Gabriel, Leon – Arbeit an der Differenz? Theater in der Globalisierung

Andere Produktionsweisen / Digitale Theaterforschung

Veranstaltung vom 02. Juni 2015

Aus unserem Programm:

Was ist an künstlerischer Arbeit anders als an sonstiger Arbeit? Die Frage mag einerseits seltsam erscheinen, gilt doch Kunst landläufig als den Zwängen sonstiger Lebensbereiche enthoben. Andererseits: Theater im Speziellen ist ein ästhetischer wie auch sozialer Vorgang zugleich. Vor allem aber hat sich die Arbeitswelt der westlichen Industrienationen im Zeichen der sogenannten ‚Globalisierung‘ massiv gewandelt. Heute stehen immaterielle Produktionsweisen hoch im Kurs, welche denen des Theaters durchaus ähneln: Kreativität, Selbstunternehmertum, das An-die-Grenze-Gehen und der Umgang mit Zufällen werden zu Schlüsselkompetenzen, nicht selten aber mittels enormer Prekarisierungen. Dabei werden außerdem regionale, kulturelle oder politische Unterschiede zugunsten immer neuer Nischenmärkte und größtmöglicher Produktvielfalt abgeschöpft.

Demgegenüber dient dem Vortrag Heiner Müllers Aussage, Aufgabe des Theaters sei die „Arbeit an der Differenz“, als Ausgangspunkt, um anhand von aktuellen Debatten und Beispielen zu überlegen, worin diese Aufgabe heute bestehen könnte und wie diese ominöse Differenz von der oben beschriebenen bloßen Propagierung von Differenzen zu trennen ist.

Leon Gabriel, Jahrgang 1984, ist seit 2011 Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe Universität Frankfurt. Er promoviert zur künstlerischen Politik des Raumes in der Globalisierung. Weitere Forschungsgebiete: das Verhältnis von Macht und Performance; Konfigurationen der Arbeit im Theater; Postkolonialismus; Psychoanalyse.

Zudem ist er seit 2009 Teil des Kollektivs Arty Chock mit dem er u.a. die ortsspezifische Reihe „Money Talks“ (2013-15) entwickelte. Seit 2014 co-organisiert er die Vortragsreihe „blind date: kunst – macht – widerstand“ an der Schnittstelle von Theorie und Praxis.

Goebbels, Heiner – Musikalische Produktionsweisen im Theater (Gespräch)

Andere Produktionsweisen / Digitale Theaterforschung

Veranstaltung vom 26. Mai 2015

Aus unserem Programm:

Wie wenige andere Künstler hat der Komponist, Regisseur, Theaterwissenschaftler und Intendant der Ruhrtriennale 2012-2014 in seinen experimentellen Kompositionen, Installationen, Musiktheater-Werken in seinen Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte auch die Produktionsweisen verändert.

Seine Stücke wurden zwar regelmäßig auf den großen Bühnen renommierter Theater gezeigt, sind jedoch abseits dieser Häuser und unter anderen Bedingungen entstanden: in engem Zusammenspiel der beteiligten Akteure – so wie es vielleicht am ehesten musikalischen Produktionsweisen vergleichbar ist. Die bekannten Rollen von Dirigent, Regisseur, Orchestermusikern, Sängern und Technikern sind hier aufgelöst bzw anders definiert und verteilt als in den Produktionen großer Häuser.

Im Gespräch mit Nikolaus Müller-Schöll und den Besuchern der Ringvorlesung wird Heiner Goebbels dazu befragt werden, wie der Produktionsprozeß die künstlerischen Arbeiten prägt und (vor-)bestimmt, welche Spuren die Umstände der Produktion an den Produkten hinterlassen und wie in und mit den – zumal für Musiktheaterproduktionen – großen Apparaten künstlerische Arbeit möglich ist, insbesondere wenn es nicht um die Inszenierung des Repertoires geht, sondern um ein „Theater, das wir noch nicht kennen“ (Goebbels). Seine Erfahrungen auch mit dem Sprechtheater und in der freien Szene werden dabei ebenso zur Sprache kommen wie Erfahrungen, die Goebbels mit den Produktionsbedingungen in anderen Ländern gemacht hat. Zur Vorbereitung werden Arbeiten von Heiner Goebbels auf DVD bzw. CD zur Verfügung gestellt, die im Sekretariat der Theaterwissenschaft der Goethe-Universität kurzzeitig entliehen werden können.

