Schneider, Rebecca – Appearing to Others as Others Appear

10.12.2020
Vortrag von Rebecca Schneider

In The Human Condition, Hannah Arendt writes that the polis is “the space of appearance in the widest sense of the word, namely, the space where I appear to others as others appear to me, where men exist not merely like other living or inanimate things, but make their appearance explicitly.” In a time when white liberal humanism has been exposed by scholars like Sylvia Wynter, Hortense Spillers, Frank Wilderson, and Saidiya Hartman as a “genre of human” founded on anti-blackness, what becomes of the mandate to “appear to others as others appear”?  In this talk, I will discuss some late 20th and early 21st century works in which artists appear as built environments that possibly raise questions about appearance and “public space.” I will also think about some performance-based contemporary work that performs homage, that is, art appearing as other art has appeared. In this effort, I will think about artwork against the grain of human or human-centric citationality, a practice that might also find Dionysian roots and limbs in the ancient world of course, if arguably prior to the rise of democracy. In a time of demands for racial justice and a time of planetary peril, what else might it mean for democracy to appear as others have appeared?

Mwanza Mujila, Fiston; Emmerling, Friedrike – Ein Garten ohne Grenzen

03.12.2020
Fiston Mwanza Mujila im Gespräch mit Friederike Emmerling

Gast der vierten Veranstaltung im Rahmen der Ringvorlesung „Theater und die Krise der Demokratie“ war Fiston Mwanza Mujila. Der in der Demokratischen Republik Kongo geborene Schriftsteller, der heute in Graz lebt, schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und erhielt für seinen ersten Roman „Tram 83“ zahlreiche internationale Preise. Mit der Lektorin Friederike Emmerling (Fischer-Verlag)spricht er an diesem Abend über sein neues Projekt „Der Garten der Lüste“, in dessen Zentrum die Vision eines Garten ohne Grenzen und Beschränkungen steht, der von der Utopie zur Last wird. Er erzählt, was es für ihn bedeutet, das Stück, das er im Auftrag der Frankfurter Positionen 2021 für das Deutsche Theater schreibt, in deutscher Sprache zu schreiben – in einer Sprache, die es ihm erlaubt, dem Französischen zu entkommen, das für ihn untrennbar verbunden ist mit der Kolonialisierung.

Gotman, Kélina – Choereographic Imaginaries at the Borderlands: Thinking Free Movement

Prof. Dr. Gotman ist Senior Lecturer in Theatre and Performance Studies am King’s College London. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Geschichte und Theorie von Bewegung und Tanz, vor allem auch im Austausch mit Gesundheits- und Naturwissenschaften. Zu ihren zahlreichen Publikationen zählen u.a.: Choreomania: Dance and Disorder (Oxford University Press, 2018), Essays on Theatre and Change: Towards a Poetics Of (2018), Theatre, Performance, Foucault! (Mhg., 2019). 

Als Antrittsvorlesung hiellt Prof. Dr. Gotman einen Vortrag zum Thema „Choreographie als Denken von Freizügigkeit. Eine kritische Genealogie“ und dabei den bewegten Körper am Schnittpunkt zwischen Kunst und Politik untersuchen.

Grünewald, Gernot und Pees, Matthias – Theater als Politische Anstalt

26.11.2020
Gernot Grünewald im Gespräch mit Matthias Pees

Gernot Grünewald begreift das Theater als „Politische Anstalt“. Nach einem Schauspielstudium an der Ernst Busch-Schule in Berlin und ersten Gast-Engagements wurde er 2003 Ensemblemitglied des Schauspiels in Stuttgart. 2007 begann er ein Studium der Regie an der Hamburgischen Theaterakademie, das er mit der Diplominszenierung „Dreileben“ abschloss. Sie basierte auf Interviews mit Sterbenden und gewann beim Nachwuchsfestival Körberstudio für junge Regie 2011 den ersten Preis. Die Arbeit deutete in ihren Methoden schon die Handschrift an, die Grünewald seither in einer größeren Zahl von Stückentwicklungen an großen Häusern weiterentwickelt hat, hier in Frankfurt am Schauspiel, in Hamburg am Thalia Theater, am Deutschen Theater in Berlin und derzeit am Schauspielhaus in Stuttgart. Für seine Arbeiten recherchiert Grünewald zusammen mit seinen Schauspieler*innen zu politischen Themen wie Migration, Erderwärmung, Postkolonialismus, der RAF oder dem G-20-Gipfel, um mit dem Material dann Produktionen unterschiedlichster Art zu entwickeln, die unter Titeln in die Theater kommen wie: „Kindersoldaten“, „an,komen – Unbegleitet in Hamburg“, „Performing Embassy of Hope“, „Lesbos-Blackbox Europa, „Vier Tage im Juli – Blackbox G2“, „Patentöchter. Im Schatten der RAF“ und zuletzt „27 Jahre – ein Stück über die Klimakrise“ (noch unaufgeführt wegen der Pandemie).  Schauspieler*innen konfrontieren darin als Expert*innen des jeweiligen Themas das Publikum mit dem, was sie herausgefunden haben und versuchen so, das Theater zum „ort der gesellschaftspolitischen auseinandersetzung“ zu machen. Grünewald hat dabei über die Jahre an der Erarbeitung einer offenen Dramaturgie gearbeitet, wie man sie etwa im Januar 2020 an seiner Arbeit „Hereroland“ studieren konnte, einer theatralen Installation, die das Hamburger Thalia-Theater produziert hat.  Das Gespräch mit Grünewald führt Matthias Pees. Er hat als Dramaturg unter anderem an der Volksbühne unter Frank Castorf in Berlin gearbeitet, bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, in Brasilien, bei den Wiener Festwochen und an den Münchner Kammerspielen. Als künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Mousonturm ist ihm 2020 der Coup gelungen, zusammen mit weiteren Akteur*innen in der Stadt die zwei wichtigsten wandernden Festivals nach Frankfurt zu holen, Politik im Freien Theater und Theater der Welt. Deren Konzeption stellt nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage dar, wo die Zukunft des Theaters in der gegenwärtigen Krise der Institutionen bürgerlicher Öffentlichkeit liegen könnte: In mehr Diversität, Inklusion und Teilhabe, in der Öffnung für neue, bisher in den öffentlichen Häusern unterrepräsentierte Gruppen und in der kritischen Befragung der eigenen Privilegien im Zuge einer Dekolonisierung, die im eigenen Haus anfängt.

