Implosion der Institution Stadttheater? (Masterclass)

«Implosion der Institution Stadttheater? Geschichte, Analyse, Perspektiven»

Den Zeitplan der Master Class finden Sie hier

Time Table Master Class english

Donnerstag 25.10.18 ab 18:00 Uhr,
Freitag 26.10.18 von 10:00-19:00 Uhr,
Samstag 27.10.18 von 10:00-13:30 Uhr

Goethe-Universität Frankfurt, Campus Westend, Raum 1.811, Casino

Vor dem Hintergrund der Debatten über die gegenwärtige Krise des Stadttheaters sollen die diesen zugrundeliegenden ökonomischen, künstlerischen und politischen Fragen wie auch die mit dieser Krise verbundenen Chancen diskutiert werden. Dabei verweist der Begriff „Implosion“ darauf, dass die Zahl der «Inszenierungen an öffentlichen Bühnen» heute um 50 Prozent höher als in der ersten Spielzeit nach der Wiedervereinigung, gleichzeitig aber die Besucherzahl pro Spielzeit konstant bei um die 20 Millionen geblieben ist und zugleich die Zahl der festangestellten Ensemblemitglieder in diesem Zeitraum um 50 Prozent reduziert wurde: Mit weniger künstlerisch Beschäftigten wird mehr produziert bei schwindendem Interesse. Die öffentlichen Theaterinstitutionen, so ließe sich resümieren, sind zum Paradebeispiel jener neoliberalen Produktionsweisen bzw. jenes neuen Geists des Kapitalismus (Boltanski/Chiapello) geworden, die auf der Bühne und in Podien der Theater gerne kritisiert werden.

Die Lage vieler an ihnen arbeitenden Künstler*innen nähert sich derjenigen an, welche seit je die soziale Realität der meisten «frei schaffenden» darstellenden Künstler*innen ist. Überdies werden Sparten oder ganze Theater geschlossen oder in größeren Verbünden mit zweifelhafter Erfolgsaussicht zusammengefasst. Initiativen wie das «Ensemble Netzwerk», «Pro Quote» oder «art but fair», Diskussionen über das immer wieder zu Übergriffen führende «Künstler-Privileg» und die Alleinherrschaft autokratischer Intendanten, eine anhaltende Debatte, die seit Jahren auf «nachtkritik.de» und in Publikationen, etwa der großen Studie von Thomas Schmidt «Theater, Krise und Reform. Eine Kritik des deutschen Theatersystems», geführt wird, legen nahe, dass grundlegende Diskussionen über die Institution wieder aufgegriffen werden sollten, wie sie in den 20er- und 30er-Jahren und den 1970er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zumal in Frankfurt, folgenreich geführt wurden, etwa über andere Produktionsweisen und Modelle der Mitbestimmung.

Bei der Suche nach Ursachen der Krise muss über die Ideologie des schlanken Staats, welche vor dem Bereich des Theaters so wenig Halt macht wie vor dem der Universitäten und Hochschulen, des Gesundheitswesens oder der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur, gesprochen werden, aber auch über die möglicherweise bald platzende «Reeducation-Blase» (Dirk Baecker), der die Theater hierzulande noch ihre vergleichsweise üppige Subventionierung verdanken. Es gilt über die von «post-migrantischen» Theatern wie dem Maxim Gorki-Theater, aber auch von den Münchner Kammerspielen oder dem Produktionshaus Kampnagel aufgeworfene Frage nachzudenken, ob nicht in Zeiten der Globalisierung und einer längst durch vielfältige Migrationen veränderten Gesellschaft anderen Akteur*innen die Bühnen zu öffnen wären, Menschen mit anderem sozialen und kulturellen Hintergrund, mit anderen Kenntnissen und Erfahrungen und anderen Ausdrucksformen. Und es muss mit Blick auf die Debatte um die Neubesetzung der Volksbühne und ihr Scheitern über das mit ihr verfolgte Programm nachgedacht werden: Ist es gerechtfertigt, eine einzige Kunstform gegenüber vielen anderen – Popkonzerten, Hörspielen, Tanz, digitale Spielkultur, Film, Installationskunst und Kunst im öffentlichen Raum, Happenings, Performance-Kunst, site-specfic art, Community Theater, etc. pp. – derart zu privilegieren? Wie stellt sich die Situation der deutschen Institutionen im Vergleich mit ähnlich hochsubventionierten Institutionen in anderen Ländern (etwa in Norwegen, Finnland, Frankreich oder Belgien) dar?

Die Veranstaltung bildet den Abschluss eines im Sommersemester 2018 von Tore Vagn Lid und Nikolaus Müller-Schöll gemeinsam angebotenen Seminars wie auch der Ringvorlesung über «Dramaturgien der Theaterarchitektur». Sie wird Studierenden und Doktorand*innen die Gelegenheit bieten, eigene Forschungsergebnisse in Impulsvorträgen zur Diskussion zu stellen. Ergänzt werden deren Beiträge durch mehrere Keynotes und öffentliche Diskussionsrunden mit Theaterwissenschaftler*innen, Künstler*innen, Intendant*innen und Zeitzeugen.

Das komplette Programm der Veranstaltung wird zu finden sein unter: implosion-stadttheater.de.
Anmeldungen erbeten: implosion-stadttheater@gmail.com

«Implosion der Institution Stadttheater? Geschichte, Analyse, Perspektiven» wird veranstaltet von der Theaterwissenschaft der Goethe-Universität in Kooperation mit den Partner-Instituten des neuen internationalen Studiengangs Comparative Dramaturgy and Performance Researchin Brüssel, Helsinki, Oslo und Paris und mit der Hessischen Theaterakademie.