Heiner Goebbels, geb. 1952, lebt seit 1972 in Frankfurt am Main.
Szenische Konzerte, Hörstücke und Kompositionen for Ensemble und großes Orchester (Surrogate Cities u.a.); Zusammenarbeit mit den wichtigsten Ensembles und Orchestern (Ensemble Modern, London Sinfonietta, Berliner Philharmoniker, Ensemble musikFabrik u.v.a.) . Seit Beginn der 90er Jahre Komponist und Regisseur weltweit gefeierter Musiktheaterstücke, z.B. Schwarz auf Weiß (1996), Max Black (1998), Eislermaterial (1998), Hashirigaki (2000), Landschaft mit entfernten Verwandten (2002), Eraritjaritjaka (2004), Stifters Dinge (2007), Songs of Wars I have seen (2007), I went to the house but did not enter (2008), When the mountain changed its clothing (2012) u.v.a.

Zahlreiche CD Veröffentlichungen, Aufsätze, Vorträge, Anthologie „Ästhetik der Abwesenheit“ (2012). Ausgezeichnet mit zahlreichen internationalen Schallplatten-, Hörspiel-, Theater- und Musikpreisen, Mitglied meherer Akademien der Künste sowie Honorable Fellow am Dartington College of Arts und an der Central School of Speech and Drama in London; Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin (2007/08), Artist in Residence an der Cornell University, Ithaca; 2012 Ehrendoktor der Birmingham Citiy University und ausgezeichnet mit dem International Ibsen Award – einem der renommiertesten Theaterpreise der Welt.
Heiner Goebbels ist Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit 2006 Präsident der Hessischen Theaterakademie. Künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale 2012-2014.

Weitere Informationen siehe www.heinergoebbels.com

Moreira, Leonardo – Producing „fiction“

Andere Produktionsweisen

Veranstaltung vom 19. Mai 2015

Aus unserem Programm:

Der Autor und Regisseur Leonardo Moreira gehört zu den vielversprechendsten und talentiertesten Künstlern Brasiliens. In São Paulo gründete er die Companhia Hiato, mit der er viele preisgekrönte Bühennarbeiten geschaffen hat und auf internationalen Festivals vertreten ist. Bei Theater der Welt in Mannheim zeigte er seine fünfstündige Arbeit Fiktion, in der Schauspieler in Monologen sehr ehrlich aus ihrem Leben erzählen, vom Erwachsenenwerden, von Verletzlichkeit, Emanzipation und Künstler-Comingout im brasilianischen Melting Pot der familiären Traditionen und kulturellen Herkünfte.

Moreira wird über die Arbeit an seinen neuesten Produktionen „Ficção“ (Fiktion) und „O Jardim“ (Der Garten) sprechen, die vom 20.-23. Mai im Künstlerhaus Mousonturm und im FrankfurtLab zu sehen sind.

Fiacção (Fiktion) ist ein Theatermarathon, in dem die einzelnen Schauspielerinnen der Companhia Hiato in jeweils einstündigen Monologen aus ihren bisherigen Leben erzählen. Auf höchst erstaunliche, berührende und virtuose Weise durchdringen und überlagern sich dabei die einzelnen Performances und ihre Erzählweise. Monolog für Monolog verdichten sich die offenen Selbstbetrachtungen mit all ihren inneren Widersprüchlichkeiten zu einem komplexen, ergreifenden und in vielen Momenten atemberaubenden Bild vom Leben in der hyperpostmigrantischen Megametropole São Paulo.

O Jardim (Der Garten) ist eine Zeitreise, ein meisterhaftes Zauberstück des Perspektivismus, in dem familiäre Erinnerungen und private Sehnsüchte auf gesellschaftliche Fehlannahmen und versteckte historische Zusammenhänge stoßen. Es sind Familiengeschichten, Bruchstücke und Erinnerungsfetzen quer durch die Zeiten, sozialen Schichten und kulturellen Hintergründe, nichtlinear erzählt in den Momenten des Umbruchs und des Übergangs, der Abschiede und Aufbrüche, des Verlassen-, Verdrängt- und Vertriebenwerdens.