Haß, Ulrike – Vom Eigensinn der Pluralität

19.11.2020
Vortrag von Ulrike Haß

Die Beobachtung, „dass die griechische Demokratie im gleichen Moment erfunden wurde wie die Tragödie“ (Jean-Luc Godard), betont die Grundlosigkeit beider Erfindungen, denen keine Intention, kein Konzept vorausging. Die Betonung ihrer Gleichzeitigkeit führt jedoch über die Aporien antiker Gründungen hinaus. Demokratie als Politik sollte Probleme des internen Zusammenhangs in der Polis lösen (kollektive Existenz), die Tragödie ist der Herausbildung des Protagonisten gewidmet (singuläre Existenz). Die Ontologie vom Plural der Singulare, die sich in dieser Kombination andeutet, erhält ihren entscheidenden Dreh durch ein Faktum, das namentlich in der Tragödie ausbuchstabiert wird. Protagonisten, mag ihr Ruhm auch durch die Jahrhunderte leuchten, haben nicht die Kraft, als Einzelne zu erscheinen. Sie erreichen den Schauplatz ihrer Tragödie nur, indem ihnen ein Grund oder ein Ort eingeräumt wird, über den sie als Einzelne per definitionem nicht verfügen.

Diese Raumspende wird ihnen von einem Chor gewährt, der keine Erfindung des Theaters ist. Der Chor kommt aus ehemals geheiligten Landschaften und wird allererst zum anderen Körper des Theaters. Als solcher gehört er der Repräsentation, die sich auf den Protagonisten als vermeintlich ersten Körper des Theaters stützt, niemals ganz zu und erneuert sich stetig im Kontakt mit dem Außen einer unabsehbaren Pluralität. Chorische Bezugnahmen öffnen den Kollektiv-Plural der Polis und ihre begrenzte Demokratie als Frage. Diese bezieht sich, dem unverfügbaren Eigensinn von Pluralität entsprechend, auf unendliche Verhältnisse.

Nicolai, Carsten und Römer, Rainer – Narzissmus und Teamwork in der Kunst

12.11.2020
Carsten Nicolai im Gespräch mit Rainer Römer

Das erste Gespräch der Reihe führten der Bildende Künstler und Musiker Carsten Nicolai, der eine Professur für Kunst mit Schwerpunkt auf digitalen und zeitbasierten Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden innehatund der Musiker und Autor Rainer Römer, der Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hier in Frankfurt ist und seit dem Jahr 1985 dem Ensemble Modern angehört, zwei Gäste, die wie diese Kurzcharakteristik schon andeutet, gleichermaßen diese beiden Bereiche – die Kunst wie ihre Theorie – vertreten. Carsten Nicolai ist zum Festival 2021 eingeladen, er war als Bildender Künstler bei großen Ausstellungen der Bildenden Kunst wie der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig und hatte zahlreiche Einzelausstellungen, etwa zuletzt in Düsseldorf, aber auch schon in Frankfurt, in der Schirn 2005, und darüber hinaus in Kopenhagen, Buenos Aires, Berlin, New York, Zürich und an vielen weiteren Orten, aber er steht als einer der bekanntesten Vertreter der zeitgenössischen elektronischen Musik unter dem Pseudonym Alva Noto oder Noto zugleich auf ganz anderen Bühnen, arbeitete mit Musikern wie Blixa Bargeld ebenso zusammen wie mit dem Ensemble Modern und betreibt ein Label (noton.archiv für Ton und Nichtton, aufgegangen in Raster.Noton). Als Thema des Gesprächs schlug er vor: Demokratie und künstlerische Produktion –  Narzissmus und Teamwork.Dabei erteilt er der Forderung nach Demokratie in der Kunst und jeglicher Verquickung von Kunst und Politik eine deutliche Absage.

Etchells, Tim – Jour Fixe

Freitag 4. Mai 2018

Tim Etchells ist Künstler, Regisseur und Schriftsteller, Mitbegründer der Gruppe Forced Entertainment und seit deren Gründung im Jahr 1984 ihr Kopf. Er arbeitet in den Bereichen Text, Photographie, Video, Performance, Installation und digitale Medien. Seine Arbeit und die der Gruppe Forced Entertainment wurde weltweit gezeigt und mit unzähligen Preisen ausgezeichnet. Am 4. Mai 2018, eine gute Woche nach der Premiere der vom Schauspiel Frankfurt und dem Künstlerhaus Mousonturm koproduzierten Arbeit „Out of Order“ erzählte Etchells im Jour fixe der Theaterwissenschaft auf der Probebühne des Instituts für TFM über die Anfänge und Entwicklung der Gruppe Forced Entertainment, deren Arbeitsmethoden und die konkrete Produktion „Out of Order“. Das Gespräch mit ihm führten Nikolaus Müller-Schöll und die Studierenden des Instituts.