Eine etwas andere Digitalstrategie – das Museum of Old and New Art in Tasmanien

Im Rahmen der Beschäftigung mit digitalen wie digitalisierten Kunstsammlungen wurde in der Seminarstunde vom 3.12. 2015 eine Auswahl von Online-Präsenzen vorgestellt (vgl. Beitrag vom 21.12.2015 ). Dabei fiel der Auftritt des jungen Privatmuseums MONA (Museum of Old and New Art) in Tasmanien, Australien besonders ins Auge, der hier nochmals ausführlicher betrachtet werden soll.

Abgelegen, düster, geheimnisvoll – diesen Eindruck erhält man auf dem mystischen in schwarz-weiß Tönen gehaltenen Internetauftritt von dem seit 2011 existenten Museum, das am anderen Ende der Welt die Privatsammlung des Australiers David Walsh beherbergt. Möchte man herausfinden, welche Werkformen und welche Künstler_innen sich hinter dem globalen Kürzel „Old and New Art“ verbergen, stößt man lediglich auf ein Zitat des Künstlers Balint Zsako: „when you know what it’s going to be, what’s the point of making it ?“

In ungewöhnlich informellem Ton gibt die Webseite Auskunft über das Zusatzangebot[1] des MONA Gesamtkonzepts sowie über die temporären Ausstellungen. Über die eigentliche Sammlungspräsentation erfährt man lediglich den Titel, in dem eine ironische Selbstreferenzialität des Museums abzulesen ist : „MONANISM. An Evolving Exhibition. 21.1.2011 – . Highlights of the collection. And lowlights. Evolving.“

„The O“ ersetzt Wandlabels und -texte und soll den Ausstellungsbesuch im Nachhinein digital wiedererlebbar machen

Durch ein speziell entwickeltes GPS-System für Innenräume erkennt der an die Besucher_innen ausgehändigte Geräteguide (vom Museum entwickelte iOS App für Ipod Touch) immer die genaue Position der Person im Raum und somit, vor welchem Kunstwerk man sich gerade befindet. Dem_der Museumsbesucher_in soll somit ein Raum präsentiert werden, in dem er_sie sich frei von Hierarchien und vorgegebener Infrastruktur ganz dem Kunstwerk an sich widmen kann. Das physische und sinnliche Erlebnis von Kunst soll also im Vordergrund stehen. Frei soll man sich entscheiden, ob man mehr zu einem Kunstwerk in Form einer assoziativen Info („Gonzo“) oder eines katalogähnlichen Textes („Art Wank“) erfahren möchte, der über den Ipod abrufbar ist. Ist dies der Fall, kann man außerdem ein Kunstwerk mit einem ‚Hate‘ oder ‚Love‘ Button bewerten.[2] Der von dem_der Besucher_in gewählte Weg durch die Ausstellung wird aufgezeichnet[3] und kann so durch Eingabe einer Email-Adresse noch nach dem Besuch über die Homepage abgerufen werden.

Welche Rolle spielen dabei digitale fotografische Reproduktionen von Kunstwerken?

Die wenigen Ausstellungsansichten, die auf der Webseite partiell erscheinen, zeigen scharf ausgeleuchtete Kunstwerke vor schwarzen Wänden und bestätigen das rätselhafte Erscheinungsbild des Museums. Metadaten erhält man kaum. Im Passwort geschützten[4] „The O“- Bereich sind Abbildungen des einmal ‚erlebten‘ Kunstwerkes ausschließlich in geringer Qualität abrufbar, die weder für eine Detailansicht vergrößert noch heruntergeladen werden können. Metadaten sind auch hier eher spärlich vorhanden. Die teils zur Verfügung gestellten Audiodateien zu Werken, die in der Regel aus Interviews mit dem_r Künstler_in stammen, sind unkommentiert und ebenfalls ohne Metadaten eingepflegt. Die digitalen Reproduktionen von Kunstwerken, soweit bei „The O“ vorhanden, sowie ergänzende Beschreibungen und Audiomaterialien fungieren quasi ausschließlich als Gedankenstütze für den erlebten Ausstellungsbesuch. Original und Reproduktion sind klar hierarchisiert. Dieser Aura-bewahrende und Kunst als Unmittelbar-Erlebnis vermittelnde Ansatz verwehrt sich Kunstinteressierten, die nicht die Möglichkeit haben, nach Tasmanien zu reisen.

Wo ein Städel Museum in Frankfurt etwa darum bemüht ist, seine Sammlung inklusive Depotbestand in höchster Qualität im Internet für verschiedene Zielgruppen zugänglich zu machen, hält ein Privatmuseum auf der anderen Erdhalbkugel seine Sammlung bestimmt vor der Verbreitung zurück, um eine gesteigerte rituell und auratisch aufgeladene Inszenierung von Kunst und einem  niedrigschwelligen Kunsterlebnis vor dem Original zu erzielen. Wo sonst Museen Wissenschaftlichkeit anstreben, scheint es bei MONA tatsächlich um einen ausschließlich intuitiven und erlebnishaften Zugang zu Kunst zu gehen. So lassen es sich Kritiker nicht nehmen, MONA auch als „Disneyland“ zu bezeichnen.

[1] Neben Weinverkostungen, Luxusübernachtungsmöglichkeiten und Konzerten bietet das Museum auch eine Mitgliedschaft, die über den Tod hinausgeht. Für 75.000 australische Dollar kann man sich etwa in einer „fancy Jar“ im Museum bestatten lassen.[2] Nach Aussage Walsh‘ ersetzt er ein Kunstwerk durch ein anderes, sobald es zu oft mit „Love“ bewertet wurde.
[3]Alle gesammelten Besucherdaten, wie etwa die Info darüber, wie lange ein Gast vor einem bestimmten Kunstwerk verweilt, werden vom Museum zu Marktforschungszwecken ausgewertet.
[4] Hier konnte auf eine getrackte „The O“ – Museumstour  einer Bekannten zurückgegriffen werden, die als Grundlage für die Ausführungen diente.

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