Van Gogh Alive – the Experience

Die Ausstellung „Van Gogh Alive – the experience“ wurde in der ersten Sitzung angesprochen, somit kann dieser Beitrag als Rückbezug gesehen werden, wobei er hoffentlich auch zur aktuellen Diskussion beiträgt. Die Wanderausstellung „Van Gogh Alive – the experience“ zeigt mithilfe von Abbildungen das Leben und Werk van Goghs. Seine Premiere feierte die Ausstellung 2010 in Singapur und konnte seit dem 1,5 Millionen Besucher begrüßen.1 Da die Ausstellung keine Originalwerke zeigt sondern Abbildungen, ist es möglich, dass die Wanderausstellungen an mehreren Orten zur gleichen Zeit gastiert. So ist sie derzeit in Warschau, Anchorage, Hangzhou und Beijing. Vom 14.5. bis zum 1.11.15 war sie in Berlin in der Alten Münze zu sehen. Die australischen Macher „Grande Exhibitions“ haben schon 120 Ausstellungen geschaffen, wie beispielsweise „Monet to Cézanne – The French Impressionists“, „Planet Shark: Predator or Prey“ oder „101 Inventions That Changed The World“.2

Der Aufbau der Ausstellung ist an allen Standpunkten sehr ähnlich, wobei es natürlich ortsabhängige, minimale Veränderungen geben kann. Ausgehend von der Berliner Ausstellung kann man den Aufbau folgendermaßen beschreiben: Die multimediale Show läuft in drei Räumen parallel. In der Mitte der Räume sind Bänke und Sitzsäcke als Sitzmöglichkeiten verteilt. Die Räume sind dunkel, einzige Lichtquelle bieten die insgesamt 40 High-Definition Projektoren. Diese projizieren um die 3000 Bilder insgesamt auf die Leinwände, die an den Wänden, Säulen und auf dem Boden verteilt sind. Die Bilder werden gezoomt, verschoben und bewegen sich. Zu sehen sind Werke von Van Gogh, Zeichnungen, Skizzen, Briefe und Animationen, wie beispielsweise eine malende Hand. Gezeigt wird die Entwicklung, die Van Gogh in seinem Leben durchläuft. Es kann ausschließlich ein Bild gezeigt werden in einem Raum, wobei hier unterschiedliche Details zu sehen sind oder bestimmte Themengruppen illustriert werden. Zu diesen visuellen Eindrücken kommt eine musikalische Bespielung. Zu hören ist klassische Musik, die als Untermalung dient.3 Ziel der Ausstellung ist es ein „stimulierendes Erlebnis“ zu schaffen, das Licht, Farbe und Klang vereint.4 Losgelöst von der klassischen Art, Kunst in weißen Räumen in Ruhe zu betrachten, wird hier eine „Fusion von Kunst und Technik“ gezeigt, die den Betrachter „hinreißen“ soll und sowohl „lehrreich“ als auch „unterhaltend“ ist.5 Es ist eine neue Art Bilder zu betrachten und zu erleben.

Die Reaktionen auf diese Art der Ausstellung sind sehr unterschiedlich. Es gibt Stimmen, welche diese Entwicklung als „revolutionär“ bezeichnen und es begrüßen, dass dadurch auch Kunstlaien der Zugang zu großartiger Kunst wie Van Goghs Werk ermöglicht wird.6 Es gibt jedoch auch sehr kritische Stimmen, wie in Juni im monopol zu lesen war. Als erstes wird hier die Abwesenheit des Originals kritisiert, wodurch die Materialität des Pinselstrichs nicht gezeigt werden kann.7 Außerdem geht die Kritik dahin, dass die raumumfassende Bespielung keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Kunst erlaubt. Das Konzept ist demnach auf Emotionen ausgelegt, die unter andrem durch die musikalische Begleitung hervorgerufen werden.8 Zielgruppe dieser Ausstellung ist kulturell interessiertes und besonders auch kulturfernes Publikum.9 Letztere Zielgruppe anzusprechen ist begrüßenswert, wenn es auch mit einem anderen Anspruch geschieht, als in einem klassischen Museum.

