Blogs als neue Forschungskultur?

von Philipp Offermann

Soeben ist ein neues Internetangebot für Blogs in den (deutschen) Sozialwissenschaften gestartet: de.hypotheses.org ist er deutsche Ableger des ungemein erfolgreichen hypotheses.org aus Frankreich, welches die dortige Bloglandschaft im wissenschaftlichen Bereich bündelt. Zum Start hatte das Deutsche Historische Institut Paris (DHIP) zu einer Tagung geladen, auf der viele Aspekte des wissenschaftlichen Bloggens thematisiert wurden.

Was will de.hypotheses.org? Wie Redaktionsleiterin Mareike König zur Eröffnung erläuterte, soll das neue Angebot für Geistes- und Sozialwissenschaftler das Führen eines eigenen Blogs ermöglichen und unterstützen. Es würde damit ein Angebot geschaffen vergleichbar mit SciLogs oder ScienceBlogs, nur ohne den privatwirtschaftlichen Hintergrund oder den Schwerpunkt auf die Technikwissenschaften. Technisch sind damit zunächst grundlegende Dinge verbunden: Das Portal stellt etwa die zugrundeliegende Technik (WordPress-basiert) zur Verfügung, und wird auch die entsprechende Hilfestellung geben. Dauerhafte Aufbewahrung des content regelt die Archiv-Funktion. Aber auch inhaltlich verspricht ein Blog im Portal große Vorteile, etwa durch die Bündelung der Einzelblogs unter einer gemeinsamen Startseite. Im Gegensatz zu den genannten Blogportalen wäre der Zugang auch durch eine OpenAccess-Policy geregelt und dauerhaft sichergestellt. Verlockend dürfte für ambitionierte Bloggerinnen auch die Aussicht sein, über die französische Nationalbibliothek mit einer ISSN versorgt werden zu können, zumindest theoretisch.

Dies sind gute Neuigkeiten, die sicher gerade beim Start eines Blogs oder im Erfolgsfalle eine Lücke schließen. Das neue Angebot dürfte aber nicht für alle unbedingt reizvoll sein, denn die Portallösung schafft auch Nebeneffekte: Der Umzug der Domäne in eine hypotheses.org-Subdomäne dürfte nicht allen gefallen, auch die Freiheiten im look dürften stark begrenzt sein. Spätestens im Erfolgsfalle dürften sich auch politische Debatten über die "richtige" Steuerung des Grundfunktionen ergeben. Die mehrfache Nachfragen aus dem Publikum nach der Gestaltung der Startseite können schon als erter Hinweis gelesen werden, dass der Vertretungsanspruch der Redaktion einige Aushandlungsprozesse anstossen dürfte.

Insgesamt eine sehr gelungene Tagung, die auch inhaltlich viele gute Anstöße lieferte: Der "Mut zum Fragment" kommt noch zu häufig unter die Räder (auch hier bei uns), wie Gudrun Gersmann vom DHIP richtig anmerkte. Ein Akzeptanzproblem scheinen wissenschaftliche Blogs jedenfalls in Deutschland nicht zu haben, so Cornelius Puschmann, allerdings auch eine ausbaufähige Reichweite. Eine schöne persönliche Blog-Geschichte steuerte Melissa Terras (University College London) bei (hier ihre eigene Zusammenfassung). Eine schöne Gegenrede zur Kommentar-Fixiertheit hielt Georgios Chatzoudis (Gerda-Henkel-Stiftung), auch wenn sein großzügiger Interaktivitätsbegriff auf Kritik im Publikum stiess. Dem launig vorgetragenen Abschlußstatement von Hubertus Kohle (LMU München), Blogs als eigenständiges Medium ernstzunehmen, dürfte sicherlich keine der Anwsesenden widersprochen haben.

Weitere Materialien:

  • Archiv der Konferenz-tweets
  • Tag-Cloud der twitterer während der Konferenz
  • Abstracts aller Tagungsbeiträge gibt es im Redaktionsblog auf de.hypotheses.org
  • UPDATE: Jetzt auch die Vortragsvideos zur Tagung bei der LMU
  • Die ausführlichste Nachlese bislang liefern Wenke Bönisch auf digiwis und Christian Gries auf iliou melathron

3 Kommentare

  1. Danke Philipp für die Zusammenfassung! Kannst du noch einen Link ergänzen unter dem man die Folien/Videos der Präsentationen einsehen kann? Leider finde ich nix dergleichen! thx

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