Alkohol – zwischen Kulturgut und Droge

Mit dem neuen Jahr sind für einige bestimmt auch neue (oder alte) Vorsätze gekommen. Vielleicht galten die Vorhaben nicht gleich für immer, sondern auch nur für einen Monat, wie eine Art Fastenzeit, wie z.B. der mittlerweile recht populäre veganuary (hier hat Sandra schonmal über ihren veganen Januar berichtet) oder aber auch der dry january. Dabei wird sich vorgenommen, während des ersten Monats im Jahr trocken zu bleiben, also keinen Alkohol zu konsumieren. Dieses Jahr habe ich das erste Mal vom dry january gehört. Ohne, dass ich gezielt danach gefragt hätte – ich habe einfach in mehreren Situationen beiläufig gehört, wie sich Menschen dafür erklärten, warum sie gerade keinen Alkohol trinken. Schon das zeigt, wie allgegenwärtig Alkohol in unserer Gesellschaft ist und welch eine essenzielle Rolle das Trinken bei zwischenmenschlichen Interaktionen zu spielen scheint.

So tief scheint Alkohol in westlichen Gesellschaften verwurzelt zu sein, dass er bei nahezu keinem Gruppentreffen fehlen darf und diejenigen, die nicht trinken wollen, für diese ungewöhnliche Entscheidung eine Erklärung abgeben müssen. Dabei ist Alkohol eine Droge, ein Zellgift. Andere, teilweise weitaus weniger schädliche und abhängig-machende Drogen sind per Gesetz verboten. Für alkoholische Getränke hingegen gibt es ganze Werbekampagnen, ob auf großen Plakaten an Bahnhofssteigen oder als Werbespots im Fernsehen. Alkohol ist in unserem Alltag so normal wie Abendbrot. Obwohl wir größtenteils von den vielen negativen Eigenschaften wissen, ist er doch nicht wegzudenken. Man könne ja in Maßen trinken, heißt es oft. Doch, auch wenn unterschiedlich starke Rauschzustände unterschiedliche Effekte auf den Körper haben, ist jeder Konsum des Nervengifts schädlich und auch die Regelmäßigkeit, mit der getrunken wird, ist sehr gefährlich. Woher aber kommt diese ungesunde Beziehung zu Alkohol?

Menschen könnten schon sehr früh angefangen haben, wie andere Tiere es auch tun, überreife Früchte zu essen, um von dem durch die Gärung entstandenen Alkohol Rauschzustände zu erfahren. Anders als bei der profanen Nutzung von natürlich verfügbaren Pflanzenarten der Opioiden und Halluzinogenen, die Menschen wahrscheinlich schon länger bekannt war, erforderte die Herstellung alkoholischer Getränke gewisse technologische Kenntnisse und Errungenschaften. Mit Beginn der neolithischen Lebensweise in der Levante vor etwa 12.000 Jahren waren diese gegeben. Als neolithische Revolution wird die Entwicklung nach dem Ende der letzten Eiszeit bezeichnet, in der Menschen begannen, Pflanzen und Tiere zu domestizieren, Feldbau zu betreiben, in Siedlungen sesshaft zu werden und Keramik zu produzieren, was zahlreiche Folgen hatte und die menschliche Lebensweise drastisch veränderte, sodass sie am Ende zu unserer heutigen Lebenssituation führte. In Keramikgefäßen hätten aus Wildgetreiden fermentierte, also alkoholische Getränke hergestellt werden können.

