Schlewitt, Carena und Schallenberg, André – Jour Fixe

MITTWOCH, 29. JANUAR 2020, 19 UHR

Seit 2018 leitet Carena Schlewitt das europäische Zentrum für Künste HELLERAU (Dresden) mit André Schallenberg als Dramaturg für Tanz und Theater. Hellerau ist seit den 1910er- Jahren ein Ort des Experiments: Hier schufen 1912/13 der Bühnenbildner Adolphe Appia und der Lichtkünstler Alexander von Salzmann den Prototyp einer neuen, offenen Theaterbühne für das 20. Jahrhundert. Carena Schlewitts Programm ist, dass das Haus nicht nur Showcase sein soll, sondern vielmehr Produktions- und Arbeitsort für Künstler*innen, Labor und Experimentierhaus. Doch das Haus und sein Programm stehen unter massivem Beschuss durch die AfD-Fraktion in Dresden. Sie glaubt, dass dieses Haus die Kunst zum „Protagonisten linker Randgruppen“ mache und will es in eine Vermietungsimmobilie umwandeln. Was heißt es, unter solchen Bedingungen an Öffnung und Experiment festzuhalten? Darüber werden wir mit Schlewitt und Schallenberg sprechen.

Carena Schlewitt arbeitete an der Akademie der Künste der DDR, in Produktionshäusern wie Podewil Berlin, FFT Düsseldorf, HAU Berlin und Kaserne Basel und ist seit 2018 Intendantin in Hellerau. André Schallenberg arbeitete nach dem Studium in Jena und Gießen (ATW) als freier Künstler, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter des Produktionsbüros der Ruhrtriennale. 2018 war er bei PACT Zollverein u.a. verantwortlich für die Tanzplattform Deutschland. Seit 2018 ist er Programmleiter für Theater und Tanz in Hellerau.

Pitozzi, Enrico – On the Edge of the Visible: Theatre and the Dramaturgy of Sound

Im Zentrum des Vortrags stehen Formen zeitgenössischen Theaters, deren Komposition einer “Dramaturgie des Klangs” unterliegt. Dabei wird die Analyse den musikalischen und philosophischen Aspekten gelten. Auf der zeitgenössischen Bühne stellen Formen, Klänge und Farben das Primat des Sehens radikal infrage. Es geht also darum zu erörtern, was sich auf dieser Bühne sehen lässt: die Epiphanie der Seienden könnte eine Antwort sein. So können akustische Bilder als Teil von elektronischen Klanglandschaften komponiert werden. Aus der Analyse unterschiedlicher Beispiele – z.B. Romeo Castellucci|Socìetas Raffaello Sanzio, Heiner Goebbels, Shiro Takatani, oder Theatro delle Albe – ergibt sich, dass Theater der Träger eines autonomen Klangdenkens ist, in dem auch die Stimme den Rahmen von Kommunikation und Dialog übersteigt und in ihrem Rauhheitspotential erkundet wird. Der Klang bestimmt also die Logik der szenischen Komposition,wirkt latent auf die Aufmerksamkeit des Zuschauers ein und verändert dessen Hörgewohnheiten: um zu sehen und eine “Vision” zu haben, muss man in der Lage sein zu hören.

Enrico Pitozzi lehrt an der Università di Bologna sowie an verschiedenen europäischen, kanadischen und brasilianischen Universitäten, 2018 publizierte er seine Monographie Akousma – Figure and Voice in the Acoustic Theatre of Ermanna Montanari.

Vortrag vom 21.01.2020

Mundel, Barbara – Jour Fixe

27. November 2019, 19 Uhr 

Wie wenige andere hat Barbara Mundel in den vergangenen Jahrzehnten das Nachdenken über die Zukunft des Stadttheaters, dessen Funktionieren, dessen Probleme und deren Lösung befördert: Als Intendantin des Theaters Freiburg hat sie kontinuierlich an der Reform und Öffnung dieser Institution gearbeitet, u.a. mit einer in zwei Büchern dokumentierten Suche nach dem „Stadttheater der Zukunft“. Im Herbst 2020 wird sie neue Intendantin der Münchner Kammerspiele. Dieses Theater hat sich in den vergangenen Jahren an der Neudefinition dessen versucht, was heute ein Stadttheater sein könnte: Integration eines Produktionshaus ins Ensemble- und Repertoire-Theater, Öffnung des Hauses in die Stadt, Diversifizierung, Internationalisierung, Integration von Künstler*innen ins Ensemble, die über andere als die klassischen Qualifikationen verfügen. Nach starker Anfeindung zu Beginn ist das Haus nun, kurz vor dem Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal, von Theater Heute zum Theater des Jahres gekürt worden. Wie wird Barbara Mundel mit der schwierigen Aufgabe umgehen, ein solches Haus an diesem Punkt zu übernehmen? Wie steht sie heute zu den Fragen, die unter dem Vorzeichen der „Krise des Stadttheaters“ in den vergangenen Jahren diskutiert wurden? Barbara Mundel arbeitet seit den 80er Jahren als Dramaturgin, u.a. am Theater Basel, an der Volksbühne Berlin, an den Münchner Kammerspielen und bei der Ruhrtriennale. Von 2006 bis 2017 war sie Intendantin am Theater Freiburg.

Weber, Samuel – ‘Khora’ als Inszenierung des Raumes

Samuel Weber (Evanston, IL) “’Khora‘ als Inszenierung des Raumes“. In seiner Lektüre von Platons Timaios hebt Jacques Derrida die eigenartige Darstellung des “Raumes“ (Khora) hervor: Khora kann weder als eine intelligible Idee noch als eine empirische Sache begriffen werden, sondern scheint vielmehr die Bedingung dieser Opposition als ein Drittes zu sein, das zu keiner “Gattung“ gehört. Während der platonische Text mit “Khora“ eine gewisse Bewegtheit mitzudenken versucht, versteht Derrida diese, wie er schreibt: „mise en mouvement“ (in Bewegung setzen) auch als eine „mise en scéne” (Inszenierung). Damit stellt sich zumindest implizit die Frage, ob die konstitutive Funktion des khoratischen Raumes nicht auch für das Verständnis der theatralen Szene bedeutsam werden könnte. Der Workshop wird sich dieser Frage im Ausgang von einer Rekonstitution der sehr komplizierten Darlegung widmen, die Derrida in seinem “Khora“ betitelten Text unternimmt. 


Samuel Weber ist Professor of Humanities an der Northwestern University und Direktor des Paris Program in Critical Theory sowie Professor an der European Graduate School in Saas-Fee. Er hat an zahlreichen europäischen und amerikanischen Universitäten gelehrt und arbeitete auch als Übersetzer und Dramaturg.