1 Wolf, Manfred: Multimediale Van Gogh-Schau, URL: http://www.abendblatt-berlin.de/2015/05/18/multimediale-van-gogh-schau/ (25.11.2015).

2 Grande Exhibitions, URL: http://www.grandeexhibitions.com/ (25.11.2015).

3 Göcmener, Bettina: Van Gogh Alive in der Alten Münze Berlin, URL: http://www.berlin1.de/berlin-erleben/events/van-gogh-alive-der-alten-mnze-berlin-20154233 (25.11.2015).

4 Van Gogh Alive, URL: http://vangogh-alive.com/ (25.11.2015).

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Zamankhan, Schahrzad: Sternennacht, powerd by emotions, URL: http://www.monopol-magazin.de/Van-Gogh-Alive-Berlin-Multimedia-Show (25.11.2015).

8 Ebd.

9 Berlin.de, URL: http://www.berlin.de/ausstellungen/archiv/3854174-3238788-van-gogh-alive.html (25.11.2015).

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Eine Antwort zu Van Gogh Alive – the Experience

  1. vogelr sagt:

    Wie der Titel „Van Gogh – The Experience“ bereits ahnen lässt, geht es bei diesem Ausstellungskonzept primär um die Erfahrung von Kunst, bei dem der Museumsbesuch zu einem, wie du schon meintest, ‘stimulierenden Erlebnis’ werden soll.
    Diese neue Art Bilder zu betrachten zeigt einen Trend hin zur sinnlichen Erfahrbarkeit von Kunst. Dabei spielt insbesondere die individuelle Wahrnehmung eine bedeutende Rolle, Hintergrundwissen und Vorkenntnisse scheinen dabei weniger wichtig zu sein.
    Infolgedessen findet der Einsatz verschiedener Medien zur Erschließung neuer Besuchergruppen vermehrt Eingang in die Ausstellungskonzepte heutiger Museen. Dabei sollen immer komplexere Inhalte an eine zunehmend heterogene Gruppe von Museumsbesuchern herangetragen werden.
    Des Weiteren zeige der Einsatz moderner Techniken, so Michelle Henning, den Willen der Museen zur Modernisierung und Effizienzsteigerung, sowie das Bestreben einer altehrwürdigen Institution, also des Museums, Wissen zu demokratisieren und vielschichtige Ideen und Prozesse auf eine verständliche Weise einem breitem Publikum näher zu bringen. Das was Henning hier anspricht, wird von einem Zitat Jordi Pardos untermauert:
    „A good exhibition or museum installation must be able to send different messages to different publics visiting the same space at the same time“.
    Für Pardo sei eine Ausstellung, die es schaffe ein breites Publikum anzusprechen und jeden einzelnen Besucher auf eine individuelle Weise zu erreichen, eine gelungene Ausstellung und erst dann ein wirklicher Erfolg.

    Der Betrachter fungiert dabei als aktiver Empfänger. In der Auseinandersetzung mit bildender Kunst werden jedoch nicht alle Sinne gleichermaßen angesprochen. Die Verhaltensregeln in Ausstellungsräumen waren bisher auf das Sehen und inzwischen auch ebenso auf das Hören ausgerichtet, üblicherweise ist jedoch das Anfassen von Kunstwerken untersagt. So zwingen Architektur und Konzeption dem Besucher nahezu Verhaltensregeln auf und scheinen ihm förmlich entgegen zu rufen: „Nicht anfassen!“. Derzeit sind Bestrebungen zu beobachten, die sich anschicken, auch diesen Kodex zu durchbrechen, eine Entwicklung, die das Original ins Schattendasein zu ‘verbannen’ droht. So werden z.B. in der Initiative The Unseen Art Project Kunstwerke im 3D Scan-Verfahren auch für Blinde erfahrbar gemacht, ein weiterer Schritt hin zur Demokratisierung von Wissen und Erfahrbarkeit (vgl. http://www.thisiscolossal.com/2015/11/unseen-art-3d-printing-classical-paintings-for-the-blind/).