Es gibt sogar Theorien, nach denen Menschen nur deshalb angefangen hätten, Getreide zu domestizieren und anzubauen und neben ihren Feldern sesshaft zu werden. Oder dass das Trinken dieser frühen Biere im Rahmen ritueller Feste zumindest eine wesentliche Rolle bei der Entstehung neolithischer Kulturen gespielt hätte. Hat uns das Brotbacken oder das Bierbrauen zu der Welt geführt, die wir heute kennen? Zwar hat Brot mehr Nährwert, doch alkoholische Getränke helfen in der Not ebenfalls gegen Hunger. Rückstände von fermentiertem Wildgetreide in steinernen Mörsern bei einer 13.000 Jahre alten Bestattung in der Raqefet-Höhle, Israel, regen zum Weiterführen dieser Überlegungen an. Allerdings können die pflanzlichen Reste über einen so langen Zeitraum hinweg auch auf natürliche Weise gären und müssten ursprünglich gar nicht fermentiert gewesen sein. Weitere Nachweise für frühe Bierproduktion und einen Zusammenhang mit rituellem Konsum bei wichtigen sozialen Ereignissen liefern neue Untersuchungen von Funden aus Tel Tsaf, Israel, einem rund 7000 Jahre alten Siedlungsfund im Jordangraben. Die Hinweise darauf, dass in den ersten landwirtschaftlichen Gesellschaften auch Bier früh eine Rolle gespielt hat, verdichten sich also.

Wahrscheinlich gab es andere fermentierte Getränke auf Basis von Honig oder Früchten schon vor dem komplexen Brauvorgang mit Malz. Untersuchungen von Rückständen auf ca. 9000 Jahre alten Keramikscherben aus Jiahu, China, und ca. 7000 Jahre alten Keramikgefäßen aus Hajji Firuz Tepe, Iran, weisen darauf hin, dass sich in diesen Gefäßen Wein befunden hat. In Armenien zeigt die Höhle Areni 1, dass im vierten Jahrtausend vor Christus große und spezialisierte Produktionsstätten für den fermentierten Traubensaft existierten. Die ersten nachweisbaren alkoholischen Getränke Europas stammen von der iberischen Halbinsel. In der Höhle Can Sadurní bei Barcelona konnten Rückstände von Gerstenbier und Malz entdeckt werden, die in das späte fünfte Jahrtausend vor Christus, also das frühe Neolithikum zurückreichen. Für Geschmack und Fermentation wurde wahrscheinlich zusätzlich mit Honig und süßen Früchten gearbeitet. Von da an finden sich Hinweise darauf, dass alkoholische Getränke Teil von rituellen Festlichkeiten bei Bestattungen waren, im Zuge derer auch soziale, politische und wirtschaftliche Rollen gefestigt, bzw. zur Schau getragen werden konnten.

Eine solche ideologische Bedeutung des Alkohols spielt auch bei Überlegungen zu dem Glockenbecherphänomen eine große Rolle. Am Übergang zwischen Neolithikum und Bronzezeit finden sich in großen Teilen des westlichen und zentralen Europas in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. gleiche materielle Inventare, darunter auch die namensgebende Keramikform. Reste auf Keramiken aus Iberien und England unterstützen die Annahme, dass die weiträumige Verbreitung ideologisch-kultureller Phänomene in Verbindung mit dem Konsum alkoholischer Getränke steht. Die Glockenbecher waren scheinbar Trinkgefäße, gefüllt mit Met, also fermentierten Honigwein, und sie waren mindestens so bedeutend wie Waffen und Schmuck und standen in direktem Zusammenhang mit den Bestattungen.

Glockenbecher im archäologischen Museum in Madrid (Miguel Hermoso Cuesta, CC BY-SA 4.0).
Replikat eines Glockenbechers aus Ciempozuelos (José-Manuel Benito Álvarez, CC BY-SA 2.5).

In der Eisenzeit, also ab dem ersten Jahrtausend v. Chr., ist Alkohol ebenfalls die am weitesten verbreitete Droge der Geschichte. Mediterrane Weine werden nach Mitteleuropa importiert, Trinkgelage als festliche Aktivitäten der Oberschichten sind uns von den Kelten wie von den Römern und Griechen zahlreich überliefert. Das ergibt ein Bild, in dem Alkoholkonsum gesellschaftlich reglementiert wird. Es wurde durchaus sehr viel getrunken, aber wohl nur in speziellen Situationen, wie bei Festen oder Bestattungen, und der Konsum war wahrscheinlich vor allem den sozialen Eliten zugänglich. Alkohol diente der Oberschicht als Mittel der Identitäts- und Gruppenbildung – und dieser Zweck, ohne dass er der Oberschicht vorbehalten wäre, dürfte uns auch heute noch sehr bekannt vorkommen.

