Archiv der Kategorie: Hölderlin-Gastvorträge

Im Rahmen der Vortragsreihe „Friedrich-Hölderlin-Gastvorträge in Allgemeiner und Vergleichender Theaterwissenschaft“ soll die Theaterwissenschaft in einem größeren Kontext jener philosophischen, politischen und sprachphilosophischen Fragen situiert werden, die immer mit im Spiel sind, wenn man über Theater nachdenkt, die aber häufig ausgeblendet werden. Neben den Fragen, die das Theater im engeren Sinne betreffen, geht es in den Beiträgen der eingeladenen Gäste auch um solche Fragen, die Theatertheorie und Theorie, auf die Theater sich bezieht, betreffen. Es geht also um Theater in allen vier Bedeutungen, die diesem Wort entsprechend des Leipziger Theatralitätsdiskurses zukommen: Um Theater, Anti-Theater, Theater im weiteren Sinne und Nicht-Theater. „Theater“ wird dabei im sehr erweiterten Sinne begriffen, den neuere Arbeiten auf dem Gebiet der Theaterwissenschaft nahelegen: Es soll ein Begriff von Theaterwissenschaft etabliert werden, der diese aus dem Kontext ihrer nationalphilologischen Begründung im Deutschland der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts ebenso herauslöst wie aus jener Begrenzung auf die „Aufführung“, welche ihr eigentlicher Begründer im deutschsprachigen Raum, Max Herrmann, um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorgeschlagen hatte. Denn Theater ist nicht nur das flüchtige Produkt eines Abends, sondern auch Prozess, Interaktion, Handlung und vor allem kritische Praxis.

Weber, Samuel – ‘Khora’ als Inszenierung des Raumes

Samuel Weber (Evanston, IL) “’Khora‘ als Inszenierung des Raumes“. In seiner Lektüre von Platons Timaios hebt Jacques Derrida die eigenartige Darstellung des “Raumes“ (Khora) hervor: Khora kann weder als eine intelligible Idee noch als eine empirische Sache begriffen werden, sondern scheint vielmehr die Bedingung dieser Opposition als ein Drittes zu sein, das zu keiner “Gattung“ gehört. Während der platonische Text mit “Khora“ eine gewisse Bewegtheit mitzudenken versucht, versteht Derrida diese, wie er schreibt: „mise en mouvement“ (in Bewegung setzen) auch als eine „mise en scéne” (Inszenierung). Damit stellt sich zumindest implizit die Frage, ob die konstitutive Funktion des khoratischen Raumes nicht auch für das Verständnis der theatralen Szene bedeutsam werden könnte. Der Workshop wird sich dieser Frage im Ausgang von einer Rekonstitution der sehr komplizierten Darlegung widmen, die Derrida in seinem “Khora“ betitelten Text unternimmt. 


Samuel Weber ist Professor of Humanities an der Northwestern University und Direktor des Paris Program in Critical Theory sowie Professor an der European Graduate School in Saas-Fee. Er hat an zahlreichen europäischen und amerikanischen Universitäten gelehrt und arbeitete auch als Übersetzer und Dramaturg. 

Theodoridou, Danae – Dramaturgie als Arbeit an Handlungen

Von 2013–2016 leitete Danae Theodoridou zusammen mit Konstantina Georgelou
und Efrosini Protopapa ein künstlerisches Forschungsprojekt mit dem Titel
«Dramaturgy at Work», das in Theatern, Universitäten und anderen Räumen in
ganz Europa umgesetzt wurde. Mittels einer Reihe von Workshops und
Diskussionen wurden in diesem Projekt die Schlüsselprinzipien von
Dramaturgie in gegenwärtiger Praxis und ihre politischen Implikationen im
Kontext des neoliberalen Kapitalismus untersucht. Die Resultate dieser
Forschung wurden in dem Buch «The Practice of Dramaturgy: Working on Actions
in Performance» (Valiz, 2017) publiziert. Ausgehend von dieser Publikation
wird sich der Vortrag mit dramaturgischer Praxis auf der Grundlage einer
etymologischen Neudefinition des Begriffs beschäftigen, welche von den drei
Autorinnen vorgeschlagen wird: Dramaturgie, die sich von den griechischen
Begriffen «Drama» (Handlung) und «Ergon» (Arbeit) ableitet, konstituiert
einen Prozess des «Arbeitens an Handlungen» und berührt deshalb politische
Prozeduren in ihrem Kern.