Saneh, Lina – Imposed Realities

English / Hölderlin-Gastvorträge

Veranstaltung vom 07. Juli 2015


Aus unserem Programm:

In einem Land wie dem Libanon und einer Region wie dem Nahen Osten, wo ständig Umwälzungen und blutige Konflikten drohen, mit unsicheren Grenzen und einer von Migration geprägten Demographie, wo das Denken sich in radikalen Oppositionen bewegt, schwarz/weiß, gut/böse, ohne die Möglichkeit eines dritten Weges, wo sich niemand in die Zukunft versetzen oder sie planen kann, da jeden Moment Krieg ausbrechen und alles von Grund auf durcheinander kommen kann, wo nicht die Kultur Vorrang hat, sondern die Sicherung des Alltags angesichts einer Infrastruktur, in der es an allem Mangel gibt (an Wasser, Elektrizität, Sicherheit etc.), wo der Staat zum Verzweifeln abwesend ist, von genau jenen verlassen, die zu seiner Konsolidierung aufrufen, obwohl sie ihre Treue zuvorderst den Parteien geben, die ihn lähmen, kurz: in einer solchen Situation – welche künstlerischen Praktiken drängen sich da auf? Welche anderen kann man vorschlagen? Vor welchen Herausforderungen steht der Künstler? Wie könnte er sich ihnen entgegenstellen? Welche Produktionsbedingungen drängen sich auf? Welche Alternativen lassen sich erfinden?

Lina Saneh ist Performerin, Schriftstellerin, Regisseurin und Dozentin. Bis 2013 arbeitete sie als Dozentin an der Haute École d’Art et de Design in Genf, zuvor u.a. am Institute for Scenic and Audio-Visual Studies, Saint-Joseph University, Beirut, Libanon.

Ihre Performances, darunter 33 RPM and a Few Seconds (2012), Photo-Romance (2009), I had a Dream, Mom (Video, 2006), Appendix (2007) und Biokhraphia (2002) wurden bei wichtigen internationalen Festivals wie dem kunstenfestivaldesarts in Brüssel,  dem Festival d’Avignon und dem Festival d’Automne in Paris gezeigt und entstanden teilweise in Zusammenarbeit mit Rabih Mroué.

Markus Wessendorf
ist seit dem Jahr 2001 Professor für Theaterwissenschaft an der University of Hawai’i at M’noa in Honolulu. Zuvor lehrte er in Gießen und New York und arbeitete als Übersetzer, Dramaturg und Regisseur.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen:
Interkulturelles Theater,
Theorien des Performativen,
Theater und Performance seit 9/11 und
Dramaturgien der Überwachung.

Zahlreiche Publikationen, u.a.
Die Bühne als Szene des Denkens: Richard Foremans Ontological-Hysteric Theatre (1998),
Grenzgänge: Das Theater und die anderen Künste (Mit-Hg. 1998),
Das Brecht-Jahrbuch 36: Brecht in/und Asien (Mit-Hg. 2011).

Die Vortragsreihe ist eine Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie, dem Erasmus Mundus Program in Performing Arts und dem Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität. Die Gastprofessur wird gefördert vom DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie vom International Office und dem Förderfonds Lehre der Goethe-Universität.

Wessendorf, Markus – Zombies im Theater – Eine dramaturgische Herausforderung

Hölderlin Antrittsvorlesungen / Hölderlin-Gastprofessur

Veranstaltung vom 23. Juni 2015


Aus unserem Programm:

Die mit dem haitischen Voodoo-Glauben verbundene Figur des Zombies als eines in die Welt der Lebenden zurückgekehrten (Un-)Toten wurde in den 1930ern von Hollywood aufgegriffen und gilt seither, auch jenseits des Horrorfilms, als fester Bestandteil der Populärkultur. Nach einer ersten großen Erfolgswelle in den 1970er Jahren feiert der Zombie in den Vereinigten Staaten vor allem seit der globalen Wirtschaftskrise von 2007 eine erneute und noch andauernde Wiederauferstehung: als Hollywood Blockbuster (World War Z), „mainstream“-Fernsehn (The Walking Dead), „mash up“-Literatur (Pride and Prejudice and Zombies) und partizipatorische Performance („zombie walk“). Im öffentlichen amerikanischen Diskurs hat sich „Zombie“ zudem als ein auf gesellschaftliche und institutionelle Fehlstörungen verweisendes Bestimmungswort etabliert („zombie capitalism“, „zombie banks“, „zombie candidates“ usw.). Der Vortrag beschreibt die dramaturgischen Überlegungen, die kreativen Strategien und den Produktionsprozess, die im Herbst 2012 als Reaktion auf die jüngste Zombie-Welle zu der Tschechow-Adaption und „mash up“-Inszenierung Uncle Vanya and Zombies am Kennedy Theatre in Honolulu geführt haben.

