Archiv des Autors: cesar

Frankfurter Positionen

 
 
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FRANKFURTER POSITIONEN 2017

Ich reloaded

Das Subjekt im digitalen Netz

FP EXTRA
PROJEKT VON STUDIERENDEN

DANCING WITH MYSELF – PERFORMANCE/INSTALLATION/LECTURES

Im Rahmen von FP EXTRA zeigen Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (Regie) sowie der Goethe-Universität (Dramaturgie und Theaterwissenschaft) Arbeiten, die sie in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Stefanie Lorey und der Dramaturgin Fanti Baum entwickelt haben.
Die Reihe FP EXTRA wird von dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und dem Künstlerhaus Mousonturm in Kooperation mit dem Verlag der Autoren und dem S. Fischer Verlag organisiert.

Ulrike Haß – Aischyleische Kosmologie. Zur Frage des Horizonts im Prometheus-Fragment

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Prometheus zum Sinn- bild des Menschen stilisiert, der gegen die Tyrannis der Vatergötter rebelliert und als freies Wesen durch Irrtümer hindurch zu seiner Selbstverwirklichung und Vollendung voranschreitet. Diese anthropozentrische Sichtweise beruht auf erheblichen Verkürzungen des aischyleischen Fragments, das entsprechend seiner Antipoden zwei Legenden aufweist: die anthropologische Erzählung des Prometheus und die Theogonie des Zeus. Beide sind ein- gebettet in die Erzählung einer Kosmologie, die keine Leh- re wiedergibt, sondern eine kosmische Topologie entfaltet, die in sich völlig ratlos ist. Inmitten dieser Kosmologie gerät Prometheus zu einem Ereignis, das seinen Horizont de nitiv nicht in einer zu sich selbst voranschreitenden Menschheit hat.

Die Kosmologie des Aischylos räumt den materiellen Kräften einen aktiven Part ein. Sie haben am Werden der Welt teil. Sie verlangen eine andere Aufmerksamkeit dafür, wie das «Menschliche» und seine «Gegenspieler» unter- schieden oder überhaupt begri en werden könnten. Das Fragment des Aischylos führt uns mit Io oder dem Vogel- Mädchen-Chor der Okeaniden Träger dieser anderen Aufmerksamkeit vor, die Grenzgestalten des Weiblichen bilden. In ihrem Horizont zeigt sich das Menschliche als etwas, das sich unter heterogenen, belebten und vermeint- lich unbelebten Kräften und Geschöpfen vor ndet. Falls
es sich positioniert, geschieht dies unter anderen, weniger inmitten als am Rand.

Jour Fixe mit Carl Hegemann

Wie kein anderes Thema bewegte die Theaterwelt in der vergangenen Spielzeit der bevorstehende Intendantenwechsel an der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz in Berlin. Nachdem beim Jour fixe im Februar 2016 Marietta Piekenbrock die Perspektiven des Hauses unter dem neuen Intendanten Chris Dercon dargestellt hat, wird nun einer der schärfsten Kritiker der Neubesetzung, Carl Hegemann, beim Jour fixe zu Gast sein. Er ist Chefdramaturg des Hauses und prägte sein intellektuelles Profil wie sein Programm über mehrere Jahre hinweg maßgeblich mit.

Carl Hegemann studierte Philosophie, Gesellschafts- und Literaturwissenschaften in Frankfurt am Main, wo er 1979 mit einer Arbeit über Johann Gottlieb Fichte und Karl Marx promoviert wurde. Er war Dramaturg bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (1988–89), am Stadttheater in Freiburg (1989–92), am Schauspielhaus Bochum (1995–96), am Berliner Ensemble (1996–98) und an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (1992–95, 1998–2006 und seit 2015) und am Thalia Theater Hamburg (2011-15). Bis zu seiner Emeritierung leitete er als Professor für Dramaturgie den Dramaturgiestudiengang an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Als Dramaturg arbeitete u.a. mit Heiner Müller, Christoph Schlingensief und René Pollesch zusammen.

Beim Jour Fixe soll in offener Runde bei Brezeln, Wein und Wasser mit ihm über seinen Werdegang, seine Arbeit an den verschiedenen Theatern und natürlich über den bevorstehenden Umbruch an der Volksbühne gesprochen werden.

Lina Majdalanie – Appendix

Einen Leichnam einäschern zu lassen ist im Libanon wegen religiöser Bestimmungen unmöglich. In Appendix berichtet Lina Majdalanie von ihrem radikalen Entschluss, das Gesetz zu umgehen und ihren Körper dennoch dem Feuer zuzuführen: Sie will sich nach und nach all ihre Organe entfernen und die Gliedmaßen amputieren lassen und sie als Kunstobjekte verkaufen. Die Konsequenz, mit der die Performerin diese Gedanken verfolgt und dabei den Blick auf jene Gewalt, die Religion und Staatsmacht auf den Körper des Individuums ausüben, fasziniert und schockiert. Wie in ihren vielen Kooperationen mit Rabih Mroué verschwimmen auch hier die Grenzen zwischen persönlichem Leben, Kunst und Politik. Die Aufführung von Appendix ist zugleich Lina Majdalanies Antrittsvorlesung zu ihrer Friedrich Hölderlin Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt.
In Französisch mit Deutschen und Englischen Übertiteln.