Danae Theodoridou lebt und arbeitet als Performance-Künstlerin und
Theaterwissenschaftlerin in Brüssel. Sie wurde an der Universität Roehampton
in London mit einer Arbeit über Dramaturgie im zeitgenössischen Theater und
Tanz promoviert, lehrt an zahlreichen Universitäten, Theater- und
Tanzhochschulen in Europa und kuratiert Forschungsprojekte, die eng mit
künstlerischer Praxis verbunden sind. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen
Arbeit steht der Begriff des sozialen Imaginären und die Frage, wie Kunst
zum Entstehen von sozialen und politischen Alternativen beitragen kann.

Schneider, Rebecca – Im Stillstand

Avital Ronell bereitet Heideggers Aufbereitung Hölderlins auf und alle stolpern immer wieder von Neuem über die Figur der ?braunen Frauen?, die ?gehn?, in Hölderlins Gedicht Andenken. Was heißt es, mitten im Schritt innezuhalten? Carrie Mae Weems macht in ihrer Serie Roaming Kunst als gehende braune Frau, steht dabei aber Bild für Bild stocksteif. Oder nicht? Der Vortrag greift die Frage von Schritt und Gang nicht nur im Nachleben der Dichtung auf, sondern auch in Theater, Tanz und Photographie, um Zur-Seite-Treten und Wandern (Roaming) in dürftiger Zeit zu untersuchen, außerhalb der gewohnten Wiederholung von Dramen des Innehaltens und der Wiedererkennung.

Rebecca Schneider ist Professorin am Department für Theatre Arts and Performance Studies der Brown-University, Providence. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Theatergeschichte und Theorien der Intermedialität. Zahlreiche Publikationen, u.a.: Theatre and History (2014), Performing Remains: Art and War in Times of Theatrical Reenactment (2011) und The Explicit Body in Performance(Routledge, 1997).

Der Vortrag findet in englischer Sprache statt.

Tinius, Jonas – Deep Hanging Out. Über anthropologische Feldforschung und zeitgenössische Kunst

Mit dem Ausdruck „Deep Hanging Out“ betitelte der amerikanische Anthropologe Clifford Geertz (1926-2006) einst einen Artikel in der New York Review of Books (1998). So augenzwinkernd und unwissenschaftlich die Bezeichnung des ‚tiefgründigen Herumhängens‘ klingen mag, so weitreichend war die damit verbundene Kritik an der damaligen Praxis der Kultur- und Sozialanthropologie. Dem etablierten Dispositiv des wissenschaftlichen Ethnografen, der gekonnt in fremde Kulturen eintaucht, dort lange lebt und diese objektiv beschreibt, setzt das ‚deep hanging out‘ die Subjektivität, Unplanbarkeit und Kontingenz anthropologischer Beschreibung entgegen. Feldforschung findet eben nicht mehr im Dschungel und im Zelt und mit der überheblichen Rhetorik des Wissenschaftlers statt, wie es Renato Rosaldo kritisierte, sondern in Bars und Straßenecken, Museen und Vernissagen, mit anderen Menschen und nicht nur über sie.

Clifford Geertz will mit dem Begriff des ‚deep hanging out‘ die notwendige Dezentrierung der Autorität des Anthropologen unterstreichen, dessen Einblicke immer partiell bleiben müssen. Geertz spricht gar von einer Fundamentalkritik der epistemischen Illusion und Arroganz anthropologischer Objektivität. Aber inwiefern erlaubt das neugierige ‚Herumhängen‘ und die Reflexion neuer anthropologische Forschungsansätze ein anderes Schreiben, Sprechen und Denken über zeitgenössische Kunst und Theater? Welche Einblicke ermöglichen diese originellen Formen der ergebnisoffenen, flexiblen und langfristigen Forschung? Lassen sich solche Methoden auch in theaterwissenschaftliche oder kuratorische Forschung einbinden und wenn ja, wozu kann dies führen?

Ausgehend von langjähriger anthropologischer Forschung mit Stadttheatern, freien darstellenden Theaterkollektiven und KuratorInnen zeitgenössischer Kunst in Deutschland stellt dieser Vortrag die Besonderheiten ethnografischer Methoden zur Diskussion. Dabei geht es auch um die Frage, inwiefern solche erweiterten Methoden neue künstlerische und theoretische Verflechtungen von künstlerischer Praxis, Theaterwissenschaft und Anthropologie provozieren können.