Markus Wessendorf
ist seit dem Jahr 2001 Professor für Theaterwissenschaft an der University of Hawai’i at M’noa in Honolulu. Zuvor lehrte er in Gießen und New York und arbeitete als Übersetzer, Dramaturg und Regisseur.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen:
Interkulturelles Theater,
Theorien des Performativen,
Theater und Performance seit 9/11 und
Dramaturgien der Überwachung.

Zahlreiche Publikationen, u.a.
Die Bühne als Szene des Denkens: Richard Foremans Ontological-Hysteric Theatre (1998),
Grenzgänge: Das Theater und die anderen Künste (Mit-Hg. 1998),
Das Brecht-Jahrbuch 36: Brecht in/und Asien (Mit-Hg. 2011).

Die Vortragsreihe ist eine Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie, dem Erasmus Mundus Program in Performing Arts und dem Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität. Die Gastprofessur wird gefördert vom DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie vom International Office und dem Förderfonds Lehre der Goethe-Universität.

Savran, David – Cutting a Path through the German High Culture Jungle

English / Hölderlin-Gastvorträge

Veranstaltung vom 09. Juni 2015


Aus unserem Programm:

In der deutschen Theaterkultur macht man einen deutlichen Unterschied zwischen Hochkultur und Unterhaltung, so dass man Musicals, wie es der Spiegel formulierte, „nicht ernst nehmen darf, wenn man selbst ein Mensch mit einem ernst zu nehmenden Kulturgeschmack sein möchte“. Aber was ist ein Musical uberhaupt? Obwohl Musicals in Deutschland hauptsächlich
von kommerziellen Anbietern produziert werden, zeigen auch Stadt- und Landestheater eine Unmenge musikalischer Unterhaltungsstucke, wozu auch Operetten und Musicals aus dem Goldenen Zeitalter des Broadways zählen. Die Hypothese des Vortrags lautet, dass die vordergrundig straffe Hierarchie unter den Theaterproduktionen in Deutschland tatsächlich viel instabiler und dehnbarer ist, als die Kulturvermittler suggerieren. Um dies zu zeigen wird die Arbeit der beiden Regisseure Barrie Kosky und Herbert Fritsch untersucht, die ausschließlich in staatlich subventionierten Theatern arbeiten und sich auf ein radikal anderes Musiktheater spezialisiert haben. Sie gehören zu den wenigen Regisseuren, die allen Widerständen zum Trotz sowohl von der Kritik wie auch vom Publikum geschätzt werden. Beide haben Stucke, Opern, Operetten und Musicals inszeniert, die innovativ und ungemein vergnuglich sind und von Menschen mit einem „ernst zunehmenden Kulturgeschmack“ ernst genommen werden.

David Savran ist Professor an der City University of New York. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Gegenwartstheater und Musiktheater, Populärkultur und Gender Studies. Augenblicklich arbeitet er an einem Projekt zum Thema: „National Brands: The Circulation of Theatre in the Global Marketplace“.

Zu seinen zahlreichen Publikationen gehört
Breaking the Rules (1988), die erste Monographie über die Wooster Group,
daruber hinaus veröffentlichte er u.a.:
Taking it Like a Man. White Masculinity, Masochism, and Contemporary American Culture (1998),
A Queer Sort of Materialism: Recontextualizing American Theatre (2003),
Theater, Jazz, and the Making of the New Middle Class (2009).

 

Masuch, Bettina – Jour Fixe

Jour Fixe

In der Reihe „Jour fixe“ war Bettina Masuch zu Gast.

