Ben-Shaul, Daphna: „Unsettled Rope-Dancers: Performing on Sites of Heightened Sovereignty“

The street show of the Seiltänzer, the rope-dancer, in Thus Spoke Zarathustra is performed by two performer-types moving between two towers, embodying Nietzsche’s metaphorical rhetoric – the tamed rope-dancer and the transgressive, creative trickster. About a century later, in De Certeau’s urban theory, the agency of the rope-dancer is present in the distinction made between the point of view from the World Trade Center, and the “walking rhetorics” in the city’s maze. The elevated position is also the one that – physically or symbolically – characterizes areas of increased sovereignty. Among them, border zones charged with differences, flooded with power by means of urban planning. Having taken place in these areas, did the performances that will be discussed create an alternative to this super-imposition? Is Philippe Petit’s walk above the abyss between West and East Jerusalem in 1987 equivalent to the trespassing of his 1974 walk between the WTC towers in New York? How do contemporary on-site performances taking place in Israel transgress heightened sovereignty, or rather place themselves between the heightened gaze and the unsettled maze?

Daphna Ben-Shaul is a Senior Lecturer at the Department of Theatre Arts, Tel Aviv University. She heads the Multidisciplinary and the Interdisciplinary Programs in the Arts at the Faculty of the Arts, TAU, as well as the Actor-Creator-Researcher MFA Track, and teaches at the School of Visual Theatre (SVT). Her theatre and performance research addresses civic and political issues, reflexive performance, performative voiding, creative collectives, and spatial thought and practices. She has published an extensive book on the collective Zik Group, and articles in major periodicals. Her research of contemporary site-specific performances in Israel was supported by the Israel Science Foundation (ISF).

Droß, Marcus; Herlemann, Katja; Stange, Jan Philipp – Jour Fixe

  1. Juni 2022, 19.00 Uhr

Seit 1988 veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung das Festival Politik im Freien Theater, das im Herbst erstmals in Frankfurt stattfinden wird. Beteiligt sind das Künstlerhaus Mousonturm, das Schauspiel Frankfurt und die Festival-AG, ein Netzwerk aus der regionalen Freien Szene, in dem ID_Frankfurt e.V., laPROF Hessen e.V. (Landesverband Professionelle Freie Darstellende Künste Hessen) sowie das Produktionshaus Naxos. Gezeigt werden Arbeiten der professionellen freien Szene, die entweder auf inhaltlicher Ebene ein politisches Thema verhandeln oder deren Entstehungsprozess selbst ein politisches Handeln darstellt, ergänzt um ein umfangreiches Workshop- und Diskursprogramm. Im Ausblick auf das Festival wollen wir mit drei der Macher:innen der diesjährigen Ausgabe ins Gespräch kommen.

Marcus Droß studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Er arbeitete als Regisseur, Dramaturg und künstlerischer Mentor mit Künstler:innen und Kollektiven in den Bereichen Musiktheater, Performance und Choreographie sowie für Festivals, Residenzprogramme, Koproduktionshäuser und in der künstlerischen Ausbildung. Seit 2012 ist er als Dramaturg am Künstler:innenhaus Mousonturm tätig und übernimmt dort ab September 2022 zusammen mit Anna Wagner die Intendanz und Geschäftsführung.

Katja Herlemann war in der Freien Szene in Belgien und am Goethe-Institut in München und Prag tätig. Sie leitete den Heidelberger Stückemarkt und die Sparte Gegenwartsdramatik am Schauspiel Leipzig. Seit 2019 ist sie Dramaturgin am Schauspiel Frankfurt. 2022 Ko-Leiterin von Politik im Freien Theater.