Jonas Tiniusist nach einem Studium in Münster sowie einer Promotion in Sozialanthropologie am King’s College, University of Cambridge (UK) seit Juni 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin im Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage (CARMAH).Zu seinen Veröffentlichungen zählen: Anthropology, Theatre, and Development: The Transformative Potential of Performance (Mit-Hg. 2015); Micro-utopias: anthropological perspectives on art, creativity, and relationality (Mit-Hg. 2016); „Prekarität und Ästhetisierung: Reflexionen zu postfordistischer Arbeit in der freien Theaterszene“,  in:  Ove Sutter und Valeska Flor (Hg.): Ästhetisierung der Arbeit. Kulturanalysen des kognitiven Kapitalismus(2017).

Bindernagel, Jeanne – Kraftwerk der Freiheit, Kraftwerk der Schönheit. Migrantische Körper in der Oper und Rapmusik der Gegenwart

Wer sich selbst verstehen, zeigen und wertschätzen will, der braucht ein Gegenüber zur Spiegelung. Ein Gegenüber, dessen Fremdheit sich liebevoll in den Blick nehmen lässt, dessen
Opposition aber bitte immer in Referenz auf einen so bestätigten kulturellen Referenzrahmen in Erscheinung treten und so in Zaum gehalten werden soll. Das Paradebeispiel der Gegenwart hierfür ist der (männliche) migrantische Körper: Durch die Konsumgüter der Popkultur und besonders der Musik – von Kanye West bis Haftbefehl – wird er für seine non-konforme Rohheit, für seine oppositionelle Kraft gegenüber einer westlichen Kultur der verstandesmäßigen Mäßigung und Selbstbeschränkung gefeiert. Überraschenderweise wiederholt sich in dieser gegenwärtigen Praxis eine Spielart der Opernästhetik des 19. Jahrhunderts, welche die eigene Kultur durch die Inszenierung ihres Lieblingssujets, des exotischen Fremden, überhöhen, reinigen und erneuern will. Dem Anderen als Fremden eine Bühne zu geben, dies zeigen die Beispiele beider Epochen, bedeutet in der Regel seine Romantisierung, ein gut gemeinter und darin nicht weniger gewaltsamer Akt.
Wie könnte eine Bühnenpraxis aussehen, die solche Entgegensetzungen in Prozessen der Verkörperung produktiv unterwandert und andere Körperpolitiken möglich macht? Mit einem Fokus auf die figuralen Körper (Deleuze) in der Musik, wird der Vortrag Modelle vorstellen, die sich der Inszenierung dieser so beliebten kulturellen Entgegensetzung intelligent widersetzen. Dabei lautet der aus wissenschaftlicher und dramaturgischer Praxis abgeleitete Vorschlag, die eigenen Prämissen in der Arbeit am Körper in den Blick zu nehmen samt deren blinder Flecken, Begehren und Inszenierungsweisen. Alexander Kluges Phantasma von der Oper des 19. Jahrhunderts als gesellschaftlichem Kraftwerk kann dabei Hilfestellung sein.
Jeanne Bindernagel
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene Museum und am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig.

Kruschkova, Krassimira – Wie zusammenkommen (in Tanz und Performance)? Choreographische Spannungen zwischen Theorie und Praxis

Anhand mehrerer Choreographien des 21. Jahrhunderts sollen Probleme des Zusammenkommens, d.h. der Zusammenkunft und der Übereinkunft, der Simultaneität und der Akkumulation in Tanz und Performance untersucht und mit Bezug auf die philosophische Problematik der Gemeinschaft diskutiert werden.
Kollaborationszusammenhänge werden dabei als temporäre Konstruktionen begriffen, die das Differente in künstlerischen  Arbeitsprozessen zusammenzuhalten und Anderes bzw. Andere willkommen zu heißen vermögen. Dabei ist in der paradoxen Interferenz von Parallelwelten die Uneinlösbarkeit von Gemeinschaftskonzepten ihr konstitutives Moment.
Zugleich soll die Theorieaffinität der zeitgenössischen choreographischen Praxis untersucht werden. Angewandte Theorie weicht – in präziser Unschärfe – auf, was harte akademische Lehre wäre. Die heute ästhetisch wie politisch relevante Herausforderung besteht darin, das Oppositionsdenken Praxis/Theorie sowie Zugehörigkeit/Unzugehörigkeit ins Differenzdenken zu überführen.
Krassimira Kruschkova
ist Theater-, Tanz- und Performancetheoretikerin. Sie lehrt an der Universität für angewandte Kunst und an der Akademie der bildenden Künste in Wien und leitete von 2003 bis 2017 das Theorie- und Medienzentrum am Tanzquartier Wien.