Laura Cull – Performance Thinks: Theatre, Philosophy & the Nonhuman

Der Vortrag verortet das neue aufgekommene Feld der ‚Performance Philosophy‘ im Kontext der anglo-amerikanischen (analytischen), der sogenannten Kontinentalphilosophie des Theaters und des ‚philosophical turn‘ in der Theaterwissenschaft und den Performance Studies. Was ist dort Performance, was Philosophie? Mit jeder Antwort auf diese Fragen ist eine andere Art des Ausschlusses und der Auswahl verbunden mit Blick darauf, was als „Gedanke“ gilt und wie die Grenzen zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-menschlichen gezogen werden. ‚Performance Philosophy‘ soll ihrer Idee nach nicht als eine Philosophie der Performance verstanden werden, sondern vielmehr als eine experimentelle Praxis, die von der Annahme ausgeht, dass eine Performance denkt und dies nicht nur insofern, als man sie auf eine bewusste Reflexion oder eine intentionale Handlung ihrer menschlichen TeilnehmerInnen zurückführen kann. Dieses Axiom wird unter Rückgriff auf François Laruelles „non-philosophy“ untersucht werden. Laruelle plädiert für einen Bruch mit einer Philosophie, die sich im Voraus als ‚wahre‘ Philosophie definiert, um diese dann auf angeblich nicht denkende, nicht philosophische Objekte (wie das Theater oder die Performance) anzuwenden. Stattdessen schlägt Laruelle eine Praxis des Denkens vor, die sich durch das, was sie zu denken versucht, definiert — auf eine Weise, welche anerkennt, dass das Objekt selber denkt.

Jour Fixe mit Xavier Le Roy

Xavier Le Roy ist einer der herausragenden Künstler auf den Gebieten des Tanzes und der Chroeographie der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte. Mit Arbeiten wie „Self unfinished“, „Product of Circumstances“, „Le Sacre du Printemps“ und „Low Pieces“, aber auch mit der performativen Ausstellung „Retrospective“ und den damit verbundenen grunderschütternden Fragen an Tanz und Ballett hat er Tanz- und Choreographie-Geschichte geschrieben. Jetzt arbeitet er mit Tiziano Manca und Christophe Wavelet unter dem Label „Issho Ni Ensemble“ an dem Stück „Haben Sie modern gesagt?“, das Ende Januar im Rahmen des Festivals „Frankfurter Positionen“ im Frankfurt Lab uraufgeführt werden wird. In einem Jour fixe extra stellt er seine Arbeit vor und diskutiert sie mit Studierenden und Gästen.

Der gebürtige Franzose Le Roy wurde in Molekularbiologie an der Universität Montpellier promoviert und arbeitet seit 1991 als Tänzer und Choreograf mit unterschiedlichen Kompanien und Choreografen zusammen. Von 1996 bis 2003 war er Artist-in-Residence im Podewil Berlin. 2007/08 war er Associated Artist am Centre Chorégraphique National de Montpellier, 2010 Artist-in-Residence fellow des MIT Program in Art-Culture and Technology in Cambridge (USA). 2013-2015 war er Artist-in-Residence am Théâtre de la Cité Universitaire in Paris (2013-15).

Jour Fixe mit Marietta Piekenbrock

Nach 25 Jahren Intendanz von Frank Castorf kommt es an der Berliner Volksbühne 2017 zu dem wohl meist diskutierten Intendantenwechsel der jüngeren deutschen Theatergeschichte: Der derzeitige Leiter der Tate Modern in London, Chris Dercon, wird die Leitung des Hauses übernehmen. Maßgeblich mitverantwortlich für die zukünftige Ausrichtung der Volksbühne ist die designierte Programmdirektorin Marietta Piekenbrock.

Piekenbrock studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Aix-en-Provence, München und Paris (bei Julia Kristèva). Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet sie als Dramaturgin, Kuratorin und Autorin u.a. für das Bayerische Staatsschauspiel, die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 und die Ruhrtriennale.

Beim Jour Fixe soll in gewohnt offener Runde bei Brezeln, Wein und Wasser mit Marietta Piekenbrock über ihren Werdegang und ihre Suche nach neuen institutionellen Antworten für zeitgenössische Kunst- und Produktionsformen an der zukünftigen Volksbühne gesprochen werden.

Jour Fixe mit Stefanie Lorey

Stefanie Lorey studierte in Köln und Giessen, wo sie ihr Studium 2005 als Diplom-Theaterwissenschaftlerin abschloss. Seit 2001 entwickelt sie zusammen mit Bjoern Auftrag und dem Label Auftrag : Lorey Projekte, die sich zwischen Konzept- und installativer Kunst, zwischen Performance, dokumentarischem Theater und Site Specific Art, zwischen Stadttheater und Freier Szene bewegen.
Ihre Arbeiten entstehen aus der Begegnung vor Ort, aus den lokalen Bedingungen und Gegebenheiten, den Fähigkeiten und Kenntnissen der Beteiligten. Die formale Struktur, die ihre Inszenierungen prägt, ist zugleich Spielraum für das Unvorhergesehene, das Unberechenbare, das zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dem, was sich zeigt und dem, wie es gesehen wird, zwischen Präsentiertem und seiner Wahrnehmung. Aus der Logik des versammelten Materials konstruieren sie Wahrnehmungsapparate, in denen spielerisch die Relationen von Sinn und Sinnlichkeit ausgelotet werden. Und die – zumindest für den Moment – die Selbstverständlichkeit, wie wir auf die Welt blicken und sie uns erzählen, hinterfragen.

Im Herbst wird Stefanie Lorey ein Szenisches Projekt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft leiten und betreuen. Beim Jour Fixe soll in offener Runde bei Brezeln, Wein und Wasser mit Lorey über ihren Werdegang, ihre künstlerische Arbeit und das geplante Projekt gesprochen werden.