Veranstaltung vom 03. Juni 2015

Das Tanzhaus NRW ist auf 4.000 Quadratmetern Fläche zugleich Theater mit rund 200 wechselnden Bühnenveranstaltungen im Jahr auf zwei Bühnen ein Produktions- und Fortbildungsort für Tänzer und Choreografen, eine Weiterbildungsstätte mit durchschnittlich 350 Kursen und Workshops wöchentlich in acht Studios sowie ein Zentrum für Tanz mit und für Kinder und Jugendliche.

Bettina Masuch leitet das Tanzhaus NRW seit Januar 2014 und hat mit dem Neubeginn dessen Programmatik deutlich geändert. Die Theaterwissenschaftlerin, Festivalleiterin und Dramaturgin arbeitete zuvor unter anderem an der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz in Berlin, wo sie als Dramaturgin bei Produktionen von Frank Castorf, Christoph Schlingensief und René Pollesch mitwirkte. Von 2003-2008 war sie am Hebbel am Ufer (HAU) als Kuratorin für Tanz und Performance tätig. Im Anschluß daran leitete sie das Springdance Festival Utrecht und das Berliner Tanzfestival „Tanz im August“.

Beim Jour Fixe soll in gewohnt offener Runde bei Brezeln, Wein und Wasser mit Bettina Masuch über ihren Werdegang, über die Neuausrichtung des tanzhauses nrw, die Gegenwart und Zukunft des Tanzes und der Zentren freier Produktion gesprochen werden.

„Der sichtbare Mensch“ auf der Bühne

Allgemein

14.März 2014 im Mehrzweckraum des IG-Farben Hauses

Mit Carolin Heymann, Fanti Baum, Verena Katz, Benjamin Große, Simone Marleen Giorgi, Judith Pieper, Carmen Salinas, Desislava Tsoneva und Johannes Schmit.

Es wird langsam dunkel, wir setzen uns, der Vorhang erhebt sich. Der Mund ist voll Popcorn, das schön am Gaumen klebt. Die Cola ist zur Hälfte geleert und zur anderen Hälfte auf der Hose verschüttet: Schön, endlich mal wieder Theater!

In den Film-Aufnahmen, den Auf- und Abblenden, den Passagen und Zooms der Kamera, ist stets der aufnehmende Blick eingeschrieben. Im Prozess der Einstellung und Aufnahme zeigt sich die Entfaltung der Dinge als Interpretation von dem, was entfaltet wird: „Jede Einstellung der Kamera bedeutet eine innere Einstellung des Menschen“, schreibt der Filmtheoretiker Béla Balázs 1930 in seinem Buch Der Geist des Films. So wenig wie jedoch die klassische Guckkastenbühne des Theaters frei von Anordnungen, Zuordnungen, Verordnungen und Unterordnungen ist, ist es das, was Béla Balázs den „Geist des Films“ nennt. Ihm unterliegt stets eine Erhebung über das Sichtbare durch den Blick.

Ob im Theater, im Film oder anderswo ist es stets der begehrende, der offene oder gerichtete Blick, der den Umgang mit der Kamera oder den Aufbau der Szene vorstrukturiert. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen technischem Dispositiv und wahrnehmendem Blick. Der technische Apparat, den Balázs beschreibt, ist mittlerweile gleichsam in unsere eigene Wahrnehmungsapparatur heruntergerutscht und strukturiert unseren Blick und unser Begehren.

Wie kann man der Verschmelzung von Begehren, Blick und Technik im Bild auf der Bühne nachspüren und sie ausstellen? Was passiert mit dem Sichtbarmachen auf der Bühne, der Chiffre des Performers, wenn wir unsere vom Film affizierte Wahrnehmung, mit der wir auf die Welt und unsere Körper blicken, mitdenken? Was entsteht, wenn Balázs‘ filmtheoretischer Text der 1920er Jahre in seiner Historizität auf unsere Sichtbarkeit stößt?

Lichter aus, Lichter an, das Auge öffnet sich, die Kamera läuft… Bühne frei.

