmnissen eher alleine gelassen und können so schlecht festsitzende Verhaltensmuster und Haltungen aufbrechen.

    Man kann noch so gute Ideen haben, wie man die TN unterstützt – die vorgegebenen Bedingungen der Lernumgebung bremsen jede gute Absicht aus.

  2. Ups.
    Natürlich nicht: „Lieber Jochen“ – der hatte diesen Artikel auf FB verlinkt…

    Also: „Liebe Alle“!
    😉

  3. Obschon ich die Studie von Herrn Schulmeister aufschlussreich – und in manchen Punkten sicherlich auch diskutabel bzw. erweiterungsbedürftig – finde: hat ein Großteil der Studierenden nicht immer schon nach dem leichtesten, mit wenig Zeit- und Arbeitsaufwand verbundenen Weg gesucht? Zumindest war das meine Erfahrung während des Studiums. Es hat sich ja auch gelohnt, wenn sie am Ende ebenso die 1,0 bekommen wie derjenige, der auf einem spürbar höheren Niveau arbeitet, aber dafür auch wesentlich mehr Zeit investiert hat. Davon kann er sich aber wenig kaufen, sondern muss sich im Gegenteil später im Bewerbungsgespräch anhören, weshalb er denn so lange gebraucht habe.

    Positiv kann ich dieses „Zeitmanagement“ – ein in diesem Zusammenhang recht euphemistischer Begriff – nur bedingt sehen, da nach meiner Erfahrung meist die Qualität der zu erledigenden Arbeit leidet. Und da sich auch keiner wirklich beschwert, kann’s ja auch so weiterlaufen – ganz gleich, ob es hierbei um Studium oder Arbeit geht.

    Zu untersuchen wäre allerdings im Anschluss an Schulmeisters Erkenntnisse, was genau denn in der Freizeit gemacht wird. Das bleibt ja hier doch eher unscharf. Was wird denn da gelesen im Netz? Welche Seiten werden genutzt und vor allem wie? Das Anklicken einer Seite sagt mir ja noch recht wenig über den Umgang mit den dort zu findenden Inhalten. Auch abseits der „Medien“ respektive des Internets: Wenn jemand exzessiv seinem Hobby statt seinem Studium nachgeht, was genau macht er denn da? Hat das evtl. doch wieder etwas mit seinem Studium zu tun? Das ist doch gerade der interessante Punkt: inwiefern ergänzt das informelle Lernen, das hier stattfindet, das formelle Lernen? Und sind das dann die gleichen Leute, die ohnehin sehr viel in ihr Studium investieren? Ich weiß nicht, ob die Ergebnisse, die bei einer solchen Untersuchung herauskämen, Schulmeister widersprechen bzw. ihn in überraschender Weise ergänzen würden. Sie würden aber die Aussagekraft seiner Ergebnisse sicher noch erhöhen.

  4. Hallo Herr Jakob, danke für die Anregung! Ich denke auch, Studierende haben schon immer zeitoptimierend gearbeitet, durch den Bachelor/Master und die Einführung der Modularisierung wird es nur jetzt noch transparenter und auch durch die Zeitlast-Studie dokumentiert. Aber ja, es gab schon in USA entsprechende Studien dazu, wie Studierende zeitoptimierend arbeiten. Was ich nur erlebe ist, dass die „Währung“ Credit die Sache noch transparenter macht. Übrigens finde ich die Zeitoptimierung per se gar nicht schlecht, kaum sind Studierende im Job ist das genau das, was wir von ihnen erwarten. Es kann ja nicht sein, dass wir sie vor Berufseinstieg durch die Fächer schlendern lassen wollen und plötzlich mit Berufseinstieg sollen sie zeitoptimierende Wesen sein? Ich glaub das Problem liegt eher im System, dass wenn wir alles auf Credits ausrichten, alles andere leidet. Bzw. wir alles andere eben auch mit Credits belohnen müssen. Und genau das merke ich bei allen Extras, die ich an der Uni anbiete, da wird sofort nach dem Credit gefragt bis auf wenige Ausnahmen. Darauf müssen wir uns jetzt einfach einstellen…. das sind die Geister (Credits), die wir riefen … 😉

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