Im Mittelalter veränderte sich das Konsumverhalten der europäischen Bevölkerung stark. Alkohol war ein wichtiges Nahrungsmittel und wurde von jeder Person, egal welchen Alters, täglich literweise konsumiert. Heute sind die vielen schädlichen Effekte von Alkohol, besonders im jungen Alter oder während der Schwangerschaft, bekannt – was einen über die langfristigen Folgen des Konsums im Mittelalter nachdenken lässt und wie sich das vielleicht bis heute in unseren Genen niedergeschlagen hat. Erst mit dem transatlantischen Sklavenhandel und der Produktion „neuer“ Genussmittel wie Kaffee und Zuckerrohr in Amerika ging der Alkoholkonsum im Europa des 17. Jahrhunderts etwas zurück und das Bürgertum strebte im Zuge der Aufklärung vermehrt Nüchternheit an. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurden erstmals die schädlichen und abhängig-machenden Effekte des Alkoholkonsums beschrieben. Es entwickelte sich ein Verständnis von körperlichen und psychischen Krankheitszuständen und der Sucht.

Heute werden Drogen, entgegen der Reglementierung der Vorgeschichte, sanktioniert. Diese sehr junge Entwicklung, dass teils schwere Strafen betreffend Drogen und deren Konsum verhängt werden, steht der tiefen kulturellen Verankerung von Drogen wie Alkohol gegenüber. Und während die einen streng verboten werden, wird Alkohol häufig nicht einmal als Droge bezeichnet und als Mittel zur Gruppenbildung wahrgenommen, das kommerziell vertrieben wird. Hinzu kommt, dass viele Menschen in Europa eine teilweise genetisch verankerte Toleranz gegenüber akuten Folgen von Alkoholkonsum haben. Gleichzeitig ist das Trinken in unserer Gesellschaft aber weit verbreitet, und Trinkfestigkeit wird häufig, gerade beim Feiern, als eine positive Eigenschaft gesehen. Das kann dazu führen, dass langfristig mehr Alkohol konsumiert wird, die Krankheitsanzeichen länger unsichtbar bleiben und das Abhängigkeitsrisiko steigt. In einer Gesellschaft, die Alkoholkonsum normalisiert, fallen individuelle Alkoholprobleme nicht so schnell auf. Während die, die neben ihrer Abhängigkeit leistungsfähig bleiben, nicht auffallen, werden schwer Suchtkranke stigmatisiert.

Gerade in Deutschland und Dänemark wird bei sozialen Zusammenkünften häufig Alkohol getrunken (Deutschland hat jedoch einen deutlich höheren pro-Kopf-Konsum, während Dänemarks Jugendliche europaweit am meisten Alkohol trinken). Volksfeste, Feiern… als Student habe ich in beiden Ländern viel davon mitbekommen. Und das Kennenlernen anderer Studierenden ist hier wie da meist mit exzessiven Alkoholkonsum verbunden. Partys mit Trinkspielen sind schließlich auch eines der Bilder, an die man denkt, wenn man sich das studentische Leben vorstellt. Das ist ja nur eine Lebensphase und man hat alles unter Kontrolle, denkt man sich. Aber wenn man einmal einen Selbsttest einer Aufklärungswebseite macht, heißt es schnell, der eigene Alkoholkonsum sei schädlich. Erinnerungslücken, mehrmaliges Trinken in der Woche, mehr Getränke als ein Bier an einem Abend… all das sind eben schon Situationen des Missbrauchs von Alkohol und die Effekte des Nervengifts. Und die Folgen sind Schäden an verschiedenen Stellen im Körper.

