Hashtag #reprometh: Reflexionen über ein Lehrprojekt am kunsthistorischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt

Bisher wurde auf diesem Blog „Reproduktion & Methode“ viel über den Einfluss der Verwendung von Abbildern und Reproduktionen in der kunsthistorischen Forschung reflektiert. Zu Beginn des Wintersemesters 2015/16 ging das Seminar-Experiment „Reproduktion und Methode, eine Medienarchäologie der Abbildung in der Kunstgeschichte“, in dessen Rahmen dieser Blog entstanden ist, an den Start. Die große Bandbreite der Beiträge zeigt, wie intensiv die Studierenden in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fragestellung eingestiegen sind. Die Reflexionen zur Fachgeschichte haben gezeigt, dass sich die Methodik des Fachgebiets Kunstgeschichte unter anderem auch durch die Art und Weise seiner Lehre konstituiert. In einer Art Metareflexion möchte ich daher im Folgenden aus der Perspektive einer Teilnehmerin Seminars über die Erfahrungen mit dem neuen Lehrformat des „Blog-Seminars“ berichten. Ich schreibe in der Absicht, das Format auch für andere kunsthistorische Institute zu empfehlen und hoffe, einige Problemstellungen erläuternzu können, die aus diesem Projekt hervorgegangen sind.

Das Seminar bestand aus 14 Sitzungen, die zu einem Teil von den Teilnehmenden mit Diskussionsbeiträgen gestaltet wurden. Zum anderen Teil der Sitzungen waren Vortragende aus externen Instituten und Institutionen eingeladen, über ihre Arbeit zu berichten. So durften wir Jana Mangold vom Fachbereich Theater- Film und Medienwissenschaften, Dr. Ulfert Tschirner, Kurator des Kultur Museums Lüneburg, Anna Huber in Vertretung für Dr. Chantal Eschenfelder aus der Abteilung Bildung und Vermittlung des Städel-Museums und Corinna Gannon, Praktikantin im kunsthistorischen Institut in Florenz als Gäste im Seminar begrüßen. Vergleichbar mit einer öffentlichen Vortragssituation wurden Vortragenden von den Studierenden vorgestellt, die anschließend auch die Diskussionen mit den Gästen leiteten. Dabei lernten die Teilnehmenden nicht nur wie in anderen Lehrformaten vor der Gruppe in Kurzreferaten vorzutragen, sondern konnten sich in aktiver Gesprächsführung üben. Sie trainierten damit eine Praxis, die in vielen kunsthistorischen Arbeitsfeldern gefragt ist. Ergänzend zu diesem Seminarprogramm unternahm die Gruppe eine Exkursion zum deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte in das Bildarchiv Foto Marburg, in dem Dr. des. Sonja Feßel, Susanne Dörler und Prof. Dr. Hubert Locher durch einen informativen Tag begleiteten.

Mit einer offenen und erwartungsvollen Haltung traten die Lehrenden an die Teilnehmer heran, mit ihren Beiträgen über die Sitzungen den seminarbegleitenden Blog zu gestalten. Auch für weiterführende Gedanken und Diskussionen wurde der Blog über die Seminarstunden genutzt. Als externen Beobachter der Schreibaktivität auf dem Blog hatten die drei Lehrenden Daniel Spielmann vom Schreibzentrum der Goethe-Universität eingeladen. In drei Sitzungen zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Seminars besuchte Daniel Spielmann das Seminar, um aus einer Außenperspektive über die Gestaltung des Blogs zu berichten. Sein abschließendes Fazit sei hier kurz zusammengefasst.

Im Vergleich zu anderen Projekten, die er betreue, so berichtete Spielmann, habe er bei dem vorliegenden Projekt nur wenig aktiv auf die Gestaltung des Schreibprozesses eingewirkt. Über die Qualität der Beiträge zeigte er sich positiv überrascht und äußerte die Vermutung, dass die Studierenden bereits aus anderen Bereichen eine hohe Schreibkompetenz mitbringen. Die Schreibkompetenz äußere sich sowohl in der inhaltlichen Eigenständigkeit der Beiträge, als auch in der Orientierung am Leser. Aus der ansprechenden Gestaltung der Überschriften sowie der Texteinstiege folgerte Spielmann, dass auch das spezifische Publikationsmedium des Blogs beim Schreiben berücksichtigt wurde. Für Spielmann zeigt der Blog, dass es möglich ist, im Internet wissenschaftliche Texte zu publizieren, die sowohl für ein Fachpublikum interessant, aber auch für außenstehende Leser verständlich sind. Um die Leserfreundlichkeit noch zu erhöhen, hätte eine noch kleinteiligere Strukturierung der Themengebiete helfen können, so Spielmann. Auch eine regelmäßige Aktualisierung des Begrüßungstexts auf der Startseite hätte den Blog für außenstehende Leser noch attraktiver gemacht.