Benjamin Große

 

Matzke, Mieke – Das Theater auf die Probe stellen

Andere Produktionsweisen

Veranstaltung vom 28. April 2015

Aus unserem Programm:

Zahlreiche Arbeitsformen des Gegenwartstheaters zeichnen sich durch kollektive Probenformen aus, die der traditionellen Unterscheidung von Dramatiker, Regisseurin und Schauspieler arbeiten. In den Proben von Regiekollektiven wie Rimini Protokoll oder Performancegruppen wie Gob Squad ist mehr der dramatische Text sondern ein Konzept Ausgangspunkt, andere Formen der Textgenese und Raumkonzeption werden so
hervorgebracht. Anhand meiner Erfahrungen in der Probenarbeit zu der Inszenierung /Testament /der Gruppe She She Pop wie auch der Analyse historischer und gegenwärtiger Probenformen, zeigt der Vortrag, wie im Gegenwartstheater die Probe selbst zu einer Reflexion der theatralen Praxis wird.

Annemarie Matzke studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und promovierte am Institut für Medien- und Theaterwissenschaft der Universität Hildesheim. 2009 Habilitation an der Freien Universität Berlin mit einer Schrift zum Thema ?Arbeit am Theater. Eine Diskursgeschichte der Probe?. Seit Oktober 2009 hat sie eine
Professur für Experimentelle Formen des Gegenwartstheaters an der Stiftung Universität Hildesheim inne. Ihre Forschungsgebiete sind u.a. Geschichte und Theorie der Theaterprobe und Produktionsweisen des
Gegenwartstheaters.

Das Performancekollektiv She She Pop, dessen Mitglied Mieke Matzke seit 1994 ist, sieht sein ästhetisches und ideologisches Profil im kollektiven Arbeiten. Es gibt keine Regisseurin ? aber auch keinen Autor und keine Schauspieler. Texte und Konzepte werden gemeinsam entwickelt. Zugleich steht die künstlerische Verantwortung der
einzelnen Performerin im Zentrum. Insofern ist Autorschaft weniger eine individuelle Leistung, eher die Antwort auf eine Frage: Wer kann diesen Text, diese Handlung jetzt auf der Bühne verantworten. Vor diesem Hintergrund werden individuelle Entscheidungen sowie Glanz und Scheitern auf der Bühne nachvollziehbar und thematisch.

Lehmen, Thomas – A Piece for you

Andere Produktionsweisen

Veranstaltung vom 21. April 2015

Aus unserem Programm:

Seit April 2013 ist Thomas Lehmen mit seinem Motorrad auf einer Künstlerreise durch Europa und Asien unterwegs. Sein Reiseprojekt „A Piece for You“ besteht aus einer Serie von kurzen Tanzstücken, die er für Menschen entwickelt, die er unterwegs trifft. Jedes dieser Stücke wird in direkter Kollaboration mit den Beschenkten entwickelt. Diese Gegenseitigkeit, welche das Verständnis des eigenen Selbst in und durch den Anderen und umgekehrt impliziert, macht jedes Einzelne von ihnen einzigartig. Daher verbringt Lehmen jeweils eine Zeit mit den Beschenkten, um sie dialogisch in die Dramaturgie mit einzubeziehen. Die Form der so entstehenden Performances ist durch die Begegnung beeinflusst. Lehmen zielt mit dieser Produktionsweise darauf, Kreativität und Kunst direkt ins soziale Leben zu bringen und das Theater zu benutzen, um viele andere von außen zu beteiligen.

Thomas Lehmen, geboren 1963 in Oberhausen, ist freiberuflicher Choreograph, Tänzer und Lehrer. Er studierte an der School for New Dance Development in Amsterdam. Von 1990 bis 2010 lebte er in Berlin. Hier entwickelte er zahlreiche Soli, Gruppenstücke und Projekte: u.a. „distanzlos, „mono subjects, „Schreibstück“, „It’s better to…“, „Lehmen lernt“. Darauf folgten die in NRW entstandenen Arbeiten „Schrottplatz“ und „Bitte…“. Seine Arbeiten werden weltweit aufgeführt. Zu seinen wiederkehrenden Interessen gehören Kommunikation und das menschliche Wesen, das sich in seiner Umwelt reflektiert und diese mit kreativen Beziehungen gestaltet.

In einem Werkstattgespräch gibt Thomas Lehmen interessierten Studierenden der HTA und Gästen einen Einblick in seine aktuelle Arbeit und seine Arbeitsweise.