Jan Philipp Stange lebt und arbeitet in Frankfurt am Main als Regisseur, Autor und Kurator. Er studierte Literatur, Philosophie, Regie und Theaterwissenschaft in Hamburg und Frankfurt. Seit 2013 inszeniert er Arbeiten zwischen Theater und Performance im deutschsprachigen Raum, u.a. im Thalia Theater Hamburg, Mousonturm Frankfurt, Schauspielhaus Wien und im Deutschen Theater Göttingen. Seit 2015 ist er im Leitungsteam des Frankfurter Theaters studioNAXOS tätig.

Rotman, Diego:  “Fragile Structures of Knowledge: The Dramaturgy of an Art Based Research Project on Contemporary Sukkot”

Diego Rotman ist Senior Lecturer, Forscher, multidisziplinärer Künstler und Kurator. Seine Forschung konzentriert sich auf performative Praktiken im Zusammenhang mit lokaler Geschichtsschreibung, jiddischem Theater, zeitgenössischer Kunst und Folklore. Seit Juli 2019 ist er Leiter des Instituts für Theaterwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Im März 2021 veröffentlichte Rotman „The Yiddish Stage as a Temporary Home – Dzigan and Shumacher’s Satirical Theater (1927-1980)”. Das Buch, das 2017 in seiner hebräischen Version bei Magnes University Press erschien, wurde mit dem Shapiro Award 2019 für das beste Buch in Israel-Studien ausgezeichnet. Gemeinsam mit Lea Mauas und Michelle MacQueen gibt Rotman „Possession and Dispossession: Performing Jewish Ethnography in Jerusalem“ heraus (Mai 2022). 2017 wurde er zusammen mit Mauas mit dem Preis des israelischen Kulturministers für visuelle Künstler ausgezeichnet. Im Jahr 2014 gab er zusammen mit Ronen Eidelman und Lea Mauas „He’ara: Independent Art in Jerusalem at the Beginning of the 21st Century“ heraus.

Im Jahr 2000 gründeten Rotman und Mauas die Sala-manca Group, die in den Bereichen zeitgenössische Kunst, Performance und Kunst im öffentlichen Raum tätig ist. Die Gruppe gab die Kunstzeitschrift „He’arat shulayim“ heraus und kuratierte und produzierte die „He’ara Contemporary Art Events“. Im Jahr 2009 gründeten sie das „Mamuta Art and Research Center“, das heute als Zentrum für Forschung, Produktion und Präsentation von Kunst im Hansen House in Jerusalem untergebracht ist.

Am 17. Mai 2022 findet die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Rotman zum Thema “Fragile Structures of Knowledge: The Dramaturgy of an Art Based Research Project on Contemporary Sukkot” auf dem Campus Westend (IG-Farbenhaus 1.314) statt, die sich in Auseinandersetzung mit einer Reihe von Projekten der Sala-Manca Group über die Sukkot – den Hütten, in denen die Israeliten während ihres Auszugs in der Wüste lebten – mit Fragen der Architektur politischer Kollektive, der individuellen Geschichtskritik, des Denkens der Landschaft und dem Streben nach einer Souveränität in einem ungebundenen Zuhause befasst.

Keil, Marta – Jour Fixe

27. April 2022, 19.00 Uhr

Marta Keil is curator, editor, dramaturge and researcher. She lives and works between Warsaw and Utrecht. Her curatorial and research practice is focused on possible alternative processes of instituting and on redefining modes of working transnationally. At the moment she curates transnational project Breaking the Spell, focused on feminist practices in contemporary performing arts and co-curates with NorthEastSouthWest project in Dresden. In October 2021, she curated “Forecast. A School of Thinking-With” for Dublin Theatre Festival. In 2020, she co-curated the international, multigenerational performative project Grand Re Union which reflected current choreographic practices in their socio-political context. She often works in tandem with Grzegorz Reske (ResKeil), recently they curated together with Tim Etchells the Common Ground season at Komuna Warszawa (2020) and did the performance “Sunny Sunday” together with Lina Majdalanie and Rabih Mroué (2020). Since 2019 she has been cooperating as facilitator with the RESHAPE project that searched for new models of transnational cooperation and solidarity in the arts field. In 2011, Marta initiated the East European Performing Arts Platform (EEPAP), that aimed at facilitating transnational mobility and sharing knowledge in the Eastern European region. She has collaborated with the platform until 2019. In 2021, she was commissioned by IETM to prepare together with Marie Le Sourd (On the Move) a study on strategies undertaken by European arts institutions against transgressive behaviour. Marta is also a guest teacher at the Jagiellonian University in Kraków and SWPS University in Warsaw. She edited several books, including:  Choreography: strategies (together with Joanna Leśnierowska, forthcoming), Choreography: politicality (2018) and Reclaiming the Obvious: On the Institution of the Festival (2017). Holds PhD in Culture Studies.