    Robert Redfield macht jedoch darauf aufmerksam, dass sich nur Kenner mit ‘geschultem Blick’ auf mehrere Aspekte in einem Kunstwerk gleichzeitig konzentrieren können. Auch Harold Osborne schließt sich der Meinung Redfields an, denn er argumentiert, dass man sich als Betrachter ausschließlich auf eine selektierte Region bei einem Kunstwerk konzentrieren kann. So schaltet man z.B. bei der Betrachtung Nebengeräusche aus. Stehen Sinneseindrücke jedoch in Konkurrenz, können sie sogar als störend empfunden werden und ein Reaktanz-Effekt ist bei den Rezipienten zu beobachten.
    Durch die sinnliche und multimediale Vereinnahmung werden zudem Prozesse des Lernens und Verstehens, die durch die Interaktion zwischen Personen entstehen, gestört. Dialoge und Diskussionen der Wahrnehmung und Interaktion, hervorgerufen durch den gemeinsamen Besuch als geteilte Erfahrung, finden seltener statt. Während also die neu erworbene Barrierefreiheit nun zum Anlass eines Besuches im Museum wird, wird der Besucher zugleich seiner bisherigen Motivation ins Museum zu gehen, nämlich die soziale und kommunikative Atmosphäre, beraubt.

    In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch die Frage, ob die Ausstellungen mit multisensorischem Ansatz Gefahr laufen, zu Massen-Touristenveranstaltungen zu verkommen. In einer solchen „Tourist Bubble“ werden die Sinne des Besuchers voll und ganz befriedigt, er kann sich passiv zurücklehnen.
    Wozu aber dieser Trend zu multisensorischen Beschallung? Um sich das Label zur Überwindung von Barrieren auf die Fahnen schreiben zu können?
    Oder birgt dieser Ansatz Potenzial ein kreatives Kunstverständnis zu erlangen und auch neue Besuchergruppen anzusprechen?

    Die Grenzen zwischen Leben und Kunst verschwimmen zunehmend. Durch die Interaktivität der Kunstwerke wird der Begriff des in sich geschlossenen Kunstwerks in Frage gestellt. Kunst kann nicht mehr als zeitlose, universelle, unabhängige, in sich geschlossene Einheit betrachtet werden, deren Bedeutung einzig durch die Absicht ihres Schöpfers definiert ist.
    Aufgrund dieser Entwicklung muss man sich fragen, inwiefern eine sinnliche Erfahrung einen künstlerischen Wert an sich darstellt und diese über ein bloß hedonistisches Erleben hinausgeht.

    Quellen:
    BUTLER, Shelley Ruth: The Museum, the Tour, the Senses. 2003, S. 1-11.
    GÖRNER, Veit: Der Betrachter als Akteur. Partizipationsmodelle der frühen Kunst des 20. Jahrhunderts. Braunschweig 2005.
    HENNING, Michelle: New Media, in: A companion to museum studies, hrsg. von Sharon Macdonald. Chichester u. a. 2011, S. 302-318.
    HOWES, David: The Aesthetics of Mixing the Senses. Cross Modal Aesthetics. 2006, S. 75-81.
    HÜNNEKENS, Anette: Der bewegte Betrachter. Theorien der interaktiven Medienkunst. Köln 1997.
    HÜSCH, Anette: Von Sinnen. Wahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst. In: Anette Hüsch (Hg.), Von Sinnen. Wahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst. Kiel 2012, S. 11-14.
    PARDO, Jordi: Audiovisual installations as a strategy für modernisation of heritage presentation spaces, in: Study series. Committee for Audiovisual and Image and Sound New Technologies (AVICOM) (1998), Stand: März 2014.

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