Leitung: Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll, Prof. Dr. Tore Vagn Lid, Sophie Osburg M.A., Inga Bendukat M.A.

Mit Beiträgen von: Antigone Akgün, Andreas Fleck, Christoph Gurk, Ulrike Haß, Matthias von Hartz, Melanie Hirner, Olivia Hotz, Renate Klett, An-Marie Lambrechts, Eva Lange, Jan Linders*, Anne-Christine Liske, Anna Neudert, Nikolaus Müller-Schöll, Katariina Numminen, Ching-Wen Peng, Insa Peters, Deborah Raulin, Rainer Römer, Falk Rößler, Bernhard Siebert, Thomas Schmidt, Christophe Triau, Carola Unser, Tore Vagn Lid, Karel Vanhaesebrouck, Jonas Zipf, u.a.

Dramaturgien des Ausnahmezustands (Seminar+Szenisches Projekt)

Dramaturgien des Ausnahmezustandes. Blockseminar und Szenisches Projekt

Termine unter: https://qis.server.uni-frankfurt.de/qisserver/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung&veranstaltung.veranstid=255380

Im Rahmen eines Blockseminars sowie eines szenischen Projekts soll mit Frankfurter Studierenden und einem kleinen künstlerischen Team aus Norwegen eine szenische Übung (Etüde) unter dem Titel «Zustände der Ausnahme» erarbeitet werden. Dabei soll mit dem sogenannten Konzept des «Scenic DUB» (Erklärung folgt unten) experimentiert werden. Ausgangspunkt dabei wird ein künstlerischer und gedanklicher Dialog mit dem Lehrstück Die Maßnahme von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, mit Brechts Fatzer-Fragment sowie mit Niccòllo Machiavellis Der Fürst sein.

Das Projekt ist als Zusammenarbeit der Goethe-Universität mit der freien Theaterkompanie Transiteatret-Bergen angelegt, und wird hauptsächlich auf Englisch gehalten.

Der «Ausnahmezustand» beschreibt Situationen, in denen die üblichen Gesetze und Regeln ausgesetzt werden, oft aufgrund einer Katastrophe oder eines unvorhergesehenen Ereignisses. Im Ausnahmezustand wird eine kritische Situation beschrieben, in der Entscheidungen getroffen werden müssen, die von allen zusammen zu finden sind – und dies ohne Rückgriff auf bestehende Normen und Regeln. Von daher kann der Ausnahmezustand als existenzieller Nullpunkt von Politik begriffen werden. «Die Ausnahme denkt über das Gewöhnliche mit energetischer Leidenschaft nach», schrieb Søren Kierkegaard. «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», formulierte Carl Schmitt. Zugleich ist der Ausnahmezustand immer eine Möglichkeit, er kann jederzeit eintreten, überall, und überall kann er zum Dauerzustand werden.

«DUB» kam als musikalische Form Ende der 60er-Jahre in Jamaica als politische Protestform auf. Der Solist wurde dabei durch das Mischpult ersetzt, wodurch sich eine kritische Neuorganisation der musikalischen Perspektiven, der Hierarchien sowie der Hörformen und Arbeitsweisen ergab.

Der experimentelle Theaterraum trägt selbst in sich das Potential eines Ausnahmezustandes: Regeln können beseitigt, Gesetze aufgelöst, Gedankenexperimente unternommen werden, Hierarchien können sich umkehren und Dinge, die man anderswo nicht sagen kann, können ausgesprochen werden. Das Konzept eines «Scenic DUB» ist im Grunde der Versuch eines reziproken Umbaus, aus dem sich eine neue (musikdramatische) Gattung ergeben soll: Im gleichen Maß, wie die musikalischen DUB-Strategien und ihre Formen des Denkens und Arbeitens auf die Bühne übertragen werden, muss die DUB-Musik das Theater in ein ausgedehnteres Gefüge von Raum, Bewegung, Aktion und (Radio)-Stück integrieren. Die Voraussetzung für einen solchen Umbau ist ein künstlerischer Prozess, der dem Credo der DUB-Musik korrespondiert: Ein Team von Musikern, Schauspielern, bildenden Künstlern, Animatoren und Sound Designern arbeitet zusammen an einem gemeinsamen Ziel – auf unterschiedliche Weise und auch zu unterschiedlichen Zeiten. Zwangsläufig ist dabei nicht jeder die ganze Zeit über während des Probenprozesses und der Mischung der Performance anwesend, aber jeder arbeitet am gleichen Ziel. So wie im klassischen DUB Mix verschiedene Zugänge verschiedene Perspektiven ergeben und verschiedene Perspektiven verschiedene Erfahrungen…

Tore Vagn Lid (Sommersemester 2018)

Dramaturgien des Ausnahmezustands (Seminar+Szenisches Projekt)Implosion der Institution Stadttheater? (Masterclass)

Als siebten Gast im Rahmen der Friedrich Hölderlin-Gastprofessur begrüßen wir im Sommersemester 2018 den norwegischen Regisseur und Theaterforscher Prof. Dr. Tore Vagn Lid.

Er hält als Antrittsveranstaltung sein visuelles Hörstück „Almenrausch“, dem eine langjährige Recherche über den kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Norwegen, dessen gewaltsame Niederschlagung und späteres Totschweigen zugrunde liegt.

Tore Vagn Lid wird im Rahmen seines Aufenthalts in Frankfurt drei Seminare unterrichten, die neben den Studierenden der TFM auch Studierenden der AVL sowie der Hessischen Theaterakademie offen stehen.