Peter, Birgit: „Die Etablierung der Theaterwissenschaft im Nationalsozialismus. Über verdrängte und vergessene Fachgeschichte und ihre Konsequenzen“

In den zahlreichen Bänden zur Einführung in die Theaterwissenschaft finden sich fachhistorische Darstellungen, die in aller Kürze auf die nationalsozialistische Ära verweisen. Einzelne Akteure wie Heinz Kindermann, Carl Niessen, Arthur Kutscher oder Hans Knudsen und Institutsgründungen bzw. die Einrichtung von Ordinariaten werden erwähnt (1943 in Wien, 1944 in Berlin), doch eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Faktum der akademischen Etablierung der Disziplin im NS fehlt.

Theaterwissenschaftlerinnen wie Kindermann und seine Schülerin Margarete Dietrich waren von Wien aus bis in die 1980er Jahre wichtige fachpolitische Akteurinnen. Sie, wie auch Knudsen, Kutscher und Niessen prägten als Lehrende die ersten Generationen von Studierenden, bestimmten den Fachdiskurs und die Terminologie. Ihre Werke werden zum Teil noch immer als Grundlagen herangezogen. Unberücksichtigt blieben bisher auch Untersuchungen zur Zusammenarbeit dieser Akteure während der NS-Zeit und zu den fachpolitischen Netzwerken nach 1945. Ein völliges Desiderat stellen Forschungen zu den während des NS exkludierten Theaterforschenden, zu Theaterwissenschaft, Exil und Holocaust sowie eine gendertheoretische Perspektivierung der Fachgeschichte und der theaterwissenschaftlichen Episteme dar.

In diesem Vortrag steht im ersten Teil eine Skizzierung der Fachgeschichte im NS im Kontext von Wissenschaftspolitik und Ideologieproduktion im Zentrum. Im zweiten Teil werden Verdrängungs- und Vergessensstrategien im theaterwissenschaftlichen Diskurs nach 1945 thematisiert, um auf blinde Flecken und Leerstellen in der Fachgeschichtsschreibung zu verweisen. Die Diskussion soll Fragen nach den Konsequenzen der NS-Vergangenheit des Faches Raum bieten.

Birgit Peter ist Privatdozentin an der Universität Wien, wo sie die Leitung des Archivs und der theaterhistorischen Sammlung des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft innehat. Ihre Dissertation und Habilitation beschäftigte sich mit Zirkusgeschichte. Sie lehrte und lehrt zu Zirkus und Zauberkunst an den Universitäten in Leipzig, Bern und Wien. Forschungs- und Publikationsschwerpunkte sind: Zirkus, NS-Theaterwissenschaft und Fachgeschichte, verdrängte Theatergeschichte, Antisemitismus.