Roms, Heike – Ereignis und Evidenz: Eine Historio-Dramaturgie der Performance

Rekonstruktionen und Reenactments vergangener Werke, Installationen von medialen Artefakten und anderen Spuren, Oral History-Zeugnisse als Material für Tanzproduktionen und spielerisch umgesetzte Archivbildungen: Die Performance-Kunst ist derzeit stark von Strategien der künstlerischen Selbsthistorisierung geprägt. Diese wirken verstärkt auch auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte: Forscher bedienen sich zunehmend performativer Verfahren, die der künstlerischen und kuratorischen Praxis entlehnt sind, um sich der Geschichte vor allem der Performance-Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre zu nähern. Wie dargelegt werden soll, sind solche Verfahren nicht als historiografisch (also als mit dem Schreiben von Geschichte befasst) anzusehen, sondern als historio-dramaturgisch, als Weisen der performativen Hervorbringung, Inszenierung und medialen Vermittlung von geschichtlicher Evidenz. Ein solches Modell einer Historio-Dramaturgie bezieht sich auf drei Quellen: Auf Hayden Whites Vorschlag einer «Historiophoty» (1988), d.h. einer lmischen Darstellung der Geschichte analog zur schriftlichen Historiografie; auf Modelle des Ethnographen als «Ethnodramaturgen», als eine Art Produzent kultureller Szenarien, wie sie von Viktor Turner (1979) und Johannes Fabian (1999) entwickelt wurden; und auf neue Auffassungen von Dramaturgie als Praxis einer szenischen Forschung und Wissensbildung.

Haß, Ulrike – Aischyleische Kosmologie. Zur Frage des Horizonts im Prometheus-Fragment

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Prometheus zum Sinn- bild des Menschen stilisiert, der gegen die Tyrannis der Vatergötter rebelliert und als freies Wesen durch Irrtümer hindurch zu seiner Selbstverwirklichung und Vollendung voranschreitet. Diese anthropozentrische Sichtweise beruht auf erheblichen Verkürzungen des aischyleischen Fragments, das entsprechend seiner Antipoden zwei Legenden aufweist: die anthropologische Erzählung des Prometheus und die Theogonie des Zeus. Beide sind ein- gebettet in die Erzählung einer Kosmologie, die keine Leh- re wiedergibt, sondern eine kosmische Topologie entfaltet, die in sich völlig ratlos ist. Inmitten dieser Kosmologie gerät Prometheus zu einem Ereignis, das seinen Horizont de nitiv nicht in einer zu sich selbst voranschreitenden Menschheit hat.

Die Kosmologie des Aischylos räumt den materiellen Kräften einen aktiven Part ein. Sie haben am Werden der Welt teil. Sie verlangen eine andere Aufmerksamkeit dafür, wie das «Menschliche» und seine «Gegenspieler» unter- schieden oder überhaupt begri en werden könnten. Das Fragment des Aischylos führt uns mit Io oder dem Vogel- Mädchen-Chor der Okeaniden Träger dieser anderen Aufmerksamkeit vor, die Grenzgestalten des Weiblichen bilden. In ihrem Horizont zeigt sich das Menschliche als etwas, das sich unter heterogenen, belebten und vermeint- lich unbelebten Kräften und Geschöpfen vor ndet. Falls
es sich positioniert, geschieht dies unter anderen, weniger inmitten als am Rand.