Zum Glück kann sich unser Körper auch wieder regenerieren. Dafür braucht er aber, je nachdem, wie viel und regelmäßig vorher konsumiert wurde, Zeit ohne Alkohol. Und dann können Wochen oder Monate des Verzichts, wie ein dry january schon sehr positive Effekte verzeichnen, auch, wenn er nach einem alkoholreichen Abend wie Silvester begonnen wird. Unsere Leber muss den Alkohol abbauen, damit wir wieder nüchtern werden; dies dauert nur wenige Stunden. Erst danach normalisieren sich Schlafverhalten (wir können wieder besser durchschlafen) und bei Männern Testosteronbildung. Es dauert einige Tage, bis sich der Blutdruck normalisiert, und damit sich die Organe erholen, benötigt es noch mehr Zeit. Die Leber ist erst nach drei bis sechs Wochen wieder entfettet und ermöglicht einen normalen Fettstoffwechsel. Nach ca. einem Monat regenerieren sich Magen und Darm, und nach einigen Wochen verbessert sich auch das Hautbild, das unter dem Wasserentzug durch den Alkohol zu leiden hatte. Durch längeren Verzicht normalisiert sich auch der Hormonhaushalt und bewirkt, dass man sich energiegeladener fühlt, wenn man zuvor durch regelmäßiges Trinken im nüchternen Zustand niedergeschlagen war. Für all diese positiven Effekte muss man aber mindestens einen Monat lang auf Alkohol verzichten, und das, bevor irreparable Schäden an Leber und Co. eintreten. Außerdem sollte nach dem Verzicht nicht einfach wieder unbehelligt angefangen werden zu trinken.

Alkohol ist ein Rauschgift mit einer langen Geschichte und einer ebenso langen Liste an schädlichen Nebenwirkungen. Die Droge scheint schon in längst vergangenen Epochen eine große Rolle gespielt zu haben, bis sie ihren heutigen Platz eingenommen hat. Aus gesellschaftlichen Zusammenkünften ist sie kaum wegzudenken, ihr Konsum untersteht fast schon einem sozialen Zwang. Und doch wissen wir heute Bescheid über den Schaden, den wir uns mit dem Rauschmittel zufügen, und der nicht nur unseren Körper betrifft, sondern Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben und zukünftige Generationen haben kann. Rechtfertigt die lange Kulturgeschichte die drogenpolitische Sonderstellung und allgegenwärtige, unhinterfragte Präsenz von Alkohol vor allem in westlichen Gesellschaften? Oder sollten wir auch außerhalb eines dry januarys anfangen, unseren Umgang mit Alkohol zu hinterfragen?

Quellen:

D. Rosenberg et al., From Hangovers to Hierarchies: Beer production and use during the Chalcolithic period of the southern Levant–New evidence from Tel Tsaf and Peqi ‘in Cave. Journal of Anthropological Archaeology 64 (2021).

L. Liu et al., Response to comments on archaeological reconstruction of 13,000-y old Natufian beer making at Raqefet Cave, Israel. Journal of Archaeological Science: Reports 28 (2019).

E. Guerra-Doce, The Origins of Inebriation: Archaeological Evidence of the Consumption of Fermented Beverages and Drugs in Prehistoric Eurasia. J Archaeol Method Theory (2015) 22, 2014, 751–782.

A. Reymann, Drogen in vormodernen Gesellschaften. In: R. Feustel/H. Schmidt-Semisch/U. Bröckling (Hrsg.): Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive (Wiesbaden 2019) 15-25.

A. Heinz/L. S. Daedelow, Alkohol als Kulturgut – eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 2021, 1-6.

https://www.dhs.de/suechte/alkohol/zahlen-daten-fakten

https://www.wmn.de/lifestyle/travel/daenemarks-versteckter-alkoholismus-id32260

https://www.quarks.de/gesundheit/drogen/alkohol-das-macht-er-in-deinem-koerper/

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/vorsaetze-fuer-das-neue-jahr-weniger-alkohol-ein-dry-january

Ein Kommentar bei „Alkohol – zwischen Kulturgut und Droge“

  1. „Es ist ein Brauch von Alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Doch wer zufrieden und vergnügt, sieht zu, daß er auch welchen kriegt.“ Wilhelm Busch

Schreibe einen Kommentar