Link zum Podcast von Wilsonstreet: https://www.wilsonstrassefm.com/podcast/episode/50b2d2fd/holderlin-vortrage-ws-2122-birgit-peter-wien

Nordheim, Julius – Die unbemerkte Uraufführung von „Der Müll, die Stadt und der Tod“

Tedjasukmana, Chris – Wo’s überall stinkt

Theaterbauten, Kultur für alle

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Welches Theater für welche Stadt?“
Mit Frank Schmitz und Ulrike Haß. Moderation: Carsten Ruhl

Frankfurts Theater steht im Augenblick vor einer Weichenstellung, die es bis weit in das 21. Jahrhundert maßgeblich mitprägen wird: Wie sollen die Gebäude aussehen, in denen zukünftig das städtisch subventionierte Theater stattfinden wird? Wo sollen Oper, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater, wo die experimentellen darstellenden Künste zukünftig geprobt, aufgeführt, gesehen und verhandelt werden? Vier der fünf zukünftigen städtischen Theaterbauten sind derzeit – auf verschiedenen Stufen – in Planung. Vor diesem Hintergrund wollen Architekturgeschichte und Theaterwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main in zwei Veranstaltungen die durch diese Situation aufgeworfenen Fragen öffentlich diskutieren. Dabei sollen Vorträge von Wissenschaftler_innen und Gesprächsbeiträge von Künstler_innen dazu beitragen, die dringend gebotene Diskussion über das Frankfurter Theater der Zukunft auf eine breitere Grundlage zu stellen. 

Naumann, Gerardo und Studierende des Instituts für TFM – Das Festival, Projektvorstellungen

Der argentinische Autor und (Film-)Regisseur Gerardo Naumann wurde im deutschsprachigen Raum bekannt mit der Arbeit „Die Fabrik“, die im von Stefan Kaegi und Lola Arias kuratierten Festival „Ciudades parallelas“ präsentiert wurde. Unter dem Motto Theater ist die Kunst der Symbiose entwickelte er mit Studierenden des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft verschiedene symbiotische Formen zu den im Rahmen der Frankfurter Positionen 2021 entstehenden Uraufführungen.

Die folgenden Projekte der Studierenden werden vorgestellt:
Die kleine Akkumulation von Camradrine Maxine
unerhört von Janine Bürkli, Maria Huber und Jonathan Kirn
(Gehör-)Gang von Ania Pachura, Ella Schilling und Sara Gröning

Folgende Projekte wurden auf Sommer 2021 verschoben:
Anything but Vertical von Nele Oeser, Marquelin Pham und Ronja Koch
EPILOGUE von Aria Baghestani

Menke, Bettine – Die Rechts-Ausnahmen des „Flüchtlings“ – Die Demokratie der Hinzu-Kommenden

Vortrag von Bettine Menke
04.02.2021

Giorgio Agambens Äußerung, „Flüchtling“ sei „die einzige Kategorie, die uns heute Einsicht in die Formen und Grenzen einer künftigen politischen Gemeinschaft gewährt“, taugt mir zum Ausgangspunkt. Denn „Flüchtling“ ist Figur der spezifischen, durch staatliche Regularien erzeugten, Nicht-Zugehörigkeit: Als Ausnahme von der vermeintlichen Normalität unter nationalstaatlicher Vorgabe, als Ausnahme vom Recht, die polizeilichen Maßnahmen überantwortet. Das ist, vereinfacht gesagt, der Vogelfreie; von diesen, die der National-Staat mit seiner Gründung ­schon (als Nicht-Zu­ge­hörige) schaffe, spricht Arendt, deren historisch gesättigte Darstellung der mas­senweisen Erzeugung von Flücht­lin­gen nach Nationalstaatsprinzip im 20 Jh. gegenwärtig diagnostisch zutrifft. Die spezifische Ausnahme, die Flüchtlinge vom Mo­ment ihres Grenz­über­tritts an als Illegale definiert und im „Nie­mands­land“ des Irregulären festhält, muß als dringliche Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Repräsentation, bzw. Repräsentier­barkeit aufgefasst werden. Sie erfordert, die Unterminierung der Gewiss­hei­ten von Zu­ge­hörigkeit (zu Gemeinschaft(en)) zu denken, wie damit der Anforderung zur Delimitierung der Demokratie zu folgen: „Kein numerus clausus für die Hinzukommenden“ (Derrida).