Hinsichtlich der Organisationsstruktur des Blogs wurde unter den Studierenden viel diskutiert. Besonders strittig war der Aspekt, ob mit Klarnamen publiziert werden solle. War dies anfänglich noch Bedingung der Lehrveranstaltung, stellten die Lehrenden es den Teilnehmern im Laufe des Seminars frei. Gegen eine Publikation mit Klarnamen sprach vor allem, dass es sich bei den Texten anders als bei gewöhnlichen Seminararbeiten um eine öffentliche Publikationen handelt, die auch nach der Beendigung des Seminars im Internet veröffentlicht bleiben. Der dadurch erzeugte Leistungsdruck wurde von einigen Teilnehmern wurde als Hemmschwelle empfunden, eigene Beiträge zu veröffentlichen. Für die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit ist der Klarname unter den Beiträgen allerdings hilfreich. Insgesamt regte die Frage der Veröffentlichung innerhalb des Seminars einen interessanten Reflexionsprozess darüber an, in welchem Verhältnis die eigene Arbeit im Studium zur Öffentlichkeit steht. Da Kunsthistoriker in ihrem späteren Berufsleben meist auch mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun haben, waren diese Gedanken vermutlich für alle Teilnehmer sehr produktiv. Nach meiner eigenen Einschätzung wäre diese Diskussion ohne das Blog-Format nicht geführt worden.

Die Intention der Lehrenden, eine Publikationsplattform für die Studierenden zu schaffen, um die Inhalte der Lehre in die Öffentlichkeit zu tragen, wurde von den Teilnehmern insgesamt als positiv gewertet. Obwohl auf dem Blog auch Kommentare von Diskussionsteilnehmern außerhalb des Seminars gepostet wurden, ging es bei der Verwendung des neuen Mediums aber vor allem um eine Auseinandersetzung innerhalb des Seminars, die auf inhaltlicher wie methodischer Ebene stattfand.

Durch die Posts auf Twitter, in denen Daniel Spielmann unter #kunstgeschichte und #reprometh über die Blogaktivität berichtete, ließ sich schnell ein Fachpublikum als Leserschaft für den Blog rekrutieren. Die Diskussion, ob auch die Seminarteilnehmer selbst auf Kanälen wie Twitter aktiv werden sollten, um den Blog bekannt zu machen, beantworteten die Beteiligten dahingehend, dass es zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte und die inhaltliche Auseinandersetzung vermutlich darunter gelitten hätte. Für die Diskussionen im Seminar selbst wäre ein methodischer Leitfaden wünschenswert gewesen, um das Themenfeld zu erschließen, der aber angesichts der Forschungslage nur schwer herzustellen ist.

Die verschiedenen, wissenschaftlichen Beiträge auf diesem Blog zeigen, dass das Vertrauen der Lehrenden das Interesse und die Fähigkeiten von uns Seminarteilnehmern unsere Motivation sehr gefördert haben, sich wissenschaftlich mit der eigenen Fachgeschichte auseinanderzusetzen. Ironischerweise mussten wir uns die Tatsache eingestehen, dass auf dem gesamten Blog – bis auf den Header – keine einzige Reproduktion zu sehen ist. Zu unserer Entschuldigung sei aber gesagt, dass die Frage der Bildrechte im Seminarkontext nicht abschließend geklärt werden konnte. Insgesamt war das Seminar-Experiment ein gelungenes, das als Vorbild für weitere Projekte nur zu empfehlen ist. Ich hoffe, dass einige der hier diskutierten Problemstellungen, die aus der methodischen Arbeit im Seminar hervorgegangen sind, für eine Neuorientierung der kunsthistorischen Lehre hilfreich sein können.

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3 Kommentare zu Hashtag #reprometh: Reflexionen über ein Lehrprojekt am kunsthistorischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt

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