Cull, Laura – Performance Thinks: Theatre, Philosophy & the Nonhuman

Der Vortrag verortet das neue aufgekommene Feld der ‚Performance Philosophy‘ im Kontext der anglo-amerikanischen (analytischen), der sogenannten Kontinentalphilosophie des Theaters und des ‚philosophical turn‘ in der Theaterwissenschaft und den Performance Studies. Was ist dort Performance, was Philosophie? Mit jeder Antwort auf diese Fragen ist eine andere Art des Ausschlusses und der Auswahl verbunden mit Blick darauf, was als „Gedanke“ gilt und wie die Grenzen zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-menschlichen gezogen werden. ‚Performance Philosophy‘ soll ihrer Idee nach nicht als eine Philosophie der Performance verstanden werden, sondern vielmehr als eine experimentelle Praxis, die von der Annahme ausgeht, dass eine Performance denkt und dies nicht nur insofern, als man sie auf eine bewusste Reflexion oder eine intentionale Handlung ihrer menschlichen TeilnehmerInnen zurückführen kann. Dieses Axiom wird unter Rückgriff auf François Laruelles „non-philosophy“ untersucht werden. Laruelle plädiert für einen Bruch mit einer Philosophie, die sich im Voraus als ‚wahre‘ Philosophie definiert, um diese dann auf angeblich nicht denkende, nicht philosophische Objekte (wie das Theater oder die Performance) anzuwenden. Stattdessen schlägt Laruelle eine Praxis des Denkens vor, die sich durch das, was sie zu denken versucht, definiert — auf eine Weise, welche anerkennt, dass das Objekt selber denkt.

Saneh, Lina – Imposed Realities

Veranstaltung vom 07. Juli 2015


Aus unserem Programm:

In einem Land wie dem Libanon und einer Region wie dem Nahen Osten, wo ständig Umwälzungen und blutige Konflikten drohen, mit unsicheren Grenzen und einer von Migration geprägten Demographie, wo das Denken sich in radikalen Oppositionen bewegt, schwarz/weiß, gut/böse, ohne die Möglichkeit eines dritten Weges, wo sich niemand in die Zukunft versetzen oder sie planen kann, da jeden Moment Krieg ausbrechen und alles von Grund auf durcheinander kommen kann, wo nicht die Kultur Vorrang hat, sondern die Sicherung des Alltags angesichts einer Infrastruktur, in der es an allem Mangel gibt (an Wasser, Elektrizität, Sicherheit etc.), wo der Staat zum Verzweifeln abwesend ist, von genau jenen verlassen, die zu seiner Konsolidierung aufrufen, obwohl sie ihre Treue zuvorderst den Parteien geben, die ihn lähmen, kurz: in einer solchen Situation – welche künstlerischen Praktiken drängen sich da auf? Welche anderen kann man vorschlagen? Vor welchen Herausforderungen steht der Künstler? Wie könnte er sich ihnen entgegenstellen? Welche Produktionsbedingungen drängen sich auf? Welche Alternativen lassen sich erfinden?

Lina Saneh ist Performerin, Schriftstellerin, Regisseurin und Dozentin. Bis 2013 arbeitete sie als Dozentin an der Haute École d’Art et de Design in Genf, zuvor u.a. am Institute for Scenic and Audio-Visual Studies, Saint-Joseph University, Beirut, Libanon.

Ihre Performances, darunter 33 RPM and a Few Seconds (2012), Photo-Romance (2009), I had a Dream, Mom (Video, 2006), Appendix (2007) und Biokhraphia (2002) wurden bei wichtigen internationalen Festivals wie dem kunstenfestivaldesarts in Brüssel,  dem Festival d’Avignon und dem Festival d’Automne in Paris gezeigt und entstanden teilweise in Zusammenarbeit mit Rabih Mroué.

Markus Wessendorf
ist seit dem Jahr 2001 Professor für Theaterwissenschaft an der University of Hawai’i at M’noa in Honolulu. Zuvor lehrte er in Gießen und New York und arbeitete als Übersetzer, Dramaturg und Regisseur.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen:
Interkulturelles Theater,
Theorien des Performativen,
Theater und Performance seit 9/11 und
Dramaturgien der Überwachung.

Zahlreiche Publikationen, u.a.
Die Bühne als Szene des Denkens: Richard Foremans Ontological-Hysteric Theatre (1998),
Grenzgänge: Das Theater und die anderen Künste (Mit-Hg. 1998),
Das Brecht-Jahrbuch 36: Brecht in/und Asien (Mit-Hg. 2011).

Die Vortragsreihe ist eine Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie, dem Erasmus Mundus Program in Performing Arts und dem Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität. Die Gastprofessur wird gefördert vom DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie vom International Office und dem Förderfonds Lehre der Goethe-Universität.